Kommentar

Die Autoindustrie macht den Verbraucher zum Versuchskaninchen

Weil Fahrzeuge auf der Straße viel mehr auspusten als auf dem Prüfstand, gibt es nun ein strengeres Messverfahren für Neufahrzeuge. Reine Bananentaktik, meint unsere Autorin.

Was für ein grenzenloser Betrug! Allein im vergangenen Jahr haben einer Studie zufolge deutsche Autofahrer 5,5 Milliarden Euro zusätzlich für Benzin und Diesel ausgegeben, weil ihre Wagen viel mehr verbrauchen als von den Herstellern angegeben. Die Zahlen veröffentlichte der Verband Transport & Environment (T&E) in dieser Woche in Brüssel.

Diese Studie hat auch offenbart, dass die Täuschung der Autofahrer seit dem Jahr 2000 keine Grenzen mehr kannte: Vor 18 Jahren habe der Mehrverbrauch gegenüber den Herstellerangaben noch bei 9 Prozent gelegen, im Jahr 2017 sei er auf 42 Prozent gestiegen. Wird nun mit dem neuen Testverfahren WLTP alles wieder gut? Bekommt der Käufer endlich wieder ein ehrliches Auto, das auch vier Liter verbraucht, wenn vier Liter angegeben sind?

Nun mal langsam, wer will den gleich unverschämt werden! WLTP beschert dem Autofahrer erst einmal zwei Neuerungen: Er muss nach ersten Schätzungen im Schnitt 50 Euro mehr an KfZ-Steuer zahlen. Und er muss sich, Achtung, gelernte DDR-Bürger haben hier einen unschlagbaren Vorteil, in Geduld üben: Denn insbesondere beim Volkswagen-Konzern, zu dem die Marke Audi gehört, besitzen etliche Neuwagen das WLTP-Testzertifikat noch gar nicht. Auf den Audi A5 warten Käufer laut Medienberichten derzeit bis zu neun Monate, auf einen Audi Q5 sogar elf Monate.

Garantien gibt es also keine

So, und nun noch einmal die Frage: Bekommt man nach all der Warterei dann auch ein Vier-Liter-Auto, das tatsächlich vier Liter verbraucht? Der Verband Transport Environment (T&E) ist da skeptisch und sieht in diesem Test „neue Schlupflöcher für die Autoindustrie“.

Der Verband der Automobilindustrie findet diese Behauptung empörend: „Es ist unverständlich, warum T&E die Reform der Abgas- und Verbrauchsmessungsangaben bereits schlechtredet und die Verlässlichkeit von WLTP in Zweifel zieht, bevor aussagekräftige Erfahrungswerte mit den neuen Regelungen vorliegen.“ Ein Dementi klingt anders. Garantien gibt es also keine, der Test läuft beim Verbraucher, ob der will oder nicht.

Bananentaktik nennt das der Volksmund: Das Produkt reift beim Kunden. So gewinnt man das verlorene Vertrauen der betrogenen Verbraucher sicher nicht zurück.

Antje Wegwerth

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