Vor 100 Jahren entstand aus einem privaten Erholungsheim die Tuberkuloseheilstätte Amsee, die sich seither zu einer moder
Vor 100 Jahren entstand aus einem privaten Erholungsheim die Tuberkuloseheilstätte Amsee, die sich seither zu einer modernen Lungenfachklinik entwickelt hat. Klaus Steindorf-Sabath
Diese Aufnahme von der Liegekur auf der Dachterrasse der Heilstätte entstand etwa 1958.
Diese Aufnahme von der Liegekur auf der Dachterrasse der Heilstätte entstand etwa 1958. Klinik Amsee
Geschäftsführerin Katharina Paetow und der Ärztliche Direktor Dr. Christoph Schäper lenken die heutigen Ge
Geschäftsführerin Katharina Paetow und der Ärztliche Direktor Dr. Christoph Schäper lenken die heutigen Geschicke der Lungenfachklinik Amsee. Susanne Schulz
Blick über den Tiefwarensee auf die Klinik Amsee im Jahr 1932
Blick über den Tiefwarensee auf die Klinik Amsee im Jahr 1932 Klinik Amsee
100 Jahre Lungenklinik Amsee

Von der Freiluft-Liegekur zur Hightech-Therapie für Lungenkranke

Seit 100 Jahren werden in der Klinik Amsee Lungenkrankheiten behandelt. Über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sprach Susanne Schulz mit GeschäftsführerinKatharina Paetow und Chefarzt Dr. Christoph Schäper.
Mecklenburgische Seenplatte

Beide seit etwa drei Jahren in Amsee tätig, gestalten Sie die Gegenwart und Zukunft der Klinik. Was bedeutet Ihnen dabei deren 100-jährige Geschichte?

Paetow: Sie ist Teil einer deutschlandweiten Tradition von Lungenkliniken. Hier begann es mit 40 tuberkulosekranken Frauen, die konservativ mit Freiluft-Liegekuren behandelt wurden. Vielfach sind diese Kliniken einzeln stehende Einrichtungen. Heute suchen wir natürlich den Anschluss, die Kooperation wie mit der Evangelischen Lungenklinik in Berlin-Buch, die wie wir zur Johannesstift Diakonie gehört. Das Netzwerken gehört zum modernen Klinikbetrieb. Und natürlich sind die Auflagen und Notwendigkeiten ganz andere als vor 100 Jahren.

 

Würden Sie bestimmte Werte aus der Gründungszeit als bis heute maßgeblich beschreiben?

Paetow: Gerade haben wir zum Jubiläum eine Chronik erarbeitet über die Entwicklung von jener Zeit, als alles anfing mit der Tuberkulose-Behandlung ohne medikamentöse Therapie, bis zur modernen Medizin heute. Dabei fällt mir immer wieder als sehr beständiger Wert das Engagement der Mitarbeiter auf und die Fürsorge, mit der sie sich um die Patienten kümmern. Es geht hier sehr familiär zu, zumal viele Patienten wiederholt zu uns kommen. Sich Zeit für sie zu nehmen in diesem vergleichsweise kleinen Haus, macht die Besonderheit aus.

 

Die Patienten kommen aus einem Umkreis von bis zu 100 Kilometern. Wie wirkt sich aus, dass der einst wegen der heilsamen Umgebung gewählte Standort etwas abseits gelegen ist?

Schäper: Damals fernab von Berlin gedacht, würde ich die Lage innerhalb von Mecklenburg-Vorpommern durchaus als zentral bezeichnen. Und natürlich als sehr angenehm hier im Naherholungsgebiet, wo wir ein wohltuendes Setting mit viel Ruhe bieten können – und dazu die gute Fachlichkeit in einem breiten Portfolio von Lungen- und Atemwegserkrankungen, einschließlich Schlafmedizin und Allergologie.

 

Welche Rolle spielt die Klinik mit dieser Spezialisierung gerade auch in Corona-Zeiten in der Krankenhaus-Landschaft der Region?

Schäper: Wir sind voll integriert ins Klinik-Cluster Mecklenburgische Seenplatte, zu dem auch das Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg, das Müritz-Klinikum in Waren, die Krankenhäuser in Neustrelitz und Demmin gehören. So werden Patienten – auch mit anderen Krankheitsbildern als Corona – zu uns verlegt, die wir auch nachbetreuen. Wir haben eine vollwertige Zwölf-Betten-Intensivstation, eine moderne Diagnostik, eine Palliativstation mit acht Betten. Darüber hinaus sind grundlegende Erfahrungen im Weaning, der Beatmungsentwöhnung, etwas, was Amsee hat und andere nicht.

 

Inwiefern befinden Sie sich in einer Konkurrenzsituation?

