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Die verurteilte 27-Jährige und ihr ebenfalls verurteilter Freund können erst einmal die gemeinsame Freiheit genießen. Carina Göls
Urteil

Selbstjustiz-Prozess – Freiheit trotz Haftstrafe

Im sogenannten Selbstjustizprozess sind die gar nicht so milden Urteile gegen die vier Angeklagten gefallen. Dennoch sind aktuell alle auf freiem Fuß.
Neubrandenburg

Am Ende lagen sie sich küssend in den Armen. Das war filmreif, was da am Dienstag nach der Urteilsverkündung im sogenannten Selbstjustizprozess von Lärz im Neubrandenburger Landgericht zu erleben war. Nachdem Richterin Daniela Lieschke ihre Urteile gegen die vier Angeklagten verkündet hatte, war erst mal niemandem zum Lachen zumute – vier Jahre und neun Monate Haft gab es als Gesamtstrafe für die 27-jährige Hauptangeklagte. Das Landgericht Neubrandenburg sprach die Frau der gefährlichen Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Aussetzung schuldig.

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In das Urteil floss auch der Fund von rund zwei Kilo Amphetaminen, die im Kühlschrank in der Wohnung der Verurteilten entdeckt worden waren, mit ein. Zudem gab es für zwei ihrer Helfer Haftstrafen, die zur Bewährung ausgesetzt wurden. Einer davon ist der Freund der jungen Frau aus Lärz in der Mecklenburgischen Seenplatte. Und jener, mit dem sie Hand in Hand aus dem Sitzungssaal gehen konnte. Als freie Frau – zumindest vorerst.

Verurteilte freut sich auf ihre Kinder

Denn das Urteil ist gefällt. Da gilt dann keine U-Haft mehr. Nun darf die junge Mutter auf den Antrittsbescheid für den Einzug ins Gefängnis warten. Bis dahin ist sie frei und freute sich darauf, ihre kleine Tochter und den sechsjährigen Sohn wieder täglich um sich haben zu können, wie sie in einem Gespräch mit dem Nordkurier bekundete.

Die 27-Jährige, so die Überzeugung der Richterin, habe „aus völlig überzogener Wut gehandelt“, als sie ihren Nachbarn Ende Februar vergangenen Jahres in dessen Wohnung mit einer Krücke verprügelte und mit Fäusten und Tritten traktierte. Später wurde der 39-Jährige dann in einen Bunker gesperrt. Er überlebte knapp und erlitt massive Blutergüsse und andere Verletzungen. Bei nur drei Grad musste er nachts in dem Bunker ausharren. Der 39-Jährige konnte sich aber befreien und Hilfe finden.

Nacktfotos des Sohnes auf Handy des Opfers

„Alles haben wir aber noch nicht aufklären können“, sagte die Richterin – trotz des Geständnisses der Anstifterin, die vor allem sich selbst belastete. Als Motiv für ihre Gewaltattacke hatte sie Nacktbilder ihres damals fünfjährigen Sohnes auf dem Handy des Nachbarn angegeben. Das habe sie in Panik und Sorge um ihre Kinder versetzt. Frühere Ermittlungsverfahren gegen den Mann wegen Verdachts des Kindesmissbrauchs waren eingestellt worden. Wegen der Vorwürfe der Angeklagten gegen den Nachbarn wird derzeit ermittelt.

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Pflichtverteidiger Ralf Ossig zeigte sich mit dem Urteil „im Grunde erst mal zufrieden“. Dennoch wolle er über eine Revision nachdenken. Dafür hat er eine Woche Zeit. Nicht zuletzt wird die einjährige U-Haft auf die Strafdauer angerechnet. Zudem ist davon auszugehen, dass die Angeklagte, die nicht vorbestraft war, auch eine aus diesem Grunde mögliche Strafhalbierung geltend machen und damit wesentlich weniger als jetzt veranschlagt einsitzen könnte. Doch bis dahin kann es dauern. Denn sollte Ossig das Urteil anfechten und gegebenenfalls die nächsthöhere Instanz bemüht werden, wird die Lärzerin so lange frei sein, bis es auch dort ein Urteil gibt.

18 Vorstrafen schlagen nun zu Buche

Freiheit steht auch für die anderen drei Angeklagten auf dem Plan, sofern sie sich zwei Jahre an die Auflagen halten und sich nichts zuschulden kommen lassen. Der eine von ihnen ist der 23-jährige Freund der Verurteilten, der vor wenigen Wochen aus der U-Haft entlassen wurde. Ihm und seinem 24-jährigen besten Freund drohen bei Nicht-Bewährung wegen gemeinschaftlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung acht Monate Haft. Es stehen je 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit auf dem Bewährungsplan.

Dem 47-jährigen Ex-Freund der Hauptangeklagten und Vater ihrer Tochter (3) konnte laut Gericht keine direkte Beteiligung an der Tat gegen den misshandelten Mann nachgewiesen werden. Die Haupttäterin hatte ihn am Tattag nach Lärz gebeten, damit er ihr helfe. Das habe dieser aber abgelehnt und sich stattdessen in Lärz um die Kinder gekümmert, wie er in seinem Geständnis für das Gericht glaubhaft aussagte. Allerdings ist er – und damit bekommt der 17-fach vorbestrafte Mann aus Mirow nun seinen 18. Eintrag ins Bundeszentralregister – wegen unerlaubten Besitzes von Betäubungsmitteln in nicht geringem Maße zu eineinhalb Jahren Freiheitsstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt worden. In dem Parallelverfahren wegen dieses Prozesses war es auch um Drogen gegangen. Und damit um viel Geld.

Opfer litt unter Todesangst und war in Lebensgefahr

Um Geld ging es auch bei dem Urteil gegen die Hauptangeklagte. Sie soll dem Geschädigten 5500 Euro Schmerzensgeld zahlen, trotzdem sie nur Grundsicherung bekäme, könne sie das leisten. Die beiden anderen Verurteilten müssen jeweils 500 Euro blechen. Das Opfer, das inzwischen nicht mehr in Lärz lebt, sei durch das Erlebte nicht nur in Todesangst, sondern auch in Lebensgefahr gewesen. Das hatte eine Rechtsmedizinerin betont.

Mit dem Urteil für die Hauptangeklagte blieb das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Diese hatte fünf Jahre und zehn Monate Gefängnis für die 27-jährige Haupttäterin gefordert.

 

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