Versuchter Mord

Verstörender Prozess um Selbstjustiz-Attacke in Dorf

Eine Frau und drei Männer stehen wegen versuchten Mordes vor Gericht. Sie schweigen bisher zu den Vorwürfen. Dafür schilderten Polizisten und weitere Zeugen ihre Sicht auf den Fall.
Die 26-jährige Hauptangeklagte (Bildmitte), ihr Freund (links) sowie Anwälte der Angeklagten im Prozess wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Neubrandenburg
Die 26-jährige Hauptangeklagte (Bildmitte), ihr Freund (links) sowie Anwälte der Angeklagten im Prozess wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Neubrandenburg Carina Göls
Neubrandenburg

Irgendwann ließ der Angeklagte den Kopf in die aufgestützten Hände sinken. War das alles zu viel? Oder einfach nur langweilig und ermüdend? Denn als im Video jener Mann zu Wort kam, der eigentlich hätte tot sein sollen, so wie es seine Peiniger für ihn vorgesehen hatten, zeigte der 26-Jährige keine Emotion. Ebenso wie anderen zwei Männer und eine Frau, die Hauptangeklagte.

Noch einmal mit dem Geschehen konfrontiert

Doch über die Leinwand im Gerichtssaal übertrug sich die Erinnerung an jene dramatischen Stunden des 39 Jahre alten Opfers aus Lärz (Kreis Mecklenburgische Seenplatte) auf Juristen und Zuschauer. Das Zurückweichen, als der Mann gebeten wurde, noch einmal in den Bunker zu kriechen und zu beschreiben, wie er da kauerte. Damals im Februar, kurzzeitig bewusstlos nach den Schlägen und Tritten. Voller Angst, nach dem was mit ihm geschehen war und mit der Frage, was nun werden würde – bei niedrigen Temperaturen in der Dunkelheit des Waldes einige Kilometer von seiner Wohnung entfernt, wo alles begann. Doch in der nachgestellten Szene drohte dem 39-Jährigen keine Gefahr und er beschrieb, wie er sich befreien und retten konnte.

Lesen Sie auch: Drogen im Blut des misshandelten Opfers nachgewiesen

Diesen Weg sind auch einige Polizisten mit Spürhunden gegangen, die am vierten Verhandlungstag im Selbstjustiz-Prozess gehört wurden. Sie halfen mit ihren speziell ausgebildeten Vierbeinern dem Gericht nachzuvollziehen, welchen Weg in Todesangst und Schmerz dieser Mann in jener Nacht zurücklegte. Demnach ist das Opfer höchstwahrscheinlich mehrere Kilometer zum Teil umherirrend unterwegs gewesen, möglicherweise dabei auch mal hingefallen und liegen geblieben.

Verfahren wegen möglicher Falschaussage angeregt

Woran mag die 26-jährige Hauptangeklagte aus Lärz bei dem Video und den Schilderungen der Polizisten gedacht haben? Vielleicht an ihre zweijährige Tochter und ihren Sohn (6), die nun getrennt voneinander bei Verwandten leben? Oder an ihre drei mutmaßlichen Komplizen, die wenige Meter vor und hinter ihr im Gerichtssaal saßen? Zwei von ihnen sind auf freiem Fuß, der Dritte, ihr Freund, sitzt ebenso wie sie selbst in Untersuchungshaft.

Auch interessant: Zeugen schildern im Selbstjustiz-Prozess grausame Details

„Unschuldig“, wie eine Zeugin dem Gericht tränenreich klarmachen wollte. Die Cousine der Angeklagten war geladen und stellte die Geduld von Staatsanwaltschaft und Richterin an diesem langen Verhandlungstag auf eine harte Probe. Sie wiederholte sich ständig, statt auf die Fragen zu antworten. Sie stellte sogar das von ihr eigenhändig unterschriebene Aussageprotokoll vor einigen Wochen bei der Polizei in Frage. Das seien alles Worte eines Briefes ihrer Mutter an die Polizei, die auf den „Pädophilen und die Gefahr von Drogen für die Kinder“ der Hauptangeklagten in Lärz aufmerksam machen wollte. Der Vorsitzenden Richterin Daniele Lieschke reichte es schließlich, sie regte ein Verfahren wegen uneidlicher Falschaussage an. Keine Kleinigkeit, da dies mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren geahndet werden kann.

Verwandte verweigerten die Aussage

Da zog sich die Mutter der jungen Frau, die besagten Brief ohne Absender geschrieben und an die Polizei geschickt haben soll – die Tante der Hauptangeklagten, geschickter aus der Affäre. Auch sie war als Zeugin geladen, wollte sich aber an den Brief, den sie in einem vorherigen Verfahren im gleichen Fall am Amtsgericht Waren noch gekannt hatte, nicht mehr erinnern. Das Schreiben sei schließlich anonym. Sprach‘s, machte von ihrem Aussage-Verweigerungsrecht als Verwandte Gebrauch und konnte wieder gehen. Auch der Vater der Angeklagten verließ ohne Aussage wieder den Gerichtssaal.

Auch interessant: Selbstjustiz ist keine Option

Ihre Angst vor der Hauptangeklagten und einem der drei angeklagten Männer hat hingegen eine Nachbarin überwunden und dem Gericht ihre Eindrücke vom Tattag Ende Februar geschildert. Sie habe die Hauptangeklagte und deren Ex-Partner damals vor dem Neubaublock getroffen und Sätze aufgeschnappt, die auf eine Bestrafungsaktion deuteten. Als nach einer Fete am Vorabend des Tattages die Behauptung der 26-Jährigen, das spätere Opfer hätte ihre Kinder sexuell missbraucht, laut wurde, habe die Nachbarin empfohlen, die Polizei einzuschalten. Doch das sei nicht gehört worden. Stattdessen sei sie bedroht worden.

Wie bitter die Rache an dem „gern und viel trinkenden“ Mann sein würde, habe sie nicht geahnt. Beweise für einen Missbrauch gibt es bisher laut Staatsanwaltschaft nicht. Der Prozess wird am 23. November fortgesetzt.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

zur Homepage