Von Wembley an die Müritz

:

Der Schiri schwärmt vom "Räuscherfisch"

Der frühere internationale Schiedsrichter Klaus Peschel hält, für alle Fälle, seine Kluft auch auf dem Zeltplatz in Silz bereit. Die Gelbe Karte zeigt er hier aber höchstens Ruhestörern.
Der frühere internationale Schiedsrichter Klaus Peschel hält, für alle Fälle, seine Kluft auch auf dem Zeltplatz in Silz bereit. Die Gelbe Karte zeigt er hier aber höchstens Ruhestörern.
Thomas Beigang

Ein Sachse an der Seenplatte. Schon seit mehreren Jahren lebt der Ex-FIFA-Schiedsrichter Klaus Peschel regelmäßig einige Monate auf einem Zeltplatz in der Nähe von Malchow. Der Mann kann erzählen, zum Beispiel vom Schweißgeruch des großen Diego Maradona.

Es gibt Fußballspiele, die vergisst man nicht. Vor allem dann nicht, wenn man dabei selbst auf dem Platz gestanden hat. Für Klaus Peschel, den ehemaligen internationalen Schiedsrichter aus Dresden, zählt die „Schlacht von Glasgow“ im September 1989 zu jenen Spielen, die noch immer im Kopf herum geistern. Celtic Glasgow musste im heimischen Hampden-Park einer 1:2-Niederlage aus dem Hinspiel bei Partizan Belgrad hinterher laufen. „Ruckzuck lagen die Schotten aber 0:3 zurück und kämpften aber wie die Wahnsinnigen weiter. Tatsächlich schossen sie fünf Tore am Stück und führten zwei Minuten vor dem Ende mit 5:3.“ Zu früh gefreut. In der 89. Minute verkürzten die Belgrader auf 4:5, die Auswärts-Torregel brachte die Jugoslawen eine Runde weiter.

Die Partie hatte aber auch Konsequenzen für den DDR-Schiedsrichter Klaus Peschel. Denn dem englischen Schiedsrichterbeobachter hat die souveräne Spielführung des Sachsen so imponiert, dass er diesen Schiedsrichter seinem Heimatverband empfahl. Und - tatsächlich - die Engländer luden ihn wenige Monate später ein, dass Vorbereitungsspiel vor der WM 1990 zwischen England und Brasilien zu pfeifen. „Im Wembley-Stadion“, stöhnt Peschel fast ein Vierteljahrhundert später immer noch genussvoll. Die Gastgeber siegten seinerzeit mit 1:0. Das nur nebenbei.

Wenn Not am Mann ist, pfeift er heute noch

Der Sachse Peschel lebt seit geraumer Zeit die Hälfte des Jahres in Silz. Als Dauercamper auf dem Zeltplatz. Und schwärmt von der Landschaft an der Seenplatte. Schuld daran, dass der 73-jährige Ex-Schiedsrichter sein Zelt in der Region aufschlug, soll Hartwig Kurth sein. Der Chef vom Sportverein in Nossentiner Hütte hatte Peschel vor Jahren schon eingeladen, hier bei einem Fußballturnier dabei zu sein. „Damals verliebte ich mich in die Gegend.“ Und weil auch Ehefrau Gabriele Peschel das alles gefiel, mieteten die Dresdner eine Parzelle auf dem Zeltplatz.

Seine Schiedsrichter-Kluft hat der Mann immer dabei. Denn wenn Not am Mann ist, pfeift er noch manchmal in den unteren Spielklassen der Region oder achtet an der Linie auf Abseits. „So schnell sind die nicht, da kann ich noch mithalten“, grinst der erfahrene Referee, der schon 1957 seinen Schiedsrichterpass erwarb, neben der Karriere als aktiver Spieler. Aber so ganz hat es dabei nicht gereicht, über die Reservemannschaft bei Dynamo Dresden ist Klaus Peschel nie hinaus gekommen. Als Schiedsrichter wurde der Mann aber einer der ganz Großen. Seit 1974 in der DDR-Oberliga eingesetzt, leitete er hier 180 Spiele und flitzte als Schiedsrichter-Assistent, wie man heute sagt, 250 mal an der Seitenlinie entlang. Bei 40 Europa-Cup-Partien war er dabei und durfte 13 A-Länderspiele leiten. Selbst bei den Europameisterschaften 1984 und 1988 war Peschel dabei.

Sakrileg im Ostseestadion

„Ich glaube, die meisten Spieler mochten mich“, glaubt der Rentner. „Weil ich viel mit ihnen geredet habe.“ Aber wenn Schluss war, war auch Schluss. „Ich war seinerzeit der Einzige, der den Gerd Kische im Ostseestadion vom Platz gestellt hat.“ Das muss man erklären. Kische, der Rostocker Nationalspieler, schnell und schonungslos, galt im Ostseestadion als Ikone. Ein Sakrileg geradezu, dem die Rote Karte zu zeigen. „Mir blieb keine Wahl, wie der ohne Gnade den Eberhard Vogel von Carl-Zeiss Jena beharkt hat.“ Aber selbst nach diesem Spiel lag im Schiedsrichter-Kofferraum das gleiche wie immer. „Die Gastfreundschaft bei den Rostockern war die beste in der ganzen Oberliga“, schwärmt der Dresdner. Die Krönung: Zum Abschluss gab es immer ein Paket Räucherfisch. „Davon hatten wir Sachsen ja nicht sehr viel.“

Auch seine größte Begegnung hat mit intensivem Geruch zu tun: „Die mit Diego Maradonna, damals noch beim CF Barcelona. Der mochte mich wohl, denn nach dem Spiel schenkte er mir sein schweißdurchtränktes Trikot.“