Am zweiten Verhandlungstag im Selbstjustiz-Prozess am Landgericht Neubrandenburg wurden sieben Zeugen gehört. Von den vie
Am zweiten Verhandlungstag im Selbstjustiz-Prozess am Landgericht Neubrandenburg wurden sieben Zeugen gehört. Von den vier Angeklagten äußerte sich auch diesmal keiner zu den Vorwürfen. Carina Göls
Versuchter Mord

Zeugen schildern im Selbstjustiz-Prozess grausame Details

Sieben Zeugen wurden am zweiten Verhandlungstag im Landgericht Neubrandenburg befragt. Polizisten und Zeugen mussten sich zurückerinnern – und manchen ging es ziemlich nah.
Neubrandenburg

„So etwas habe ich in meiner Laufbahn noch nicht gesehen. Es war ein grausamer Anblick.” Die Stille im Verhandlungsaal am Landgericht Neubrandenburg nach diesen Worten des Zeugen ist bedrückend. Und sie bleibt es, während der Prozess um einen mutmaßlich brutalen Akt von Selbstjustiz fortgesetzt wird.

Drei Polizisten werden als Zeugen befragt

Drei Polizisten werden am zweiten Verhandlungstag vor der Kammer zu den Ereignissen jenes letzten Februartages des Jahres befragt, bei dem ein 39-jähriger Mann so schlimm zugerichtet wurde, dass er dem Tode wohl gerade so entronnen ist. Angeklagt sind eine 26-jährige Frau aus Lärz (Mecklenburgische Seenplatte), ihr Ex-Lebensgefährte und zwei jüngere Bekannte. Ihnen wird versuchter Mord und Freiheitsberaubung vorgeworfen. Sie sollen Ende Februar einen Nachbarn schwer misshandelt, erniedrigt, gequält und in einen abgelegenen Militärbunker verschleppt haben, wo er sterben sollte, wie die Vertreterin der Staatsanwaltschaft erläutert hatte. Doch ihm war es gelungen, sich zu befreien und Hilfe zu bekommen.

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Die Angeklagten – den beiden Inhaftierten unter ihnen werden diesmal für die Dauer der Verhandlung auf Wunsch der Richterin die Fußfesseln abgenommen – verfolgen mal mehr, mal weniger interessiert das Geschehen. Mal schweifen ihre Blicke aus dem Fenster, dann mit einem Umdrehen zueinander treffen sie sich, werden zu einem Lächeln und möglicherweise nur ihnen bekannten Gesten. Ein herzhaftes Gähnen muss auch mal sein. So ein Prozesstag ist lang. Zu den Vorwürfen gegen die Vier will sich nach wie vor niemand von ihnen äußern.

„Er hatte so wahnsinnig geschwollene Hände”

Dafür sagen die Zeugen mehr. Denn nicht nur die Polizisten, die das Opfer im Krankenhaus befragt hatten und die Verletzungen am ganzen Körper, die Angst und das Zittern des Mannes gesehen haben, mussten sich mit dem Fall auseinandersetzen. Auch die drei Menschen, bei denen der Lärzer nach einem kilometerlangen Weg durch den Wald „kriechend und von Schmerzen geplagt”, wie ein Polizei-Zeuge es formulierte,vor der Tür landete, haben eine Zäsur erfahren. „Ich werde jetzt 72 Jahre und war mein Lebtag nie vor Gericht. Ich war so aufgeregt. Aber der Morgen, an dem wir ihn gefunden haben, war noch schlimmer”, erzählt die Mutter einer weiteren Zeugin.

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Die Friseurin wollte an diesem 1. März-Morgen ihren Salon auf dem Dorf aufschließen, als sie den Mann fand. „Es war der erste Tag nach dem Corona-Lockdown, an dem ich wieder arbeiten durfte. Ich freute mich”, erinnert sie sich zurück. Doch der Schreck überkam sie, als sie den „arg lädierten Mann am Boden liegend in seiner klammen Kleidung” fand. Vor Schmerzen habe er kaum die paar Schritte bis zu ihrem Haus gehen können. Den gereichten Tee konnte er nicht allein trinken, denn seine Hände seien so wahnsinnig geschwollen gewesen, dass ihm die Tasse zu entgleiten drohte. Zitternd und „voller Angst, als ein Auto kam”.

Rechtsmediziner sehen sich die Wunden an

Das war der erste Kunde an diesem Tag, ein Zahnarzt, der nun nicht zum Haarschnitt, sondern zum Helfen blieb. Mit seinen 78 Jahren war auch er am Zeugentisch aufgeregt. Die Fahrt sei anstrengend gewesen. Und die Bilder dieses Morgens gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf, erzählt er dem Nordkurier. Bis der Rettungswagen kam, sei er damals dabei gewesen.

Der unterkühlte Mann wurde auf der Intensivstation behandelt. Hier trafen ihn auch Beamte, die nun als Zeugen geladen sind und sich an die Bilder des geschundenen Körpers erinnern. Sie holten die Rechtsmediziner. Die machten klar, dass das Opfer mit roher Gewalt und einem schweren stumpfen Gegenstand so zugerichtet worden sein muss. „Als wir ihn fotografieren mussten für die Akte, stöhnte er vor Schmerz, war sehr geschwächt, konnte sich kaum aufrichten, aber der Vernehmung folgen”, sagte einer der Polizisten. Immer wieder habe er nach der Hand einer Schwester zum Trost gefragt. Dass er es überhaupt aus dem Bunker und die rund sechs Kilometer geschafft habe, sei nur möglich, „wenn man sich in der Gegend ein bisschen auskennt. Jeder andere wäre gestorben.”

Opfer wird Anfang Dezember gehört werden

Das sollte er ja auch. Die Anklage lautet auf versuchten Mord. Der Vorwurf der mutmaßlichen Täter an das Opfer in diesem Selbstjustiz-Fall wiegt schwer: Die 26-jährige Hauptangeklagte aus Lärz soll nach einer gemeinsamen Grillfeier behauptet haben, dass ihr Nachbar ihre zwei und sechs Jahre alten Kinder sexuell missbraucht habe. Dafür sollte er büßen. Beweise hierfür gab es laut Staatsanwaltschaft aber nicht.

Dem 39-jährigen Geschädigten wurden unter anderem „Tätowierungen” mit einem Teppichmesser eingeritzt, zudem wurde er geschlagen und getreten. Später sei dem Opfer, das wegen Epilepsie auf Medikamente angewiesen ist, ein Sack über den Kopf gezogen und er zu dem Bunkergelände gebracht und dort in einem Schacht geworfen worden. Was er dort fühlte und erlebte, das wird er laut Staatsanwaltschaft am 9. Dezember vor Gericht schildern.

Bis dahin wird es noch einige Prozesstage geben. „Und es werden noch viele schlimme Details herauskommen”, prophezeite ein Mann auf dem Gerichtsflur. Bereits am kommenden Dienstag wird die Verhandlung fortgesetzt. Ein Urteil soll voraussichtlich im Februar 2022 gefällt werden.

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