Andreas Handy (links) gehört zu den Zeitzeugen der Wendebewegung. Christoph de Boor (Mitte) hält die Vergleiche für falsch und gefährlich. Christiane Scherfig gehörte zu den Gründern des Neuen Forums in Waren.
Andreas Handy (links) gehört zu den Zeitzeugen der Wendebewegung. Christoph de Boor (Mitte) hält die Vergleiche für falsch und gefährlich. Christiane Scherfig gehörte zu den Gründern des Neuen Forums in Waren. Archiv / Petra Konermann / Carina Göls
Wie 1989 versammeln sich auch dieser Tage hunderte Menschen auf dem Warener Marktplatz.
Wie 1989 versammeln sich auch dieser Tage hunderte Menschen auf dem Warener Marktplatz. Ingmar Nehls
Im Herbst 1989 versammelten sich die Menschen auf dem Neuen Markt in Waren.
Im Herbst 1989 versammelten sich die Menschen auf dem Neuen Markt in Waren. Stadtarchiv Waren
Auch heute spielt ein Pastor eine tragende Rolle bei den Protesten: Marcus Wenzel spricht zu den Demonstranten.
Auch heute spielt ein Pastor eine tragende Rolle bei den Protesten: Marcus Wenzel spricht zu den Demonstranten. Ingmar Nehls
Montags-Proteste

Das sagen drei 89er zu den heutigen Corona-Demos

Wie 1989 ziehen derzeit montags hunderte gegen die Corona-Maßnahmen auf die Straßen. Ist der Vergleich legitim? Antworten von drei Müritzern, die 1989 dabei waren.
Waren

Die Bilder wiederholen sich: Hunderte Menschen mit Kerzen auf dem Neuen Markt in Waren, 1989 und 2021. Viele Teilnehmer und Redner der Corona-Kundgebungen wollen mit ihrem Protest an die Friedliche Revolution im Herbst 1989 anknüpfen und beziehen sich mit Symbolen und Worten auf diese Zeit.

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Doch die Kundgebungen gehören nicht in die Kategorie Montagsdemonstrationen, auch wenn Menschen am Montag auf die Straße gehen, meint Andreas Handy. Der langjährige Stadtvertreter, der auch Präsident der Stadtvertretung war und die Europäische Akademie leitete, gehört zu den Zeitzeugen der Friedlichen Revolution in Waren und sieht deutliche Unterschiede zur damaligen Zeit. „Die Montagsdemonstrationen in der Zeit der friedlichen Revolution und die Montagsgebete in den Kirchen an unterschiedlichen Orten waren geprägt von dem Wunsch nach friedlichen Veränderungen in der damaligen DDR. Dazu gehörte auch der Wunsch nach Freiheit und einem Leben in einer Demokratie”, sagt Handy.

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Die Spaziergänge oder Corona-Proteste wären zu DDR-Zeiten nicht möglich gewesen, meint Andreas Handy. „Man hätte sie aufgelöst und die Teilnehmenden verhaftet. Heute können sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung und Demonstrationsrecht wahrnehmen. Den Diktaturbegriff zu verwenden, verbietet sich eigentlich von selbst. Wir leben in einer funktionierenden Demokratie und einem Rechtsstaat, der auf dem Grundgesetz basiert”, sagt Andreas Handy.

Geschichtliche Vergleiche oft schwierig

Auch Christoph de Boor, einer der prägenden Figuren der Friedlichen Revolution, hält den Vergleich der aktuellen Proteste gegen die Coronapolitik mit der Friedlichen Revolution in der damaligen DDR im Herbst 1989 für falsch und auch für gefährlich. Ohnehin seien Vergleiche von aktuellen mit geschichtlichen Situationen ausgesprochen schwierig und würden oft nicht zutreffen.

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De Boor, der heute Geschäftsführer der Diakonie Mecklenburgische Seenplatte ist, erinnert daran, dass zu den wichtigsten Zielen aus dem Herbst '89 neben der Freiheit auch die Demokratie zählte. „Nicht eine allmächtige Partei entscheidet, sondern demokratisch gewählte Parlamente und Regierungen. Und Menschen können ihre Meinung frei und offen sagen. Genau das ist heute möglich. Menschen in diesem Land können und dürfen ihre Meinung sagen, sich versammeln und sie öffentlich vertreten, auch zur Coronapolitik. Menschen können Gesetze und Verordnungen gerichtlich überprüfen lassen, wer sich in seinen Grundrechten verletzt sieht, kann das Bundesverfassungsgericht anrufen. All das passiert, und all das wäre in der DDR nicht möglich gewesen”, sagt Christoph de Boor.