Schäper:Unser Spezialgebiet Pneumologie gehört nicht zur Basisversorgung eines Krankenhauses. Aber natürlich sind alle Krankenhäuser gehalten, wirtschaftlich zu arbeiten. Insofern ist es legitim, wenn eine Lungenentzündung auf einer internistischen Abteilung versorgt wird. Die Kollegen dort können jedoch einschätzen, wenn ein Patient in die Hände von Spezialisten gehört.

Paetow: Nicht umsonst spielen in vielen Fachgebieten Mindestmengen von Patienten mit bestimmten Erkrankungen eine zunehmende Rolle, um mit entsprechender Erfahrung Qualitätsstandards zu gewährleisten.

 

Wie kann sich die Fachklinik in medizinische Forschung einbringen?

Schäper: Ich habe einen Lehrauftrag in Greifswald, bin außerdem im Klinischen Ethikkomitee. Insofern möchte ich den Forschungsbegriff weit fassen. Medizin-ethische Themen bewegen zu Recht viele Menschen. Dabei Kompetenz auszustrahlen, halte ich für eine sehr wichtige Aufgabe in dieser Pandemie.

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In welchem Umfang wirkt sich Corona auf den Klinikbetrieb aus?

Schäper: Wir haben derzeit eine kontrollierte Situation, aber ich möchte die Entwicklung nicht verharmlosen. Natürlich haben wir einen Notfallplan für den Fall, dass es noch enger werden sollte.

Paetow: Unsere zwölf Intensivbetten wären auch ohne Corona immer belegt. Umso mehr setzen wir alles daran, auch unter Pandemie-Bedingungen die Patienten angemessen zu versorgen und unser Personal nicht zu verschleißen.

 

Gerade weil diese Zeit dem Gesundheitswesen enorme Belastungen aufbürdet: Wie steht es um den personellen Nachwuchs, um Interessenten für Arbeit und Ausbildung in der Pflege?

Paetow: Wir haben Bewerber, spüren aber natürlich die Auswirkungen der Pandemie, die wie mit der Lupe auf die Probleme der Branche gebrannt hat. Wir arbeiten nach den Arbeitsvertragsrichtlinien der Diakonie und haben hier im Haus viele Kollegen, die schon hier gelernt haben und gern geblieben sind. Und zum 100-jährigen Bestehen gibt es für alle eine Jubiläumsprämie.

 

Macht das Fachspektrum das Haus auch attraktiv für Mediziner-Nachwuchs?

Schäper: Wir können natürlich nicht das ganze Curriculum der Inneren Medizin anbieten. Aber wir haben die komplette Pneumatologie, die Intensivmedizin, Palliativmedizin und Wesentliches der Allergologie. Außerdem gibt es hier ein gutes Kollegium! Unserer Weiterbildungsermächtigung kommen wir gewissenhaft nach. Wir sind Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Rostock. Nicht zu vergessen sind die Vorzüge eines großen Trägers mit übergreifenden Qualitätsstandards.

 

Richten wir den Blick in die Zukunft: Welche Entwicklung wird die Klinik weiter nehmen?

Paetow: Paetow: Mit unserer Kompetenz für Atemwegserkrankungen haben wir uns auch mit dem Weaning, der Entwöhnung von Beatmungsgeräten, einen Namen gemacht. Daher arbeiten wir an einer Zertifizierung als Weaningzentrum.

Schäper: Eine meiner Spezialstrecken ist das Lungenkarzinom – ein Bereich, der interdisziplinäres Vorgehen erfordert und in dem ich auch national vernetzt bin. Da gibt es rasante Entwicklungen mit verschiedenen modernen Therapien statt der „klassischen“ Chemo, je nach dem Krankheitsbild des Patienten. Individualisierte Medizin – da geht’s hin.

 

100 Jahre im Dienst der Gesundheit

Die Lungenklinik Amsee mit 50 Betten und über 150 Mitarbeitern betreut jährlich rund 3500 Patienten aus MV, Berlin und Brandenburg.
Behandelt werden hier alle Lungen- und Bronchialerkrankungen. Die Einrichtung erstreckt sich über einen Gebäudekomplex am Tiefwarensee,
von dem einige Häuser heute zu einem Hotel gehören. So auch das ursprüngliche Haupthaus, das 1913-15 als privates Erholungsheim entstand.
Nachdem es durch den Freistaat Mecklenburg erworben wurde, begann im Januar 1922 die Geschichte des Genesungsheims mit
40 tuberkulosekranken Frauen. 1931 entstanden ein Erweiterungsbau mit Operationsabteilung, Laboratorien, Druckkammer und Röntgenabteilung
sowie ein Wirtschaftsgebäude. 1970 erhielt die Heilstätte den offiziellen Status einer Klinik für Lungenkrankheiten und Tuberkulose.
Träger ist heute die 2019 gegründete Johannesstift Diakonie, die in mehreren Bundesländern Gesundheits- und soziale Einrichtungen betreibt.

 

 

 

 

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