Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff? Mit seinem aktuellen Programm „Henkersmahlzeit“ kommt Steffen Hagemann di
Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff? Mit seinem aktuellen Programm „Henkersmahlzeit“ kommt Steffen Hagemann diese Woche dorthin, wo alles anfing: an die Seenplatte Bundesvereinigung Kabarett
Interview

„Kabarett hat in Deutschland oft so was Moralpredigendes“

Dem Kabarett hat sich Steffen Hagemann schon als Jugendlicher an der Seenplatte verschrieben. Mittlerweile ist er mit seinem Programm in ganz Deutschland unterwegs.
Neubrandenburg

Herr Hagemann, sind Sie denn eigentlich ein heiterer Mensch – oder eher ein sarkastischer Typ?

Ich glaube, Kabarettisten sind meist eher Zyniker, aber solche, die immer noch eine Portion Optimismus haben, die Hoffnung, dass aus dem Zynismus Produktives erwachsen kann.

 

War schon Ihr Start bei der Gesellschaft der Liebhaber des Theaters in Neubrandenburg Ihrer satirischen Ader geschuldet?

Angefangen hatte ich dort im Jugendtheater und wurde dann gefragt, ob die Kabarettgruppe „Tollense-Stichlinge“ etwas für mich wäre. Das war schon eine Ehre! Ich war damals 16, 17 – eine Zeit, wo man anfängt, Satire zu verstehen; auch eine Phase der Politisierung. Ich fand die Chance sehr spannend, politische Themen auf die Bühne zu bringen, und andere gucken sich das an und können vielleicht darüber lachen.

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Worüber können Sie lachen, wenn Sie sich Kabarett oder Comedy anschauen?

Ich muss zugeben, ich schaue gar nicht so viel Kabarett. Das hat mit der Entwicklung in Deutschland zu tun, wo Kabarett oft so was Moralpredigendes bekommen hat, man hört gar nicht so die Satire raus, sondern eher Moral und Belehrung. Lachen kann ich hingegen oft im Theater. Schön ist das Tragisch-Komische: Wenn man gesellschaftspolitische Dramen zuspitzt, entsteht das Komische aus dem Versuch, sich dagegen zu behaupten, und dem Scheitern daran.

 

In ihrer Vita erwähnen Sie den „Abbruch des Abiturs, um sich den wichtigen Dingen des Lebens zu widmen“. Welche waren das? Und sind Ihnen heute andere Dinge wichtig?

Damals war ich gerade frische 18 geworden und setzte meine neue erwachsene Verantwortung gleich mal um, indem ich mich selbst aus der Schule entließ. Wichtig war, Theater und Kabarett zu spielen, damit war ich auch ganz gut beschäftigt. Ich habe auch als Honorarkraft im Stadtarchiv gearbeitet, meinen Zivildienst im Hospiz geleistet und dadurch eine andere Lebensrealität kennengelernt, mich dann für die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger entschieden. Jetzt, wo ich promoviere, sagt meine Mutter: Das hättest du einfacher haben können. Aber ich finde, es war der richtige Weg.

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Dieser Weg führte Sie einige Jahre von der Bühne weg – wie kam das, und wie fanden Sie wieder hin?

Aus dem Blick geriet das Theaterspielen mit meinem Umzug von Neubrandenburg nach Rostock. Mit 24 war es damals Zeit für einen Tapetenwechsel. Aber ich kam in eine Stadt, in der ich keinen kannte, mit einem 40-Stunden-Woche-Schichtdienstberuf, da war keine Zeit und kein Gedanke fürs Kabarett. Später im Studium hatte ich dann wieder mehr Freiheit und das Gefühl, ich muss ganz vieles nachholen. Als ich dann nach Berlin zog, fand ich: Fünf Jahre Pause sind genug.

 

Sie hatten sich damals für ein Soziologie-Studium entschieden – das ist schon eine andere Welt als der Pfleger-Beruf. Was hat Sie motiviert?

Nach der Schule eine Entscheidung fürs ganze Leben zu treffen, das kann meine Generation ja gar nicht mehr. Ich habe damals viele interessante Bücher gelesen, von denen ich feststellte, dass sie von Soziolog:innen geschrieben waren und dieses Fach etwas für mich sein könnte. Es bietet verschiedene Perspektiven auf die Gesellschaft und das, was passiert, es ist immer eine Art Zeitdiagnose. Das will Kabarett ja auch: herausfinden, was diese Zeit mit uns macht.