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Meinungsfreiheit bedeute aber nicht, dass alle anderen die eigene Meinung akzeptieren müssten. Meinungsfreiheit sei auch die Meinungsfreiheit der Anderen. „Und es kann sein, dass eine Mehrheit anderer Meinung ist als ich. Und zur Demokratie zählt auch, demokratische Entscheidungen und rechtskräftige Gerichtsurteile zu akzeptieren”, so de Boor.

Kein Verständnis für System-Ablehnung

In der Abwägung aller Argumente habe er sich persönlich für die Schutzimpfung entschieden. Einzelne Argumente gegen eine Impfung oder eine allgemeine Impfpflicht könne er nachvollziehen, aber für sich halte er die Schutzimpfung für richtig. Kein Verständnis habe Christoph de Boor, wenn die sachliche Ablehnung der Schutzimpfung oder der Impfpflicht in Ablehnung unserer demokratischen Gesellschaft umschlägt. Unser System sei nicht vollkommen und fehlerfrei, aber er kenne keine bessere Alternative.

 

 

„Wer unser System mit Wahlen, Parlamenten und Regierungen, dem Grundgesetz mit den Grundrechten und einer unabhängigen Justiz in Frage stellt, steht aus meiner Sicht nicht in der Tradition aus dem Herbst '89. Das ist eine Gefahr für die Demokratie, und als ein Engagierter aus dem Herbst '89 frage ich mich selbstkritisch, ob wir die Demokratie in unserem Land zu lange als selbstverständlich und normal angesehen haben. Wenn wir unsere Demokratie bewahren wollen, müssen wir für sie eintreten”, sagt Christoph de Boor.

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Bei einem zufälligen Treffen an einer Warener Tankstelle, am 29. September 1989, war es, als Christoph de Boor und Christiane Scherfig über die Montagsdemos, die gerade in Leipzig liefen, redeten und beschlossen, auch in Waren etwas zu machen. Fünf Leute waren es, die dann das Neue Forum in Waren gründeten. Aus fünf wurden Hunderte, dann Tausende, die sich der Protestbewegung anschlossen. Damals war es vor allem Pastor Hans-Henning Harder, der die Bewegung in Gang setzte.

Kritik an Warener Pastor

Heute sorgt ein anderer Pastor für Wut und Fassungslosigkeit. Zum ersten Mal ist Christiane Scherfig am Heiligabend nicht in die Kirche gegangen. „Ich hörte die Glocken rufen und habe gelitten”, sagt die Warener Gastronomin. Aber sie wollte nicht nicht mit ihrer Teilnahme am Gottesdienst symbolisieren, dass sie sich mit dem Pastor der Mariengemeinde, Marcus Wenzel, solidarisiert.

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Der hatte in einem Brief an den Bundespräsidenten mit den Corona-Maßnahmen abgerechnet und trat auch als Sprecher auf der Montagsdemo vor Weihnachten auf. „Er offenbart medizinisches Nichtwissen und hat keine Ahnung, wovon er spricht”, kritisiert Christiane Scherfig den Pastor, der sich ihrer Meinung nach seiner Vorbildwirkung nicht bewusst sei. Und noch schlimmer: „Durch sein Handeln wird unsere Idee der Friedlichen Revolution nicht nur mit Füßen getreten. Sie wird missbraucht und unter das Eis gepackt. Ich spreche ihm und den Teilnehmern der Corona-Demonstration das Recht ab, sich auf die Bewegung '89 zu beziehen und die Symbolik zu benutzen”, sagt die ehemalige Sozialkundelehrerin.

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Auch wenn die Initiatoren in Waren stets betonten, wie mutig es sei, sich auf den Markt zu stellen und gegen die Maßnahmen zu demonstrieren, habe das nichts mit Mut zu tun, findet Scherfig. „Das ist kein Mut. Das ist Zeigen des eigenen Unmuts, und dieses Zeigen hat keinerlei Konsequenzen. Das ist der Unterschied zu damals. Heute können alle wohlsituiert nach Hause gehen und müssen nicht befürchten, dass dort schon jemand wartet, der sie abholt”, sagt Christiane Scherfig.

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Aktuell sei sie damit beschäftigt, die Existenz des Familienunternehmens und die Arbeitsplätze ihrer Angestellten durch die schwere Zeit zu bringen. „Was ich dort sehe, macht mich betroffen und wütend. Vielleicht ist es an der Zeit, mit Christoph de Boor wieder Bettlaken zu bemalen”.

 

 

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