5.000 Kilometer pro Jahr

Der mit dem Esel wandert

Oliver Schreurs und Eselin Vicki haben jahrelang Europa bereist. Ihr Weg hat sie nun an die Müritz geführt. Wollen die beiden bleiben?
Oliver Schreurs und Eselin Viktoria Catalina bereisen seit Jahren ganz Europa. Gerade sind sie in Sietow angekommen. Und haben sich prompt in die Müritzregion verliebt.
Oliver Schreurs und Eselin Viktoria Catalina bereisen seit Jahren ganz Europa. Gerade sind sie in Sietow angekommen. Und haben sich prompt in die Müritzregion verliebt. Petra Konermann
Gemütlich im Esel-Kremser durch Mecklenburg – das macht auch Urlaubern Spaß.
Gemütlich im Esel-Kremser durch Mecklenburg – das macht auch Urlaubern Spaß. Petra Konermann
Sietow

Viktoria Catalina mag es eigentlich gar nicht, wenn jemand Fremdes neben Oliver Schreurs herläuft. Schließlich gehört der Zweibeiner am Ende des Seils ganz ihr. Umgekehrt ist es genauso. Seit Jahren ziehen beide durch Europa. Hundert, ja tausende Kilometer haben Mensch und Esel so zurück gelegt, Seite an Seite. Vagabunden der Landstraße. Ein Ziel gab und gibt es nicht – außer dem Weg. Ein überstrapaziertes Bild. Hier stimmt es aber. Gerade sind Vicki und Oliver in Sietow gelandet. Ein Wendepunkt, so scheint‘s. „Hier kann ich mir vorstellen, sesshaft zu werden, mich nieder zu lassen“, sagt Schreurs, der zuvor noch nie an der Müritz war und der sich nun auf Schlag in die Landschaft, viel mehr noch in die Menschen hier verliebt hat. „Sie sind nicht verbiestert, sie sind offen“, meint der Mann, der einst in einem Bauwagen in einem kleinen Ort an der Grenze zu Luxemburg gelebt hat.

Vor fünf Jahren aber machte sich der heute 50-Jährige auf den Weg und zieht seitdem durch die Lande. Erst auf dem berühmten Jacobsweg in Spanien, dann mit dem Fahrrad, später mit einem Traktor, seit ein paar Jahren nun schon mit Eselin Vicki. Was ihn auf Wanderschaft getrieben hat? Ein traumatisches Erlebnis. „Jemand aus meinem Dorf hatte damals meinen Wohnwagen angezündet. Alle meine Sachen sind in Flammen aufgegangen.“ Für Oliver Schreurs war dieses Erlebnis ein Schock, dann eine Befreiung. Denn ohne Hab und Gut war der Weg im wahrsten Sinne des Wortes plötzlich frei, und er wanderte los. Sein Leben hat er komplett auf den Kopf gestellt und ist gelaufen und gelaufen und gelaufen.

Tier statt Geld als Lohn

„Ich bin so ungefähr 300 Tage im Jahr unterwegs, meist 20 Kilometer pro Tag. Bei vorsichtigen Schätzungen hab ich so rund 25.000 Kilometer zurück gelegt, wahrscheinlich aber eher 30.000“, sagt er. Zwischen 4000 und 5000 Kilometer sind das pro Jahr und die haben ihn durch Spanien, Portugal, Frankreich, Luxemburg, Belgien und Holland geführt. Wind und Wetter sind ihm egal. „Ich brauche nicht viel, ich komme mit 300 Euro im Monat aus. Ich habe gerade mal 100 lebenswichtige Dinge, wie Zahnbürste und so. Nichts, was mich belastet“, sagt Oliver Schreurs. In Frankreich dann ist Vicki zu ihm gekommen. Nach einem Job wurde er gefragt, ob er Geld oder lieber einen Esel haben wollte. Oliver Schreurs wählte den Esel, der sich als Eselin entpuppte.

Heute ist er sich nach Jahren der gemeinsamen Wanderschaft nicht mal sicher, ob es nicht doch umgekehrt war. Ob Vicki sich nicht vielleicht eher ihn ausgesucht hat. Ein gutes Team sind sie auf jeden Fall und haben gemeinsam viele Gefahren gemeistert. Wackelige Hängebrücken, die Vicki an der Seite ihres Besitzers vertrauensvoll ebenso absolvierte wie das Inferno eines Waldbrandes in Italien. „Sie vertraut mir. Und ich habe viel von ihr gelernt“, sagt Oliver Schreurs. Ruhe nämlich. Ruhe, ohne die bei einem Esel nichts geht. Wenn Gefahr droht, dann rennen Esel nicht Hals über Kopf los, sondern warten ab, was passiert. „Für jemanden, der sich mit Eseln nicht auskennt, sieht es störrisch aus. Das Gegenteil ist aber der Fall“, sagt Oliver Schreurs. Vicki ist die geborene Wanderin, die auch nichts dagegen habe, eine Wagen zu ziehen.

Vorgarten und Jägerzaun? Der Horror!

Seitdem Oliver Schreurs in Sietow ist, ist das Gefährt ein bisschen größer als in den Jahren zuvor. Denn ein Urlauber, dem Oliver Schreurs begegnete und mit dem er ins Gespräch kam, hat ihm – plötzlich und völlig überraschend – seinen allergrößten Traum erfüllt. Der Urlauber unterbrach seine Ferien, fuhr zurück nach Hause nach Rostock und kam mit einem Geschenk wieder: Mit einem kleinen Kremserwagen – in genau der richtigen Größe für Vicki. „Ich bin völlig überwältigt. Das ist ein unglaubliches Geschenk“, sagt Oliver Schreurs. Noch am selben Tag hat er das kleine Wägelchen, mit dem Vicki sonst die Sachen der beiden zog, zerschlagen.

Der kleine Kremser kommt bei Oliver Schreurs und Vicki so richtig in Fahrt: Er bietet Touren rund um Sietow an. Nächste Woche ist er dann in Rechlin, dort wurde er angefragt, ob er nicht Eselfahrten für die Kinder auf den Campingplätzen anbieten könne. Und Oliver Schreurs kann. Sehr sogar. Und so langsam ist bei ihm die Idee gereift, doch mal wieder sesshaft zu werden. Natürlich nicht in einem Haus, mit Vorgarten und Jägerzaun, das wäre „Horror“, sagt Oliver Schreurs. Es müsste schon ein Bauwagen sein. Mehr braucht er nicht. Vielleicht, sagt Oliver Schreurs, klappt es.

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