Falls es den Streit gab, war das wohl der Ausgangspunkt: Eine Frau aus Syrien, mit Kopftuch bekleidet, sei beim Warten auf ihr
Falls es den Streit gab, war das wohl der Ausgangspunkt: Eine Frau aus Syrien, mit Kopftuch bekleidet, sei beim Warten auf ihren Sohn von einem jungen Mann fremdenfeindlich angepöbelt worden. Martin Schutt/Symbolfoto
Gerichtsbericht

Ein Kopftuch, ein Faustschlag und viele Rätsel

Am Ende lag einer mit geprellter Nase am Boden. Doch was vorher geschah, dazu gab es vor Gericht ganz unterschiedliche Erklärungen.
Waren

Eine Pöbelei, ein Schlag ins Gesicht und eine Menge Alkohol. Was genau an diesem Frühlingsabend in Waren-West geschehen ist, und ob Fremdenfeindlichkeit dabei eine Rolle gespielt hat, sollte ein Prozess vor dem Warener Amtsgericht klären.

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Fremdenfeindliche Beschimpfung

Im Zeugenstand unter anderem: eine syrische Mutter, die jahrelang in Waren lebte. Ihre Haare trägt sie verhüllt mit einem Kopftuch. Aufgrund dessen sei sie am 20. April 2021 von einem Mann angefeindet worden. Und damit könnte das alles angefangen haben. Sie spreche kaum Deutsch, ließ die Frau übersetzen. Zwei Worte aber habe sie verstanden: „Ausländer“ und „sch...“.

Der junge Mann, der das zu ihr gesagt haben soll, war wiederum derjenige, der am Ende am Boden lag, der Täter – so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft – sei der Sohn der Syrerin. Der 21-jährige soll den 19-jährigen Warener geschlagen haben.

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Viele abweichende Schilderungen

Vor Gericht hörten die Staatsanwältin und Richterin Alexandra Sprigode-Schwencke von den Zeugen viele abweichende Schilderungen zum potenziellen Täter und dem Ablauf. Ein Faustschlag ins Gesicht soll den 19-Jährigen zu Boden gebracht haben. Eine Nasenbeinprellung war die Folge.

Soviel gilt als sicher: Der Angeklagte fuhr mit einem Freund, seiner Mutter und seiner Schwester ins Warener Stadtgebiet West. Dort wollte er nach eigenen Angaben seine Freundin besuchen. Er ging hinauf; die anderen bleiben zunächst im Auto. Als die Mutter, die unter Atemproblemen litt, dann doch ausstieg, die Haare unter einem Kopftuch, habe sie ein junger Mann angesprochen. Das soll der heute 19-jährige Müritzer gewesen sein. Laut sei er geworden, doch zunächst sei niemand eingeschritten. Auch nicht der deutsche Freund ihres Sohnes, der rauchend am Auto gestanden habe.

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Aussage mehrfach geändert

Als ihr Sohn zurückkam, habe er die Mutter ins Auto geschoben. Der später Geschädigte soll den Angeklagten am Arm festgehalten haben. Dieser habe sich wiederum aus dem Griff befreit und sei davongefahren. Einen körperlichen Übergriff gab es laut dem Beschuldigten nicht. Seine Mutter bestätigt das.

Soweit, so gut. Die Aussagen des Geschädigten ließen den Fall noch rätselhafter werden. Der erzählte einerseits überraschend detailliert, konnte sich aber an andere Feinheiten nicht erinnern. Auffällig auch: Zum Teil veränderte und ergänzte er seine Aussagen zwischen Anzeigeerstattung, der polizeilichen Vernehmung bis hin zum Prozess. Er wisse, dass ihn am Tatabend zwei Männer angepöbelt hätten. Damit könnten der Angeklagte und dessen männlicher Beifahrer gemeint sein. Die Männer seien „relativ aufdringlich“ gewesen, schildert er. Irgendwann lag der junge Mann getroffen am Boden.

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Opfer war betrunken

Unklar bleibt, ob es sich überhaupt um dieselben Beteiligten handelte. Denn die Pöbler konnte der 19-Jährige nicht beschreiben, den Angreifer aber erkannte er angeblich sofort. „Der Faustschläger ist der, der da sitzt“, deutete er auf den Syrer.

Das alles als glaubhaft zu betrachten, wurde dem Gericht durch viele Erinnerungslücken erschwert. Mysteriös kam dem Gericht auch vor, dass der Müritzer mit, wie sich später herausstellte, 2,0 Promille Alkohol im Blut, getroffen am Boden liegend noch den Spitznamen des Angeklagten gehört haben will. Noch im Rettungswagen machte sich der junge Mann an die Tätersuche. Er googelte nach dem Namen, sah sich Profilbilder an und meinte dann, den Täter ausfindig gemacht zu haben.

Mitten in der Nacht auf dem Polizeirevier

Bei der Polizei gab der Geschädigte allerdings keine Täterbeschreibung ab, erinnert sich ein 36-jähriger Beamter. Aber mitten in der Tatnacht sei der Zeuge extra zum Warener Revier gekommen, um der Polizei Hinweise zu geben. „Der Zeuge konnte uns aber nicht plausibel erklären, wie er auf das konkrete Facebook-Profil kam“, sagte ein Beamter, der das alles offenbar für ein Märchen hielt.

Was sich am Abend des 20. April abspielte, blieb auch vor Gericht unklar. Die Staatsanwältin sah neben Widersprüchen in Anzeige und Vernehmung des Zeugen „nicht überwindbare Zweifel und zu lückenhafte Schilderungen“. Sie beantragte einen Freispruch. Richterin Sprigode-Schwencke urteilte entsprechend. „Die Identifizierung des Angeklagten durch den Zeugen ist mehr als wacklig“, erklärte sie.

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