Am Landgericht Neubrandenburg ging am Donnerstag der sogenannte Selbstjustizprozess weiter. Dabei gab es eine überraschen
Am Landgericht Neubrandenburg ging am Donnerstag der sogenannte Selbstjustizprozess weiter. Dabei gab es eine überraschende Entwicklung. Carina Göls
Psychoterror

Angeklagte in Selbstjustizprozess in anderes Gefängnis verlegt

Im Prozess um die Misshandlung eines Nachbarn ist die Beweisaufnahme fortgesetzt worden. Doch die Hauptangeklagte stand plötzlich aus anderen Gründen im Mittelpunkt.
Neubrandenburg

Das Klirren der Fußfesseln schien fast vergessen. Denn die Hauptangeklagte im sogenannten Selbstjustizprozess um die Misshandlung eines Nachbarn hatte diese nur zum Prozessauftakt tragen müssen. Doch nun waren die Schellen um die Knöchel wieder hör – und sichtbar, als die 26-Jährige am Donnerstag den Verhandlungssaal am Landgericht Neubrandenburg betrat.

Von Neustrelitz nach Bützow

Die Aussagen weiterer Polizisten und von zwei Richtern sollten in der langsam zu Ende gehenden Beweisaufnahme im Mittelpunkt stehen. Doch als Richterin Daniela Lieschke die Einschätzung aus der Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Neustrelitz verlas, geriet etwas ganz anderes in den Blick.

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Seit 14. Januar ist die Mutter zweier Kinder aus Lärz (Kreis Mecklenburgische Seenplatte), die sich gemeinsam mit drei Männern des versuchten Mordes beziehungsweise der gefährlichen Körperverletzung und Freiheitsberaubung schuldig gemacht haben soll, in einem anderen Gefängnis untergebracht. Sie sitzt nun in der JVA Bützow in Untersuchungshaft. Sie würde einen „schädlichen Einfluss” auf anderen Inhaftierte haben, den Frieden in der JVA gefährden. Und das war nur die grobe Zusammenfassung dessen, was die Richterin verlas.

„Hat versucht, andere zu instrumentalisieren”

Demnach war die Angeklagte, die Ende April des vergangenen Jahres festgenommen worden war, manipulativ gegenüber Mithäftlingen und auch gegenüber dem Vollzugspersonal. „Sie ist eine sehr selbstbewusste Gefangene, die versucht, andere zu instrumentalisieren”, verlas die Richterin. Im Klartext bedeute das, dass sie anderen Verhaltensvorschriften habe machen wollen und dass sie einer schwangeren Inhaftierten in den Bauch schlagen wollte. Sie soll Druck und Angst auf andere andere Mitgefangene ausgeübt haben, unter anderem um für sich ein Messer aus der Küche oder Sonderportionen zu erzwingen. „Sie hört nicht zu, beharrt auf ihrer Meinung und das in einer bockigen Art mit provokanter Ausdrucksweise”. Grund genug, den Psychoterror mit einer Verlegung zu beenden.

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Abseits dieses „Nebenkriegsschauplatzes” soll der spektakuläre Prozess aber bald zum Ende kommen. Doch um ein Urteil fällen zu können, muss die Kammer zweifelsfrei klären, ob und in welchem Umfang die vier Angeklagten das Opfer misshandelt und verletzt haben. Dazu wurden am Donnerstag weitere Zeugen gehört: Polizisten, die bei der Durchsuchung der Wohnungen zweier Delinquenten dabei waren sowie eine Richterin des Amtsgerichts Waren, die seinerzeit einen Haftbefehl verhängt hatte. Denn es geht im Zusammenhang mit dem aktuellen Verfahren auch um einen verknüpften Prozess wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Bei den Hausdurchsuchungen waren Drogen „in nicht geringer Menge” gefunden worden. Auch ein Richter aus Waren, der seinerzeit die ersten Zeugenbefragungen in dem Selbstjustizfall geführt hatte, kam umfangreich zu Wort.

