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Gefangen im Niedriglohn

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26.000 Vollbeschäftigten im Seenplatte-Kreis droht Altersarmut

Viele Arbeitnehmer in der Müritzregion arbeiten im Hotel- und Gaststättenwesen. In dieser Branche wird oft nur der Mindestlohn gezahlt. 
Viele Arbeitnehmer in der Müritzregion arbeiten im Hotel- und Gaststättenwesen. In dieser Branche wird oft nur der Mindestlohn gezahlt.
Oliver Berg

Wer heute nur 2200 Euro brutto oder weniger verdient, der wird im Alter mit hoher Wahrscheinlichkeit auf staatliche Stütze angewiesen sein.

Rund 26.000 Vollzeit-Beschäftigte im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte verdienen aktuell weniger als 2200 Euro brutto im Monat. Das sind 45 Prozent aller Menschen, die hier sozialversicherungspflichtig die volle Stundenzahl arbeiten. Darauf hat die IG Bauen-Agrar-Umwelt jetzt hingewiesen. Die IG BAU Ostmecklenburg-Vorpommern beruft sich dabei auf eine aktuelle Statistik der Arbeitsagentur.

Der für die Müritzregion zuständige Gewerkschafter Wolfgang Ehlert warnt deshalb: „Wer heute in Vollzeit weniger als 2200 Euro verdient, der ist mit hoher Wahrscheinlichkeit im Alter auf staatliche Stütze angewiesen.“ Das ergebe sich aus Berechnungen der Bundesregierung. Danach müsse ein Vollzeit-Arbeitnehmer im Schnitt mindestens 12,63 Euro pro Stunde verdienen, um nach 45 Beitragsjahren bei der Rente oberhalb der staatlichen Grundsicherung zu landen. „Einige werden zwar das Glück haben, dass der Ehepartner besser verdient und so die Renten-Haushaltskasse später aufbessert. Doch für viele ist die Rente selbst dann extrem knapp“, sagt Ehlert.

Niedriglöhne aus Angst vor Hartz IV akzeptiert

Für den IG BAU-Bezirksvorsitzenden ist das ein unhaltbarer Zustand: „Altersarmut trotz
Vollzeit – das kann nicht sein. Wer jeden Tag acht Stunden malocht, der muss von seiner
Arbeit auch leben können.“ Ehlert spricht von einem Ausufern des Niedriglohnsektors, dem die Politik zu lange zugeschaut habe: „Bei vielen Beschäftigten ist die Angst groß, in Hartz IV abzurutschen. Deshalb akzeptieren sie auch Niedriglöhne. Etliche Unternehmen nutzen das schamlos aus. Sie zahlen kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn.“ Dabei hätten die meisten Betriebe durchaus Spielräume, mehr zu bezahlen. „Wer sich als Dumping-Unternehmer nur mit dem gesetzlichen Mindestlohn am Markt behauptet, der sollte sein Geschäftsmodell ohnehin überdenken“, so Ehlert.

Eine wichtige Absicherung gegen Armutsrenten seien Tarifverträge, sagt Wolfgang Ehlert. So lag der durchschnittliche Tariflohn nach der letzten bundesweiten Berechnung bei 17,90 Euro pro Stunde – und damit deutlich über dem Armutsrisiko. Ein gelernter Bauarbeiter verdiene nach Tarif sogar 19,35 Euro in der Stunde. Ehlert: „Wer jedoch für die gleiche Arbeit nur den speziellen Bau-Mindestlohn bekommt, der hat Monat für Monat 1300 Euro weniger auf dem Lohnzettel. Ihm gehen damit wichtige Rentenpunkte verloren.“

In Tarifverträgen oft auch Betriebsrenten enthalten

Anspruch auf eine tarifliche Bezahlung hätten Beschäftigte, die Gewerkschaftsmitglied sind und deren Betrieb einem Arbeitgeberverband angehört. In Zeiten eines massiven Fachkräftemangels im Handwerk sollten Arbeitnehmer auf dem Tariflohn bestehen, meint Wolfgang Ehlert. „Von der Gebäudereinigung über das Dachdeckerhandwerk bis hin zur Landwirtschaft – für Beschäftigte geht es hier um viel Geld“, so Ehlert.

Zudem seien in Tarifverträgen oft auch Betriebsrenten vereinbart – eine zusätzliche Absicherung gegen Altersarmut. Ehlert verweist auf das Modell vom Bau. Dort werden Beiträge von der Sozialkasse der Bauwirtschaft (Soka-Bau) eingezogen und später als monatliche Tarifrente ausgezahlt. Je nach Höhe und Dauer der Beiträge könne die
monatliche Extra-Rente mehr als 200 Euro ausmachen.