TOD VON SARAH H.

Ein kleines Dorf will endlich wieder seine Ruhe haben

Über Wochen stand Alt Rehse vor den Toren Neubrandenburgs im Sommer 2016 im Mittelpunkt von bundesweiten Schlagzeilen. Der Tod von Sarah H. hatte die Volksseele kochen lassen. Und heute?
Ein kleines Dorf will endlich wieder seine Ruhe haben.
Ein kleines Dorf will endlich wieder seine Ruhe haben. Andreas Becker
Der Verurteilte im Gericht am Freitag.
Der Verurteilte im Gericht am Freitag. Stefan Sauer
Alt Rehse.

Da stehen sie nebeneinander vor der kleinen Dorfkirche: der Wagen mit Stern und Berliner Kennzeichen und der SUV mit Hamburger Nummernschild. Großstädter genießen Ruhe und Idylle im kleinen Alt Rehse. Besuch des Gotteshauses, Spaziergang um den angrenzenden Dorfweiher, anschließend ein Käffchen aus der Thermoskanne auf der schnuckeligen Holzbank. Seele baumeln lassen. Abschalten.

Letzteres wollen auch die Dorfbewohner. Schluss mit Schlagzeilen und Sensationsmeldungen. Im Gespräch mit den Bürgern ist zu spüren, dass sie den Fall der getöteten Sarah H. hinter sich lassen wollen. Und auch den ewigen Streit mit dem ehemaligen Lebenspartner der zum Todeszeitpunkt 32 Jahre alten Frau möchte das Dorf zu den Akten legen. Im Laufe der Jahre hatte sich das Verhältnis zwischen dem am Freitag vom Landgericht zu einer Geldstrafe verurteilten Betreiber der Dorfkneipe und seinen Mitbewohnern mächtig abgekühlt. „Trompete spielen morgens um fünf Uhr, provokante Äußerungen und so manche Drohgebärde – das war schon mächtig nervig“, sagt ein langjähriger Nachbar, der lieber anonym bleiben will. Schließlich komme der Verurteilte ja ab und zu noch mal ins Dorf und schaue in seinem Haus nach dem rechten, heißt es.

Sein Grundstück ist mächtig verwahrlost

Nun, das Grundstück des Verurteilten, das macht auch Richter Henning Kolf in seiner Urteilsbegründung deutlich, ist mächtig verwahrlost. Auch das hat viele Bürger gestört – in einem Dorf, das tolle Fachwerkbauten zu bieten hat und auch von der Vermietung von Ferienwohnungen lebt.

Der ein oder andere Bürger Alt Rehses macht auch den Scheibenwischer, wenn er über den ehemaligen Lebensgefährten von Sarah H. spricht. Diesen Hinweis auf eine Psychose oder gar Schizophrenie, die auch Dorfbewohner im Zeugenstand des Revisionsprozesses gegeben hätten, will der Richter so nicht stehen lassen. „Der Verurteilte ist sicherlich teilweise auffällig, neigt auch zu Übertreibungen, aber er ist nicht psychisch krank. Er hat eine Persönlichkeitsstörung – mehr aber nicht.“

Zu den gehörten Zeugen zählt auch Penzlins Bürgermeister Sven Flechner, zu dessen Amtsbereich Alt Rehse gehört. „Zum Glück ist der Verurteilte nicht mehr allzu oft hier. Ich glaube mittlerweile, dass das Urteil auch keine allzu große Überraschung mehr ist“, sagt Flechner auf Nordkurier-Anfrage. Grundsätzlich aber, so der Bürgermeister, sei das mittlerweile vier Jahre andauernde juristische Verfahren kein Ruhmesblatt für die Gerichte.

„Schallende Ohrfeige für die Staatsanwaltschaft”

Zumindest was das Urteil von Freitag angeht, hat Matthias Koch, einer der beiden Verteidiger des Verurteilten, eine ganz andere Einschätzung. Koch spricht von einem „sehr gerechten Urteil und einem fairen Verfahren“. Dies sei eines der besten Urteile in seiner 30-jährigen Berufskarriere, sagt der Jurist. „Und vor allem ist es eine schallende Ohrfeige für die Staatsanwaltschaft.“ Die hatte nach Informationen des Nordkurier wegen Körperverletzung mit Todesfolge für eine mehr als vierjährige Haftstrafe plädiert.

Unmittelbar nach dem Urteil will sich Staatsanwalt Andreas Gentz nicht äußern. Erst nach Prüfung des Urteils könne man entscheiden, ob man in Berufung gehe. Nicht ausgeschlossen also, dass in diesem Verfahren das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.

Die Alt Rehser werden es beobachten – und bis dahin den urlaubenden Großstädtern ein guter Gastgeber sein.

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Kommentare (1)

Nach diesem Urteil wird jeder einen großen Bogen um diesen Ort machen den jeder kann das nächste Opfer sein. Dieser Richter ist mit seinem Urteil sehr allein, sehr allein. Ganz Deutschland schüttelt mit dem Kopf.