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Auf welche Weise tun Sie das, was regt Sie an?

Es ist eine Mischung aus klassischem Szenenkabarett und dramaturgischem rotem Faden. Anlässe liefern oft Dinge, die ich für mich selbst als wichtig erachte. Dazu gehört natürlich das große Thema der sozialen Ungleichheit. Woran machen sich Konflikte in der Gesellschaft fest? Und wie versuchen sich Menschen aus verschiedenen Positionen, dagegen zu behaupten? Aber auch Klimakatastrophe, Digitalisierung, das Phänomen der Influencer:innen und anderes spielen eine Rolle.

 

Ein Szenenfoto zu Ihrem aktuellen Programm „Henkersmahlzeit“ erinnert an den Untergang der „Titanic“ ...

Ja, das Programm spielt in der Zukunft und ist gleichzeitig etwas historisch angelegt. Deutschland ist ein sinkendes Schiff, alles andere ist schon abgesoffen, und mit den zu Ende gehenden Ressourcen beginnt dann der Verteilungskampf: Wer darf bleiben, und wie geht man mit denen um, die man scheinbar nicht mehr braucht?

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Während der Corona-Pandemie, als Sie monatelang nicht auftreten konnten, haben Sie Szenen unter dem Titel „Notaufnahme“ online veröffentlicht. Wie fällt Ihr Resümee dieser digitalen Alternative aus?

Das war ein Ausprobieren, unter Ausschlachtung meines ersten Soloprogramms. Bedingt durch meine berufliche Erfahrung drehte es sich um ein Krankenhaus, und gerade in der Zeit der Pandemie wurde ja die Frage nach den Verwerfungen unseres Gesundheitssystems umso deutlicher gestellt. Aber ein Amateurkabarettist, der keinen großen Namen hat, erzielt online natürlich keine großen Reichweiten. Überhaupt verstehe ich Kabarett als etwas, was live für die Zuschauenden produziert werden muss. Es lebt von der Adressierung, vielleicht auch Attackierung derjenigen, die einem gegenüber sitzen, und man will ja auch sehen, ob es eine Reaktion auslöst und welche.

 

Live treten Sie an unterschiedlichsten Orten auf, von Bibliotheken und Kulturzentren bis hin zum Festival Fusion in Lärz – wo am liebsten?

Das Spannende sind gerade die unterschiedlichen Orte, auf die man sich einlassen muss, eben weil es meist nicht klassische Kleinkunstbühnen sind. Die Fusion ist natürlich eine besondere Herausforderung, weil ringsum unheimlich viel los ist. Gerade deshalb ist es auch ein so toller Ort, weil man ohne große Werbung schnell mal 40, 60 Leute vor sich hat, die gerade nicht tanzen wollen.

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Und wie fühlt es sich an, jetzt auch mal wieder in Ihrer Heimatstadt Neubrandenburg aufzutreten?

Die Stadt ist natürlich als Herkunftsort mit vielen Erlebnissen und Erinnerungen verknüpft, obendrein aus einer prägenden Zeit, der Jugend, samt erster Liebe, erster Trennung und so weiter. Ich bin öfter dort, allein schon um meine Familie zu treffen, bemerke aber auch Veränderungen. Auch traurige Entwicklungen, was – wie schon während meiner GLT-Zeit – den Stellenwert von Sozial- und Jugendarbeit angeht. Und dass da jetzt „H & M“ im Haus der Kultur und Bildung sitzt, ist schon fast satirisch.

 

Erst recht, wenn Sie dort jetzt mit „Henkers-Mahlzeit“ auftreten. Außerdem verrät Ihre Website, dass Sie im November mit dem neuen Programm „Mephistos Faust“ zum Bundeskabarettfestival nach Aschersleben fahren.

Ja, dieses Festival war schon zu meiner Zeit bei den Tollense-Stichlingen eine tolle Gelegenheit für Amateurtheater, vor – ich sag‘ mal – Kollegen aufzutreten, gleichberechtigt, ohne Wettbewerb. Einen Ort, wo man auch Leute trifft, um sich neue Auftrittsorte zu erschließen. „Mephistos Faust“ ist voll in der Entwicklung, einen Premierentermin gibt es noch nicht. Ich will das aktuelle Programm ruhig noch ein bisschen ausreizen.

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