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Wie Assistenzsysteme im Auto nachgerüstet werden können

Rühr mich nicht an: Diese Handyhalterung mit sprachgesteuerter App für Smartphones aktiviert sich mit einer Handbewegung und arbeitet mit dem Sprachservice Alexa von Amazon.
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Logitec

Navi, Notruf, Lichtsensor: Neuwagen ohne Assistenzsysteme gibt es praktisch nicht mehr. Doch auch in immer mehr Gebrauchte ziehen die Helfer ein – denn es gibt Nachrüstlösungen. Allerdings mit sehr großen Unterschieden bei Qualität und Funktionsumfang.

Das Heer von Assistenzsystemen hat die Kleinwagen erreicht. Kollisions- und Spurhaltewarner, Licht- und Regensensor, Rückfahrkameras und Einparkhilfen sind längst nicht mehr den höheren Fahrzeugklassen vorbehalten. Selbst in Kleinstwagen wie dem Smart ist ein Tempomat mittlerweile serienmäßig. Sogar ein Seitenwindassistent ist an Bord, der bei Böen durch Bremseingriffe das Wegdriften des Autos verhindern soll.

Die Digitalisierung hat die Pkw-Entwicklung enorm beschleunigt. Da ein Auto auf Deutschlands Straßen nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) aber im Durchschnitt mit 9,3 Jahren zum 1. Januar 2017 gegenüber dem Vorjahr noch mal ein bisschen älter geworden ist, ist der aktuelle Fahrzeugbestand längst nicht so gut ausgerüstet wie Neuwagen. Das weckt Begehrlichkeiten, auf die der Zubehörhandel und die Autohersteller reagieren. Denn es gibt Nachrüstsysteme – wenngleich Vorsicht geboten ist.

Einparkhilfen, Regen- und Lichtsensoren oder Tempomaten sind laut Tüv Süd im Zubehörhandel zu haben, teilweise für unter 100 Euro zuzüglich Einbau. „Solche Systeme sollten unbedingt in einer Fachwerkstatt eingebaut werden, da die Elektronik des Autos sonst beeinträchtigt oder sogar zerstört werden kann”, rät Marcel Mühlich vom Auto Club Europa (ACE).

Fachleute raten von bestimmten Nachrüstungen ab

Ordentlich installiert könnten Nachrüstungen aus dem Zubehörhandel aber durchaus zufriedenstellend funktionieren, ergänzt er. Das gelte auch für schwieriger einzubauende Systeme wie einen Totwinkelwarner. Wie die Originalsysteme der Hersteller arbeiteten diese zuverlässig, wenn Radarsensoren zum Zuge kämen.

Doch der Experte zieht eine Grenze: „Komplexe Systeme wie Spurhalte- oder Notbremsassistenten können nur vom Hersteller abgestimmt werden, denn sie müssen auf viele Sensoren und Daten aus dem Steuercomputer des Fahrzeugs zurückgreifen.” Zudem sei eine aufwendig auf das jeweilige Fahrzeug abgestimmte Software nötig, die der Zubehörhandel nicht bieten könne.

Josef Schloßmacher von Audi weist auf den Kostenfaktor hin, der viele Systeme kaum lohnenswert erscheinen lässt: „Wenn nicht spezielle Sensorik oder der Kabelstrang für das betreffende System an Bord ist, ist der nachträgliche Einbau oft zu aufwendig und damit viel zu teuer.”

Manche Assistenten können nachträglich freigeschaltet werden

So verfolgt Audi seit 2010 einen anderen Ansatz: On-demand. 2010 war der Kleinwagen A1 der erste Audi, bei dem man sich die Navigationsfunktion nachträglich freischalten lassen konnte. „Gedacht ist das für nicht so finanzkräftige Fahrer, die bei der Anschaffung des Autos nicht gleich alle Extras bestellen wollen.”

Vergleichsweise einfach ist oft auch der Tempomat zu aktivieren, wenn das Auto dafür vorbereitet ist: „Sollten Sie ein Auto mit elektronisch geregeltem Gaspedal besitzen, reicht oft schon das alleinige Aufspielen einer Software”, sagt ACE-Fachmann Mühlich.

Vorsicht geboten ist bei vielen Helfern, die mit dem Smartphone oder mit aufgerüsteten Nachrüst-Navis digitalen Wind ins Cockpit bringen sollen. Versprechen Apps, über die Handy-Kamera die Fahrbahn zu beobachten, um den Fahrer bei Verlassen der Spur oder Überfahren von Markierungen warnen zu können, so ist darauf laut Mühlich kein Verlass.

„Von Lösungen, die mit dem Smartphone zusammenarbeiten und die Sicherheit erhöhen sollen, ist abzuraten.” Zwar erkennen viele Lösungen gestrichelte oder durchgezogene Linien, doch können sie oft nicht unterscheiden, ob ein Spurwechsel beabsichtigt ist oder nicht – wovon abhängt, ob die Warnung Sinn ergibt.

Smartphone-Apps fehlen wichtige Informationen

Anders die Systeme vom Autohersteller: So unterscheidet der Spurwechselassistent zum Beispiel anhand eines gesetzten Blinkers zwischen Absicht und Versäumnis. Genauso wenig können sich Nachrüst-Gadgets per Vibration über das Lenkrad melden – was bei vielen ab Werk realisierten Lösungen der Fall ist.

„Beispielsweise fehlen Spurhalte-Apps wichtige Informationen wie die des Lenkeinschlags, um zuverlässig warnen zu können”, sagt Mühlich. „Und aktiv eingreifen, wie die Spur korrigieren, können solche Systeme überhaupt nicht.”

Es gibt aber Einzellösungen, die das Autofahren auch sicherer machen können. So sind Handyhalterungen auf dem Markt, die die Sprachsteuerung ins Auto holen und selbst vielen Neuwagen noch fehlen. E-Mails und WhatsApp-Textnachrichten lassen sich diktieren oder die Navigation und Musikauswahl per mündlichem Befehl steuern – was die Sicherheit gegenüber manuell zu bedienenden Lösungen erhöht.

Automatischer Notruf ab 2018 in allen Neuwagen

Das Gerät eines Schweizer Herstellers, das mit Amazons virtuellem sprachgesteuerten Assistenten Alexa funktioniert, erhielt jüngst als erstes seiner Art sogar ein Tüv-Siegel, sagt Vincenzo Lucà vom Tüv Süd. Auch andere Produkte wie mobile Navigationsgeräte beherrschen Sprachsteuerung, Freisprechen über Bluetooth oder eine automatische Notruffunktion, wie sie als eCall erst ab Frühjahr 2018 verpflichtend in alle Neuwagen kommt.

Ein weiterer Aspekt kann der Wiederverkaufswert sein. „Eine gute Ausstattung trägt dazu bei, dass ein Fahrzeug am Markt stärker nachgefragt wird als dasselbe Modell ohne diese Extras”, sagt Martin Weiss, der für die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) im Zuge der Marktforschung Fahrzeuge bewertet.

Und das drücke sich in Form eines höheren Preises aus. „Was für das neue Auto gilt, gilt selbstverständlich auch für das gebrauchte: Auf die Ausstattung kommt es an”, sagt Weiss. Wobei bei Nachrüstlösungen gilt: Empfindet ein Kaufinteressent ein Auto als verbastelt, könnte er Abstand nehmen.