Andreas Handy, Eberhard Albinsky, Gisela Dunker, Rüdiger Prehn und Anja Lünert haben gemeinsam einen Appell verfasst. Fotos: NK-Archiv
Corona-Pandemie

Fünf Warener rufen zu mehr Solidarität auf

Der Präsident der Warener Stadtvertretung und die Pastorin Anja Lünert haben gemeinsam mit anderen Bürgern angesichts der Corona-Kontroversen einen Appell für ein solidarisches Miteinander formuliert.
Waren

Was sie verbindet, ist die Sorge wegen des zunehmenden Hasses und der Gewalt zwischen den Menschen. Darum haben jetzt Warens Präsident der Stadtvertretung, Rüdiger Prehn (Die Linke), die Pastorin Anja Lünert, Dr. Gisela Dunker, Andreas Handy und Eberhard Albinsky gemeinsam einen Warener Appell formuliert. Der bezieht sich auf die Corona-Demos, die seit der Adventszeit jeden Montag in Waren, Röbel, Malchow und anderen Städten im Land stattfinden. Man erlebe bei diesen Veranstaltungen eine Art der Auseinandersetzung mit der Corona-Politik und anderen gesellschaftspolitischen Themen, die man in wichtigen Punkten nicht teilen könne und die große Sorgen mache, schreiben die Autoren.

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„Das eigene Ich bei Demos im Vordergrund”

Sie hätten bei den Demos eine Auffassung von Freiheit wahrgenommen, die sehr stark das eigene Ich in den Vordergrund stelle und zum Maß aller Dinge mache, andere verletze und beleidige. „Mit einer solchen Auffassung werden wir die Pandemie nicht besiegen. Sie untergräbt aber die Solidarität mit anderen und die Verantwortung, die wir gerade in dieser Zeit füreinander haben“, heißt es in dem Appell. Wie berichtet, hatte am Vortag der auch Warener Unternehmer und Umweltpreisträger Thomas Pilgram in einem „Offenen Brief an die Gesellschaft“ dazu aufgerufen, sich für die Demokratie zu engagieren.

Erste Unterstützer haben sich angeschlossen

Die Aktion der fünf Warener sei keine Petition, sondern eher eine Kampagne, erklärt Rüdiger Prehn. Ziel sei es, denjenigen, die bei den Montagsdemos ihre Positionen eher nicht vertreten können, eine Plattform zu geben. Prehn verweist dabei auch auf den ehemaligen Malchower Bürgermeister Joachim Stein (Grüne) und den Bundestagsabgeordneten Johannes Arlt (SPD). Beide hielten Reden auf den Demos und mussten heftigen Gegenwind aushalten. „Wir sorgen uns auch wegen der zunehmenden Verbreitung extremistischen, faschistischen und antisemitischen Gedankengutes unter dem Deckmantel des Protestes gegen die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie“, schreibt Prehn und ruft mit den anderen Autoren zu einem solidarischen Miteinander auf.

Gegen jede Form von Radikalisierung

Erste Unterstützer sind mit Peter Balsam, Dagmar Albinsky, Birgit Prehn, Christiane Scherfig, Thomas Scherfig, Elke Schönfelder und Edo Kuhlmann bereits gefunden. „Ich unterstütze diesen Appell, weil ich auch nach Wegen suche, den offensichtlich zunehmenden Radikalisierungstendenzen offen entgegenzutreten“, erklärt Christiane Scherfig. Die Mitgründerin des Neuen Forums in Waren hatte bereits öffentlich kritisiert, dass sich einige Demonstranten in der Tradition der Montagsdemos während der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 sehen und auch Symbole dieser Zeit für sich vereinnahmen wollten. Laut Christiane Scherfig müsse man jetzt nach Mitteln suchen, wie man den durchaus verständlichen Ängsten vieler Mitläufer mit klugen Argumenten begegnen und sie für das wirklich nötige Impfen motivieren könne. Gleichzeitig vermisst Scherfig aber auch das so wichtige Agieren der kommunalen Entscheidungsträger. Der Appell könnte eine Möglichkeit sein, „endlich aus ihrer Lethargie zu erwachen und aktiv gegen die kruden Umsturzideen vorzugehen“, sagt sie. „Vielleicht kann der Appell doch noch den einen oder anderen und am Ende viele zur Einsicht und damit zur aktiven Mitarbeit gegen jede Form von Radikalisierung überzeugen“, hofft die Gastronomin.

Kommentare und Meinungen möglich

Der Appell ist unter folgenden Links zu finden: www.t1p.de/warener-appell und www.openpetition.de/!warenerappell. Neben der Kommentarfunktion gibt es die Möglichkeit, Pro- und Contra-Meinungen zu formulieren. „Auch für mich ist diese Art der Beteiligung Neuland. Ich bin gespannt auf den Prozess und darauf, ob diese Form auch für Beteiligungsprozesse für die Weiterentwicklung eines Leitbildes unserer Stadt nutzbar sind“, erklärt Prehn.

Im Wortlaut: Diesen Appell richten die Warener an ihre Mitbürger:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger unserer Stadt Waren (Müritz) und der Müritzregion,

gibt es ein Thema, das uns in diesen Tagen mehr bewegt, als „Corona“ und „Corona-Politik“? Wohl nicht. Menschen sind Gemeinschaftswesen. Jeder trägt Verantwortung für sich – aber auch für andere. Um dieser Verantwortung gerecht werden zu können, brauchen wir Verständnis füreinander und die Bereitschaft, nach den im deutschen Grundgesetz formulierten Rechten und Pflichten zu leben. Diese haben ihre Wurzeln im Christentum und im Humanismus. Wichtige Grundelemente sind Würde, Toleranz, Freiheit, Rücksichtnahme und Solidarität. Bei den auch in unserer Stadt bisher durchgeführten Demonstrationen, im Selbstverständnis ihrer Organisatoren auch „Spaziergänge“ genannt, erleben wir eine Art der Auseinandersetzung nicht nur mit der „Corona-Politik“, sondern auch mit anderen gesellschaftspolitischen Themen, die wir in wichtigen Punkten nicht teilen und die uns große Sorgen macht.

Es ist klar, dass nach zwei Jahren Pandemie eine große Ermüdung eingetreten ist, dass erst im Rückblick politische Fehler offenbar werden, die in der Gesellschaft Unmut und Widerspruch erzeugen. Das ist verständlich und legitim, sollte jedoch kein Grund sein, die Demokratie als solche in Frage zu stellen. In manchen Meinungsäußerungen – nicht nur bei den „Spaziergängen“ in unserer Stadt – nehmen wir eine Auffassung von Freiheit wahr, die sehr stark das eigene ICH in den Vordergrund stellt und zum Maß aller Dinge macht, andere verletzt und beleidigt. Mit einer solchen Auffassung werden wir die Pandemie nicht besiegen. Sie untergräbt aber die Solidarität mit anderen und die Verantwortung, die wir gerade in dieser Zeit füreinander haben, für unsere Kinder, die Familie, Nachbarn und Freunde, aber auch für Ärzte, Pflegekräfte, Schwerkranke, Menschen mit Behinderungen, Senioren und für die, die im Arbeitsleben die Auswirkungen der Corona-Pandemie besonders spüren.Deshalb appellieren wir an Sie alle: Treten Sie für eine tätige Solidarität untereinander ein!

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