Diskussion um Impfpflicht

Corona-Impfung als Muss? Das ist auch in der Gesundheitsbranche umstritten

Eine Impfpflicht könnte kommen. Olaf Scholz, der bald Kanzler sein dürfte, sprach sich dafür aus. An der Müritz finden sich viele gegenläufige Meinungen.
Eine Impfpflicht ist nicht das beste Mittel der Wahl, um die Pandemie zu meistern. So sehen es vielfach Pflegekräfte und
Eine Impfpflicht ist nicht das beste Mittel der Wahl, um die Pandemie zu meistern. So sehen es vielfach Pflegekräfte und Ärzte aus der Müritzregion. Fotokerschi.At
Seenplatte

Schluss mit Freiwilligkeit – jetzt droht die Pflicht zum Impfen gegen Covid-19. Höhere Be- und sich häufende Überlastungen im Gesundheitssystem sind Gründe, weshalb mitten in der vierten Welle eine allgemeine Impfpflicht immer wahrscheinlicher wird. Die Meinungen zur Impfpflicht, die ab März 2022 kommen könnte, gehen an der Müritz vielfach in gegenläufige Richtungen. „Ich denke nicht, dass es sich Deutschland leisten kann, eine Impfpflicht durchzusetzen. Außerdem zählt hier der freie Wille”, meinte etwa Heiko Quiram, seines Zeichens Chef eines häuslichen Pflegedienstes. Die dahinter stehende Befürchtung: Ohnehin belastete Pflegekräfte, die in Pandemiezeiten mehr als 100 Prozent geben, könnten bei einer Impfpflicht kündigen. Diese Angst teilt Quiram nach Nordkurier-Informationen auch mit Kliniken in der Müritzregion sowie mit anderen Pflegediensten. „Einige würden aus dem Beruf aussteigen”, sieht Angela Nehls vom Häuslichen Pflegeteam R. Larisch ebenfalls die Gefahr, die auch ihr Unternehmen treffen könnte. Und das in einer Zeit, in der bereits vor der Pandemie ein Pflegenotstand herrschte.

Impfnotwendigkeit in medizinischen Berufen

Quiram selbst geht als Arbeiter in der Gesundheitsbranche mit gutem Vorbild voran: Inzwischen ist Quiram dreimal geimpft. Impfdruck übt er auf seine Mitarbeiter nicht aus. Aber er gesteht, dass er die Bedenken der Ungeimpften nur begrenzt nachvollziehen könne. Insbesondere weil Mitarbeiter in medizinischen Berufen sowieso bestimmte Impfungen nachweisen müssen, um auf diesem Gebiet überhaupt arbeiten zu dürfen. Als Beispiele benannte er die Impfungen gegen Hepatitis und Masern.

Allzu viele Ungeimpfte gibt es bei ihm im Unternehmen aber nicht. Zwischen 80 und 90 Prozent seines Personals seien geimpft. Bevor die Republik auf Pflicht setzt, sollte sie abwartend schauen, wie sich die Lage im Nachbarland Österreich entwickele, meint er. Dort soll ab Februar 2022 eine Impfpflicht gelten – Verstöße sollen mit bis zu 7200 Euro Bußgeld geahndet werden.

Pflegekraft: „Wenn Impfpflicht, dann für alle”

„Wenn es eine Impfpflicht geben soll, dann für alle”, findet Nadine Starzak vom Müritzer Pflegeprinz in Grabowhöfe. Damit spielt die Inhaberin vor allem auf die jüngsten Diskussionen um eine Impfpflicht für Pflegeberufe an. Sie selbst sei gegen Corona geimpft – aus Überzeugung. Ob jemand den „Corona-Piks” möchte, solle aber jeder für sich selbst entscheiden. Denn es bleibe ein körperlicher Eingriff. Mit den aufkommenden Forderungen nach Impfpflichten beim Pflegepersonal werden nach Meinung der Warenerin unnötige Nebenkriegsschauplätze aufgemacht. Das Denunzieren von Pflegekräften gehört seitdem zu einem stressigen Arbeitsalltag. Wie der Nordkurier erfuhr, verweigerten Patienten Pflegern mitunter den Zutritt zu ihrer Häuslichkeit, bevor die Mitarbeiter nicht ihren Impfpass vorgezeigt haben sollen. Manch ungeimpfte Pfleger wurden sogar barsch weggeschickt.

Offene Fragen

Wenn medizinisches Personal vergrämt wird, wer macht dann dessen Arbeit? Und wie wäre es, wenn sich Mitarbeiter von heute auf morgen ausschließlich nur noch um geimpfte Menschen kümmern wollten? Fragen, auf die weder empörte Pflegebedürftige noch deren Angehörige noch die Politik Antworten hat.

Corona-Piks aus Überzeugung

Bei befragten Medizinern löst die Aussicht auf eine Impfpflicht ebenfalls kaum Begeisterungsstürme aus. Viele, zu denen der Nordkurier das Gespräch sucht, halten sich bedeckt, fürchten Repressalien, Mitarbeiterkündigungen durch die Impfpflicht oder einen öffentlichen Shitstorm. Die, die sich öffentlich dazu äußern, sehen eine allgemeine Impfpflicht nicht als bestes Mittel der Wahl. Nicht, weil sie die Vorteile nicht sehen, sondern weil sie noch mehr Ressentiments aus der Bevölkerungsmitte befürchten. „Das Impfen muss aus Überzeugung passieren”, meinte etwa der Malchower Internist Krassimir Stojanow. Stojanow selbst ist vollständig geimpft. Mit Biontech. Aus Überzeugung. Mit „Gesundheit” als Leitmotiv. Um sich selbst und sein Umfeld zu schützen und die Viruslast zu minimieren und im Fall des Falles auf einen milderen Krankheitsverlauf hoffen zu können. „Von einer Impfpflicht halte ich nichts”, sagte er ganz klar. Damit war Stojanow einer der wenigen Mediziner in der Müritzregion, die sich über das „heiße Eisen” der Impfpflicht öffentlich äußern wollten.

Impfpflicht in „sensiblen Bereichen”

Wie sich die Infektionslage zuspitze, erlebe er immer häufiger in seinem Medizineralltag. Die Anzahl bei ihm positiv Getesteter nehme neue Rekordwerte an im Vergleich zu früher, obwohl das Aufkommen nicht überpropotional stieg. Als eingesetzter Notarzt hat der Malchower regelmäßig mit Covid-19-Patienten zu tun. Es sind Erlebnisse, die schockieren, sensibilisieren und nachdenklich stimmen. Krankenhäuser – auch in der Seenplatte – meldeten sich nach und nach ab, weil sie mit Corona-Patienten ausgelastet sind. Der Rettungswagen mit dem medizinischen Notfall muss dann eine Klinik suchen, die noch Patienten aufnimmt. So wie Stojanow sehen es hinter vorgehaltener Hand mehrere Müritzer Ärzte. Es gibt aber auch Befürworter für eine „Impfpflicht in sensiblen Bereichen wie Krankenhäusern, Pflegediensten und Pflegeheimen”, wie den Göhren-Lebbiner Arzt Dr. Christian Mau. „Ein Chirurg, der nicht gegen Hepatitis geimpft ist, darf auch nicht operieren”, wirbt Mau für Verständnis für die nach seiner Ansicht notwendige Impfung in bestimmten Berufen.

Corona-Update per Mail

Der regelmäßige Überblick über die Fallzahlen, aktuellen Regelungen und neuen Entwicklungen rund um das Corona-Virus in Mecklenburg, Vorpommern und der Uckermark. Jetzt kostenfrei anmelden!

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Seenplatte

zur Homepage