Etliche Restaurants in Mecklenburg-Vorpommern suchen nach Mitarbeitern für den Service- und Küchenbereich und haben
Etliche Restaurants in Mecklenburg-Vorpommern suchen nach Mitarbeitern für den Service- und Küchenbereich und haben zum Teil ihre Angebote eingeschränkt. Aber woran liegt es, dass so wenige Menschen in der Branche arbeiten wollen? Jens Büttner
Gastronomie

Köche und Kellner fehlen – Liegt es am Geld oder an den Menschen?

Es fehle jungen Leuten an Servicementalität, klagen Gastronomen. Wer die verlangt, müsse den Arbeitskräften auch etwas bieten, hält die Gewerkschaft dagegen.
Seenplatte Vorpommern

Die Schlagzeilen über den Arbeitskräftebedarf im Tourismus lesen sich wie die Diagnose einer Krankheit: Die Branche leidet an akutem Personalmangel. Gäste müssen jetzt, mitten in der Hochsaison, an manchen Tagen nach offenen Restaurants suchen, in manchen Lokalen tragen Tische ein „Reserviert“-Schild, doch niemand nimmt Platz.

Einige Beschäftigte suchten sichere Branchen

Nicht aus Besuchermangel, sondern weil es schlichtweg an Saisonarbeitern fehlt. Gastronomen klagen, sie könnten kein Personal bekommen. Nicht einmal, um Terrassenmöbel zur Nacht anzuschließen – die dann gestohlen werden, wie just in der Neubrandenburger Gaststätte „Sandkrug“ passiert. Und all das mitten zur Hochsaison im Urlaubsland Mecklenburg-Vorpommern.

Lesen Sie auch: Steffen Henssler befürwortet Kochen als Schulfach

Die Gründe für die Problemlage sind vielfältig, ergibt eine Umfrage in der Branche. Während der unsicheren Corona-Zeiten mit den vielen plötzlichen Lockdowns seien Arbeitskräfte in andere Branchen abgewandert, wie etwa Hannes Thies, Direktor des Warener Hotel Amsee, bestätigt. Zum Glück sei seine Einrichtung kaum betroffen gewesen.

Gewerkschaft NGG beklagt unangemessene Bezahlung

Abgesehen von solchen globalen Anlässen aber klingen andere Ursachen hausgemacht. In MV würden Kellner etwa 200 Euro weniger pro Monat verdienen als anderswo: Durchschnittlich liege der Lohn bei etwa 1800 Euro brutto für eine 40-Stunden-Woche, erklärt Thorsten Nappe vom Rostocker Jobcenter.

Auch interessant: Selbst für 15 Euro die Stunde wollte niemand hier kochen

Klagen von Arbeitgebern aus der Branche, junge Leute hätten „keinen Bock“ mehr, an Wochenenden und abends zu arbeiten, weil es ihnen an Servicementalität fehle, kontert Jörg Dahms von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Neubrandenburg mit dem Vorwurf der „Geizmentalität“ an die Gastronomen. „Während wir feiern, an Weihnachten, Silvester, an Wochenenden und im Urlaub, müssen die Beschäftigten in der Gastronomie arbeiten. Doch werden sie dafür noch immer nicht angemessen vergütet. In Sachen Weihnachts- und Urlaubsgeld oder Sonntagszulage läuft derzeit gar nichts“, kritisiert Dahms.

Ehemaliger Lehrausbilder empfiehlt Jobs im Ausland

Bei Verhandlungen zur Verbesserung dieser Situation reagierten Arbeitgeber „äußerst zurückhaltend“. Andererseits erhöhe man wie jetzt vor allem an der Ostsee zu beobachten drastisch die Preise. Bei gleichzeitig unzureichendem Service, weil dieser zum Teil fehle oder schlecht bezahlt sei. „Da muss man sich nicht wundern, wenn die Gäste von der Servicewüste sprechen und nicht wiederkommen.“

Lesen Sie außerdem: Anklam will vor freilaufenden Kellnern warnen

Der ehemalige Berufsausbilder Roland Strahl aus Ueckermünde habe seinen angehenden Gastronomen und Köchen am Ende der Ausbildung sogar geraten, lieber in die Schweiz oder Österreich zu gehen. „Da müsst ihr auch malochen. Aber ihr habt wenigstens das Äquivalent an Geld.“ Denn in seinen 30 Jahren Ausbildertätigkeit habe er feststellen müssen, dass junge Leute in MV häufig nicht gut bezahlt und oftmals ausgenutzt worden seien.

Tourismusverband sieht ein Problem

„Natürlich meinten dann einige Lehrlinge zu mir: ,Wie können Sie so etwas sagen, hier werden wir doch auch gebraucht!‘ Ich entgegnete dann, dass sie schon recht damit haben. Aber jeder hat nur nur ein Leben und muss dorthin gehen, wo man auch entsprechend bezahlt wird. Warum haben sich in den Corona-Jahren viele Menschen neue Jobs in anderen Bereichen gesucht? Sie haben festgestellt, dass sie woanders mehr verdienen und dazu noch an Wochenenden und Feiertage frei haben“, weiß Roland Strahl.

Auch spannend: Wo bleiben nur die Touristen in diesem Sommer?

Auch der Chef der Landes-Tourismusverbandes, Tobias Woitendorf, räumt ein, dass in der Branche „im Vergleich mit anderen Bereichen nicht gerade die höchsten Löhne“ gezahlt würden. „Politisch und unternehmerisch“ gäbe es dahingehend noch viel zu tun. Dennoch wirbt Woitendorf für die „Vorteile“ einer Beschäftigung im Tourismus: Neben dem Kontakt mit Menschen seien dies die Aufstiegschancen.

Dehoga-Chef macht andere Ursachen geltend

Roland Strahl hält aber auch hier dagegen: „Ich hatte mal einen Lehrling, der zum Ende seiner Lehre zu mir sagte, dass er einen Koch-Job in Cottbus bekommen könnte für 800 Euro Lohn. Ich riet ihm: Wenn er dort etwas lernen und beruflich vorankommen könne an dieser Station, solle er es machen. Doch bei diesem Gehalt seien seine Kosten höher, als wenn er Sozialhilfe bekomme. Er ging dann in die Schweiz. Und verdient dort heute als großer Chefkoch super.“

Lesen Sie außerdem: Gastronomin macht sich für schöne Seiten ihres Berufes stark

Der Landes-Chef des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Lars Schwarz, sieht nicht die Gehälter als ursächlich für den Arbeitskräftemangel. „Im Gegenteil, in den vergangenen Jahren wurden die Löhne kontinuierlich angehoben“, verdeutlicht Schwarz, der auch als Arbeitgeberpräsident fungiert. Seiner Meinung nach schlage eher der demografische Trend der Abwanderung auf eine insgesamt „sehr personalintensive Branche“ durch. „Wir haben schlicht zu wenig Leute – und zwar überall.“

zur Homepage