Zislows Bürgermeister
Anthrax-Drohung gingen bereits andere Briefe voraus

Uwe Albrecht, Bürgermeister von Zislow, kann wieder ohne Anspannung in die Kamera eines Journalisten schauen. Komplett verarbeitet hat er die Vorfälle noch nicht.
Uwe Albrecht, Bürgermeister von Zislow, kann wieder ohne Anspannung in die Kamera eines Journalisten schauen. Komplett verarbeitet hat er die Vorfälle noch nicht.
Petra Konermann

Die Ermittlungen im Fall des vorgetäuschten Anthrax-Anschlages in Zislow laufen. Dieser Brief war zwar der schlimmste, aber nicht der erste Brief mit Drohungen.

Vor genau zwei Wochen wurde in Ihren Postkasten der Brief mit dem angeblichen Anthrax gesteckt, der einen Großeinsatz von Polizei und Rettungskräften ausgelöst und der für Sie und Ihre Frau eine emotional sehr schwere Zeit gebracht hat. Wie geht es Ihnen heute?

Ich habe jetzt schon ein klein bisschen Abstand gewonnen. Nur deshalb können wir jetzt auch dieses offene Gespräch führen. Aber so schnell kann man das alles natürlich nicht komplett mit Körper, Geist und Seele verarbeiten. Zumal es ja nicht der erste böse Brief ist, den ich bekommen habe.

Es gab zuvor schon Drohungen und Briefe?

Ja, auch der Wahlkampf 2018 zur Bürgermeisterwahl war begleitet von bösen Briefen und Unterstellungen, insbesondere an meine Adresse. Ob sich der Kreis der möglichen Absender immer noch aus der gleichen kleinen Gruppe speist oder ob sich weitere Nachahmer gefunden haben, vermag ich nicht zu beurteilen. Das ist Aufgabe der Kriminalpolizei, die sicher auch die alten Briefe schon analysiert hat.

Haben Sie eine Steigerung erkennen können?

Ja, die Briefe wurden immer aggressiver, eine Steigerung war klar zu erkennen. Am Ende war es „out of control“ – außer Kontrolle meiner Meinung nach.

Haben Sie Anzeige erstattet?

Nein, das habe ich nicht. Aus gutem Grund. Ich bin als Bürgermeister angetreten, unser Dorf, in dem Unfrieden herrschte, zu befrieden. Ortsfrieden – das ist hier in Zislow das wichtigste Thema. Da mit Anzeigen zu reagieren, halte ich für den falschen Weg. Wenn man etwas verändern will, dann kann das nur geschehen, indem man miteinander redet, aufeinander zu geht. Das habe ich immer versucht. Und ich glaube, das ist mir auch gelungen. Der Brief mit dem vorgetäuschten Anthrax zeigt aber, dass ich nicht bei allen durchgedrungen bin. Oder vielleicht doch zu den allermeisten. Das hat die Täter aber vielleicht verärgert, so dass sie dann diesen Brief geschickt haben. Auch so kann man das interpretieren. Dieser Brief hat unser Dorf, das auf einem guten Weg zum Ortsfrieden war, zurückgeworfen, das ist ganz klar.

Würden Sie jetzt mit Blick auf die Erfahrungen der vergangenen zwei Wochen sagen, es war ein Fehler, nicht gleich gegen die Briefe vorgegangen zu sein? Hätten Sie vielleicht doch Anzeige erstatten sollen?

Nein. Nicht alle Briefe waren anonym, es standen auch Absender darauf. Aber ob die Absender auch tatsächlich die Schreiber der Briefe waren, kann nur vermutet werden. Eine Anzeigenflut hätte uns auch nicht geholfen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass man die Probleme, die wir hier in Zislow zu bewältigen haben, nur auf politischem Wege lösen kann. Und zwar gemeinsam. Wir müssen uns mit dem, was war, hier im Ort auseinander setzen, die Dinge beim Namen nennen und auch fähig sein, am Ende dieses Prozesses einen Schlussstrich zu ziehen, aber erst danach. Und verstehen Sie mich nicht falsch, ich wünsche mir natürlich sehr, dass es zur Täter-Ermittlung kommt.