Angeklagte wirkte müde und erschöpft

Vieles deckte sich mit den Aussagen bisheriger Zeugen. Immer wieder spielte die angebliche Angst der Hauptangeklagten um ihren sechsjährigen Sohn und die kleine Tochter (2) eine Rolle. Diese Angst wurde diesmal durch die Zeugenaussagen konkreter. Es habe Hintermänner, Drogenlieferanten gegeben, die sie mit Bedrohungen gegenüber ihren Kinder hätten mundtot machen wollen. Doch bewiesen ist nichts. Fakt ist nur, dass kiloweise Amphetamine, ein Messer und ein Schlagring in der Wohnung in Lärz gefunden wurde, zudem weitere Drogen in der Wohnung eines mutmaßlichen Komplizen in Mirow. Deren Besitz streitet die 26-Jährige ab.

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Das erste Mal in all den Prozesstagen wirkte sie diesmal müde und erschöpft. Die sonst so gerade, mitunter abwesend erscheinende Haltung auf der Anklagebank war einem fast zerbrechlichen, geknickten Bild gewichen. Sie hatte den Kopf fast nur in Hände gestützt, die Augen oft halb oder ganz geschlossen. Und auch der sonst so intensive Blick zu einem mitangeklagten Freund schräg hinter ihr im Gerichtssaal wirkte diesmal leer.

Aussage des Sohnes wirft weiteres Schlaglicht auf den Fall

Dem Quartett aus Lärz und Mirow wird vorgeworfen, Ende Februar des vergangenen Jahres einen Nachbarn der 26-jährigen Hauptangeklagten in Lärz misshandelt, verschleppt und sich selbst überlassen zu haben – den Tod des Opfers einkalkulierend. Es sei ein besonders grausamer Fall von Selbstjustiz, hatte die Staatsanwaltschaft angemerkt.

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In den vergangenen Prozesstagen waren zahlreiche Zeugen aus dem Umfeld der Beschuldigten, aber auch Polizisten gehört worden. Vor Kurzem hatte die Aussage einer Polizistin, die den sechsjährigen Sohn der Angeklagten vernommen hatte, dem Prozess eine neue, düstere Facette hinzugefügt. Laut Aussage des Kindes soll der 39-jährige Nachbar, das spätere Opfer, den Jungen unsittlich berührt haben. Dieser Vorwurf gilt auch als Motiv der angeklagten Mutter und ihrer mutmaßlichen Komplizen, den Mann aus dem Wohnblock in Lärz bestrafen zu wollen. Bewiesen sind die Vorwürfe bisher nicht, allerdings gibt es inzwischen eine Anklage gegen den Nachbarn.

Gutachter werden gehört und Plädoyers erwartet

Laut richterlicher Zeugenaussagen leide der Mann seit der Misshandlung und Verschleppung Ende Februar des vergangenen Jahres unter Angstzuständen, sei seitdem krankgeschrieben und erfahre Hilfe beim Opferschutzverein Weißer Ring. Der 39-Jährige, der selbst regelmäßigen Alkoholkonsum zugegeben hat – gilt in der kleinen Gemeinde Lärz am Südzipfel der Müritz als freundlich und umgänglich. Er habe immer gern junge Leute um sich in seiner Wohnung, wie man im Dorf auch unter den Jugendlichen, die früher bei ihm waren, erzählt.

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Die beiden Kinder der Hauptangeklagten sollen derzeit getrennt voneinander bei Verwandten leben. Die drei angeklagten Männer sind auf freiem Fuß. Alle vier schweigen bislang zu den Vorwürfen. Am 8. und 10. Februar wird der Prozess fortgesetzt. Dann sollen letzte Zeugen und vor allem die Gutachter zu Wort kommen. Anschließend werden die Plädoyers gehalten, für den 17. Februar wird das Urteil erwartet.

 

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