Musterdorf der Nazis

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Alte SS-Parole prangt an frisch saniertem Haus in Alt Rehse

Die Schrift ist schwarz unterlegt, aber trotzdem gut zu erkennen. Eine historische Einordnung gibt es nicht.
Die Schrift ist schwarz unterlegt, aber trotzdem gut zu erkennen. Eine historische Einordnung gibt es nicht.
Carina Göls

Trotz schwarzer Schrift auf schwarzem Holz ist eine Inschrift der Nazis am Wachhaus der einstigen „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ noch gut lesbar. Wie wird das Dorf Alt Rehse jetzt mit dem Wahlspruch der Schutzstaffel (SS) umgehen?

Schönheit und Schande eng umschlungen!? Das ist das Thema, das die Geschichte des Dorfes Alt Rehse seit jeher bestimmt. Das Nazi-Dorf, das nicht aus seiner Geschichte fliehen kann. Die Inschrift „Meine Ehre heißt Treue“ in einem Balken am frisch sanierten Wachhaus der einstigen „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ (1935 bis etwa Januar 1943) im idyllischen Schlosspark ist ein solcher Brennpunkt, an dem sich die Diskussion über den Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus neu entzündet hat.

„Meine Ehre heißt Treue“ war der Wahlspruch der Schutzstaffel (SS), und seit 1932 wurde diese Parole in die Koppelschlösser der SS geprägt. Und prangte einst wie jetzt über der Tür des Torhauses. Darf das sein? Soll das sein? Das fragen sich auch Gäste des über die Regionalgrenzen hinaus bekannten Musterdorfes der Nazis, das heute großteils unter Denkmalschutz steht.

Vordach verdeckte die Nazi-Parole

Damit wird nun neu darüber nachgedacht und diskutiert, wovon zu hören viele Alt Rehser längst müde sind: den Park, die Ärzteschule, den Denkmalschutz. An die 20.000 deutsche Ärzte wurden hier in der NS-Rassenlehre geschult, in Erbbiologie und Rassenpflege unterrichtet. In Alt Rehse wurde die geistige Grundlage für Zwangssterilisationen, medizinische Versuche an KZ-Häftlingen und Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ gelegt.

Warum hat man bewusst Abstand davon genommen, die Inschrift zwar nicht hervorzuheben, aber dennoch sichtbar einzuordnen? „Die Inschrift ist erst nach Entfernen eines Vordaches zum Vorschein gekommen. Ohne Abstimmung mit dem Denkmalamt dürfen wir an den Gebäuden nichts verändern. Wir haben die Schrift geschwärzt, im Gegensatz zum Wort ,Wache‘. Wenn das Denkmalamt zustimmt, sind wir selbstverständlich bereit, die Inschrift zu hinterfüllen“, sagt Gabriele Wahl-Multerer, Geschäftsführerin der Schlosspark Alt Rehse Entwicklungs GmbH, den neuen Besitzern des Objektes.

Inschrift hat geschichtlichen Zeugniswert

Aus der Kreisverwaltung klingt das etwas anders: „Der Balken, in den die Losung geschnitzt ist, ist Teil der originalen Fachwerkkonstruktion des denkmalgeschützten Gebäudes und hat daher geschichtlichen Zeugniswert. Die Inschrift wurde bewusst nicht hervorgehoben. Das gehört zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem geschichtlichen Erbe“, kommentierte Sprecherin Haidrun Pergande.

Dabei gibt es im Dorf den Verein Erinnerungs-, Begegnungs- und Bildungsstätte (EBB) und darin eine Ausstellung, die sich mit der Geschichte der Führerschule befasst. Nach Angaben einer Sprecherin sei im Verein durchaus schon Kritik zu der Inschrift gefallen.

Broschüre im Bistro soll Geschichte erklären

Dass das Schweigen über die Vergangenheit damit nicht gemeint und auch nicht gut ist, das betont im Gespräch mit dem Nordkurier Kathrin Nepperschmidt vom Regionalzentrum für demokratische Kultur Mecklenburgische Seenplatte in Neubrandenburg: „Dieser Ort und diese Inschrift werden der rechten Szene zwar keine bisher unbekannten Informationen liefern. Dennoch ist es wichtiger denn je, mit Denkmälern und Lern- und Gedenkorten wie der Führerschule in Alt Rehse an die fürchterlichen Verbrechen der NS-Zeiten zu erinnern.

Damit tragen alle daran Beteiligten heute eine große Verantwortung. Es benötigt für die Erinnerung nicht nur Denkmäler, Inschriften und Symbole, sondern es ist wichtig, dass ihre historische Bedeutung immer erläutert wird.“

Die Schlosspark Alt Rehse Entwicklungs GmbH will auf dem historischen Areal unter anderem ein Meditationszentrum errichten. „Wir bieten in unserem Bistro eine Broschüre an, in der die Geschichte des Parks behandelt wird. Direkte Info-Tafeln im Dorf sind mir nicht bekannt“, so Gabriele Wahl-Multerer.

Kommentare (2)

ist nun mal Denkmalschutz! Dieses Bauensmble aus der kurzen NS-Zeit im mecklenburgischen Alt Rehse ist historisch einmalig und deshalb besonders schutzwürdig. Es ist als ein deutsches Musterdorf geplant und umgesetzt worden. Und die Wache mit dem Leitspruch der Schutzstaffel auch mit gehört dazu. Akzeptiert diese Gebäude als ein Stück deutscher Geschichte! Auch unsere Enkel wollen sie noch originalgetreu sehen.

Also ich würde es vorziehen abzuwarten, ob meine künftigen Enkel es tatsächlich so sehen wollen, statt in ihrem Namen einen Imperativ zu postulieren.