Sie haben die Probleme in Zislow angesprochen, die zu bearbeiten sind. Welche meinen Sie?

Das ist ein sehr komplexes Thema, das seinen Ausgang in der gemeindeeigenen Wald- und Seeblick Camp GmbH hat. Hier gab es in der Vergangenheit keine klare Trennung zwischen Positionen des Geschäftsführers, des Gesellschafters und des Aufsichtsrates, Das hätte man, wenn man gewollt hätte, auch schon sehr viel früher erkennen können, auch bei den zuständigen Behörden übrigens. Was damals nicht richtig geregelt wurde – oder wo damals nicht richtig hingeschaut wurde – das hat Auswirkungen bis heute. Bis hin zu dem Punkt, dass Leute offenbar böse Gedanken hegen, weil sie oder andere nicht mehr in Positionen sind, die sie zu Zeiten der wechselnden und auch sich überschneidenden Postenbesetzungen in der GmbH noch inne hatten. Aber ich möchte ausdrücklich betonen, dass sich hier niemand bereichert hat. Auch das hat meine ausführliche Recherche in den Akten aus den letzten 10, 15 Jahren bisher ergeben. Ich möchte deshalb niemanden kriminalisiert sehen. Da, wo Menschen arbeiten, geschehen auch Fehler. Das ist hinlänglich bekannt.

Manche befürchten, dass mit diesem Brief Schaden für die Demokratie entstanden sein könnte. Dass sich nun, so kurz vor der Kommunalwahl, immer weniger trauen, sich kommunalpolitisch zu engagieren. Sehen Sie diese Gefahr ebenfalls?

Nein, ich denke nicht. Für die Menschen hier in Zislow war dieser Brief mit dem vorgeblichen Anthrax auch eine Art Weckruf. Dafür, dass wir uns, wie gesagt, unseren Probleme stellen müssen, aber auch dafür, dass wir selbst es sind, die an unserem Ortsfrieden arbeiten müssen. Zu dem, was falsch gelaufen ist, bedarf es aber einer respektvollen Aussprache.

Sie haben in der Vergangenheit den Ortsfrieden, wie Sie es nennen, beschworen, und sich für ein Miteinander eingesetzt. Kann das nach dem Anthrax-Brief überhaupt noch gelingen?

Ich bin mir sicher, dass das gelingen kann. Und das sage ich ganz bewusst nach den Erfahrungen mit diesem bösen Brief. Aber das kann niemand allein. Wir brauchen jetzt Menschen, die etwas verändern wollen, die die Probleme angehen – keine, die Öl ins Feuer gießen. Wir haben nicht nur eine große Welle der Solidarität erlebt, sondern es haben sich auch viele Menschen gemeldet, die sich an den Veränderungen beteiligen wollen, gerade mit Blick auf die Kommunalwahl im Mai.

Sie haben angekündigt, auch selbst wieder antreten zu wollen. Würden Sie gerne wieder Bürgermeister von Zislow werden wollen? Immerhin haben Sie bei Ihrer Wahl im August 2018 über 90 Prozent der Wählerstimmen bekommen.

Wir wollen eine Wählergemeinschaft gründen mit dem Namen „Ortsfrieden für Zislow“. Da sind viele engagierte und überaus kompetente Zislower dabei. Ich richte mich ganz nach den Wünschen der Wählergemeinschaft. Ich bin bereit, als sachkundiger Bürger oder Gemeindevertreter zu arbeiten, ich bin bereit, bei überzeugender Mannschaftsaufstellung Bürgermeister zu werden, wenn es friedvolle und kompetente Menschen mit gut abgestimmter Listenaufstellung so wollen und es Mehrheiten auch nach der Wahl dafür geben sollte. Ich nehme die Rolle an, die die Wählergemeinschaft für mich vorsieht. Ich diene unserem Dorf.