LÄRM, DRECK, FÄKALIEN

Ballermann-Tourismus rund um die Müritz?

Zusätzlich zum Lärm durch zunehmend rücksichtsloses Gästeklientel an der Seenplatte gibt es offenbar weitere Probleme. Und das laut Wasserschutzpolizei landesweit. Bleibt der sanfte Tourismus auf der Strecke?
Boote mit Hobbykapitänen auf der Müritz.
Boote mit Hobbykapitänen auf der Müritz. Jens Büttner
Waren.

Zunehmend Lärm und Dreck in der Urlaubssaison vor allem an hiesigen Seen – was das mit sanftem Tourismus und Lebenswert im eigenem Land zu tun haben soll, fragen sich auch immer mehr Einheimische. Schon ist der Vergleich vom Ballermann-Tourismus aufgekommen, Nationalpark-Ranger sprechen von der „Mallorca-Fraktion”. „Wir selbst sind Bootsfahrer und man kann sich nicht vorstellen, was dort abgeht. Zu dem Massenflosstourismus, der ja eigentlich was von Natur pur haben sollte, können wir nur sagen: Das ist leider total ausgeartet”, muss beispielsweise Marco Raasch feststellen, direkt an der Vosswinkler Schleuse wohnend.

Von den Flößen gehen die Fäkalien über Bord

Doch Dreck und Lärm sind es nicht allein. „Dazu kommt noch, dass von den Flößen sämtliche Fäkalien über Bord gehen. Die Wasserqualität lässt entsprechend Wünsche offen”, so Raasch. Und noch etwas spricht er an. Wenn die Charterboote mit Vollgas über die Seen düsen, könne das schon mal eine Welle von einem Meter machen. Die Konsequenz: Bäume im Uferbereich entwurzeln. „Ja, wir brauchen den Tourismus, aber keinen Massentourismus. Schade um unsere schöne Natur”, so sein enttäuschtes Fazit.

Wenngleich Robert Stahlberg, Sprecher der Landeswasserschutzpolizei, den ungewöhnlich niedrigen Wasserstand auf der Müritz für den Anblick der Wurzeln am Ufer verantwortlich macht, so räumt auch er eine „Mehrbelastung der Natur durch coronabedingt mehr Tourismus” ein. „Wir verzeichnen ruhestörenden Lärm durch Jetskifahrer und vermehrt überhöhte Geschwindigkeiten auf dem Wasser.” Und das nicht nur an der Seenplatte, sondern landesweit. „Es betrifft den Schweriner See genauso wie Rügen und Usedom”, so Stahlberg.

Bleibt der sanfte Tourismus auf der Strecke?

Margrit Michalewski aus Neubrandenburg, die seit über 30 Jahren ein kleines Bootshaus an der Müritz-Wasserstraße hat, beobachtet diesen „Trend” nicht nur im Coronajahr, sondern schon in den letzten Jahren mit Sorge. Besonders leidet sie unter den Rasern auf dem Wasser. Nicht nur der Lärm sei sehr belastend, sondern durch die Wellen würden die Bootshäuser massiv in Mitleidenschaft gezogen, sodass ständige Reparaturen nötig seien. „Es wurden sogar zusätzliche Schilder angebracht, dass Wellenschlag zu vermeiden ist. Die werden oft einfach ignoriert, auf entsprechende Hinweise wird beleidigend reagiert.” Der „sanfte Tourismus” sei auf der Strecke geblieben, findet sie.

Auch Monika Lempe aus Röbel erlebt: „Unsere Region wirbt mit hohem Freizeitwert. Massentourismus à la Mallorca-Fraktion schränkt diesen jedoch erheblich ein.” Und sie schlägt vor: „Die Verantwortlichen müssen für die nächste Saison die notwendigen Weichen stellen, um nicht all diejenigen dauerhaft zu vergrämen, die hier Ruhe, Erholung und Naturerlebnis suchen. Und damit auch ein lebenswertes MeckPomm für die Einheimischen gewährleisten.”

Margrit Michalewski bedauert auch: „Offenbar hat der Tourismusverband kaum Interesse daran, wie sich der ,sanfte Tourismus' in der Realität entwickelt hat.” Viele Dinge könnten mit simplen Maßnahmen wie mehr Kontrollen behoben werden.

Tourismusverband: Nur einzelnes Fehlverhalten

Der Landestourismusverband sieht das Problem offenbar nicht als solches. „Wir haben hier keinen Ballermann-Tourismus”, wehrt Sprecher Tobias Woitendorf den Vergleich mit einem entsprechenden Verhalten auf der beliebten Balearen-Insel zudem als „polarisierend” und „nicht validierbar” ab. Vielmehr könne man von „Fehlverhalten” Einzelner sprechen. Im Übrigen unterscheide sich dieser Corona-Sommer diesbezüglich nicht wesentlich von den letzten Jahren. Allenfalls sei es im September 2020 voller als sonst. „Die Mehrheit der Gäste verhält sich angemessen”, und damit entsprechend des Landestourismuskonzepts, das „klar auf Qualität und Nachhaltigkeit” setzt, konstatiert Woitendorf. Schlussendlich sei es Aufgabe von Ordnungsbehörden und Polizei, einzelne "Überlastungserscheinungen” mit Sanktionen aufzufangen. Mehr Kontrollen als bislang indes seien personalbedingt nicht drin, ließ Robert Stahlberg von der Wasserschutzpolizei wissen.

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Kommentare (5)

Peene und Tollense seit Jahren. Wasserschutzpolizei??? Noch nie gesehen!

„Die Mehrheit der Gäste verhält sich angemessen”

Wörtlich genommen bedeutet das, dass sich bis zu 49% unangemessen verhalten.

Oder wie hat man diese Aussage von Seiten des Tourismusverbandes zu verstehen?

Die zuständige Wsp hat sicher keine geeigneten Fahrzeuge und auch kein Personal im Gegensatz zu den Freunden aus SH. Die haben vor kurzem auf dem Kummerower See volles Ballett gemacht mit ihren Jets. Sicher wollten sie ihre heimische Flora und Fauna dies nicht zumuten....

Das Problem ist das die Infrastruktur mit ihren Regularien dem Ansturm nicht gewachsen ist - zu altbacken!

Egal ob Auto, Reisebus oder Charterboot - an Regeln scheint sich kaum ein Tourist zu halten. Es wird gerast, in Anwohnerstraßen gefahren und alles zugeparkt. Auf den Seen ist es mitunter lebensgefährlich. Und es werden weiter Hotels gebaut und Natur vernichtet. Für die Einheimischen bleiben Billigjobs die mit Hartz4 aufgestockt werden oder es kommen gleich Osteuropäer weil kein Einheimischer davon leben kann. Der Profit geht an Eigentümer und Kapitalgesellschaften die weit weg sitzen. Mehreinnahmen der Kommunen durch Tourismus werden gleich wieder für die Förderung der touristischen Infrastruktur verbraten - da kann man sich dann über neue Laternen und Bänke freuen als Ersatz für Lärm, Dreck und uerstörte Natur...