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Bis zu 20.000 Euro

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Für den Straßenausbau soll in Penzlin abkassiert werden

Eine kleine Straße macht großen Ärger. Die einen wollen eine Sanierung, die Mehrheit aber nicht. Denn für eine neue Straße müssen sie viel Geld berappen.  
Eine kleine Straße macht großen Ärger. Die einen wollen eine Sanierung, die Mehrheit aber nicht. Denn für eine neue Straße müssen sie viel Geld berappen.
Ingmar Nehls

Der Lindenweg in Penzlin soll nach 30 Jahren saniert werden. Endlich, sagen die einen. Stoppt das Projekt, sagen die anderen.

Es ist nicht die Sommerhitze, die das Blut der Penzliner kochen lässt. Es ist die pure Verzweiflung. Denn wenn tatsächlich Ende August die Bagger im Lindenweg rollen, dann stehen viele Anwohner mit dem Rücken zur Wand. Die fälligen Straßenausbaubeiträge brechen ihnen das Genick.

Im Dezember schickte die Verwaltung ein Schreiben raus, in dem die Beiträge unter Vorbehalt auf 13,70 Euro pro Quadratmeter geschätzt wurden. Jetzt bekamen die Anwohner erneut Post vom Rathaus und plötzlich sind es 20,71 Euro, also 53 Prozent mehr. Denn statt insgesamt 138.000 Euro soll die kleine Straße nun 209.169,71 Euro kosten, von denen 75 Prozent durch die Anwohner bezahlt werden müssen.

Nur zwei Angebote eingegangen

Nach Auskunft von Bürgermeister Sven Flechner (WPL), habe die Verwaltung zwölf Firmen angefragt. Nur fünf Firmen zeigten Interesse und davon gaben letztlich nur zwei ein Angebot ab. Am 24. Juli wurde im Hauptausschuss der Stadt Penzlin die Vergabe der Leistungen beschlossen.

Für einige Bewohner ist das, was an Forderungen auf sie nun zukommen wird, finanziell nicht zu leisten, denn bei Grundstücksgrößen zwischen 550 bis 804 Quadratmeter, kommen enorme Summen von bis zu 20 000 Euro zusammen. Sieben von elf Familien wollen die Sanierung darum nicht mehr. Sie haben sich im Garten eines Anwohners versammelt und lassen Dampf ab. „Die Sanierung wurde über unsere Köpfe hinweg entschieden. Das geht so nicht“, heißt es. Zudem sind die Anwohner der Meinung, dass die Straße auf ihre Kosten viel zu teuer und aufwendig saniert werden soll.

Die Straße spaltet die Nachbarschaft und sorgt für erheblichen Ärger und Vertrauensverlust in die Verwaltung. Längst haben sich zwei Lager in der Straße gebildet. Die einen, die für die Sanierung sind und die anderen, die sie ablehnen. Was sie wiederum eint, ist der Protest gegen die Straßenausbaubeiträge. Die sieben Familien sagen, dass sie sich mit den Beiträgen der ersten Schätzung vielleicht sogar noch hätten abfinden können, aber nicht mit den deutlich höheren, die nun gefordert werden.

„Die Sanierung wurde durch die Anwohner selbst angeschoben. Die Straße war noch nie in einem akzeptablen Zustand. Wir kommen an einem Straßenausbau nicht vorbei“, sagt Sven Flechner und zerstört die Vorstellung, dass die Bagger noch gestoppt werden.

Unmut bei dem Thema in der ganzen Seenplatte

Während sich der kleine Rest der Straße freut, dass die Sandpiste nach über 30 Jahren endlich eine vernünftige Straße wird und damit die Zeit des Schlamms und der Überschwemmungen vorbei ist, haben die anderen existenzielle Ängste. Es sind zum Teil Alleinstehende, Arbeitslose oder Normalverdiener, die entweder keine Rücklagen haben oder mit dem Ersparten das Dach oder die Heizung machen wollen.

Sven Flechner verspricht, dass keiner sein Haus verlassen muss und dass die Stadt für die Härtefälle Lösungen anbieten wird. Den Vorwurf, die Stadt habe sie bei der Planung nicht miteinbezogen oder die Straße zu teuer geplant, weist er zurück. Drei öffentliche Sitzungen, zwei Anliegerversammlungen sowie ein Gesprächstermin des Bauamtes für Anlieger wurden durchgeführt, zählt Flechner auf.

Dass Mitsprache manchmal auch Früchte trägt, die bitter schmecken, zeigt im Lindenweg das Beispiel mit den Linden. Die Anwohner sprachen sich gegen die Pflanzung der Bäume aus. Mit Erfolg, denn Bäume kommen nicht. Stattdessen werden sie an anderer Stelle gepflanzt. Bezahlen müssen die Anwohner die Bäume, die sie nicht wollten, aber dennoch.

Musterschreiben überreicht

Dass es am Ende immer ans Portemonnaie der Anwohner geht, sorgt für Frust, überall in der Seenplatte. Erst Ende Mai fand in Waren die Regionalkonferenz der Initiative der Freien Wähler „Faire Straße in MV – gemeinsam gegen Straßenausbaubeiträge“ statt und Anwohner aus der gesamten Seenplatte kamen nach Waren, um sich zu informieren und ihren Unmut auszudrücken. In einigen Orten lagen auch Unterschriftenlisten für die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge aus. Kerstin Kruzik aus Röbel brachte 450 Unterschriften mit, Monika Cerven aus Penzlin 408 und Arno Süssig aus Salem weitere 370 Stimmen aus der Malchiner Region. „Auch Mieter sind betroffen, denn die Beiträge werden durch Mieterhöhungen auf sie abgewälzt“, sagte Kerstin Kruzik.

In einigen Städten und Gemeinden, darunter Rostock, Malchin, Bad Doberan, Schwerin, Güstrow und Goldberg sind die Bürgermeister schon von den Bürgervertretungen per Beschluss beauftragt worden, sich beim Land gegen die Straßenausbaubeiträge auszusprechen. Manfred Janke, Anwohner aus dem Lindenweg und aktiver Kritiker gegen Straßenausbaubeiträge, überreichte erst kürzlich Sven Flechner ein Musterschreiben.