Noch wirkt alles ziemlich unaufgeräumt. Ein kreatives Chaos, das mit Festivalstart zur kollektiven Stadt mutiert.
Noch wirkt alles ziemlich unaufgeräumt. Ein kreatives Chaos, das mit Festivalstart zur kollektiven Stadt mutiert. Elke Enders
Die Turmbühne mit der neuen Tribüne im Hintergrund. Letztere Hangarbebauung ermöglicht den Blick von oben auf d
Die Turmbühne mit der neuen Tribüne im Hintergrund. Letztere Hangarbebauung ermöglicht den Blick von oben auf den Mega-Dancefloor, der ein Kessel voller Klang und Glitzer wird. Fotos: Elke Enders Elke Enders
Baumi (rechts) vom Projekt „Palapa“ im Gespräch mit Martin Eulenhaupt. Die Crew errichtet die Kulisse fü
Baumi (rechts) vom Projekt „Palapa“ im Gespräch mit Martin Eulenhaupt. Die Crew errichtet die Kulisse für den gleichnamigen Dancefloor im Zelt. Thema ist „eine informell gewachsene Stadt, die im Kollektiv gebaut wird“. Und dabei kommen ganz neue Verbinder zum Einsatz, eine kleine ausgetüftelte Raffinesse, die den Unterbauten mehr Haltbarkeit gibt. Elke Enders
Über 65.000 Besucher

Fusion-Festival kann endlich wieder voll durchstarten

Der Kulturkosmos will die Fusion nach langer Pause wieder in alter Größe aufziehen. Das eingespielte Team ist etwas aus der Übung, improvisiert aber. Eines macht trotzdem Sorgen.
Lärz

Sage und schreibe 40 Bühnen, 1150 verschiedene Acts, also Stücke, und über 3000 Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland, die das alles mit Leben füllen – das sind die Eckdaten des diesjährigen Fusion-Festivals in Lärz, das sich ab Mittwoch, 29. Juni, nach langer Abstinenz und allen Unkenrufen zum Trotz kraftvoll und in alten Dimensionen zurückmeldet.

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„Wir haben erstmals eine vier vorne bei der Anzahl der Bühnen. Das hatten wir noch nie“, ist Martin Eulenhaupt, Kopf des veranstaltenden Kulturkosmosvereins, selbst ein bisschen verblüfft, als er die genauen Zahlen benennt. Nach zwei Jahren coronabedingter Pause beziehungsweise einer abgespeckten Variante 2021 steigt es wieder: das internationale Kulturevent mit mehr als 65.000 erwarteten Gästen sowie Theater, Musik, Performance, Tanz und jeder Menge Potenzial, um dem tristen Alltag mit Vielfalt, Licht, Spektakel, Ausgelassenheit und einfach purer Lebensfreude zu begegnen. Alles einhergehend mit einer Geräuschkulisse, die je nach Windrichtung für umliegende Orte zur Strapaze werden kann, wie Anwohner aus 22 vorangegangenen Fusionsjahren wissen – und trotzdem, das Feeling zieht auch Einheimische in seinen Bann.

Probleme genug Fachkräfte zu finden

„Bin gerade in einer Besprechung, melde mich gleich noch mal…“ Martin Eulenhaupt ist der Stress der vergangenen Tage und Wochen anzumerken. Das Handy klingelt ununterbrochen. Dass aufgrund eines baulichen Eingriffs außerhalb des Geländes auch noch die Festnetzleitung für einen Tag gekappt war, ist ein Umstand, der nicht gerade besänftigend auf die Situation wirkte. Aber nun ist alles wieder im grünen Bereich. Und die Vorfreude kommt auch bei „Eule“ auf, wie ihn viele Einheimische und Crew-Mitglieder nennen. „Ja, wir müssen ehrlich zugeben, uns fehlte nach zwei Jahren die Routine“, sagt Eule. „Das war schon mühsamer, auf dem Gelände musste deutlich mehr zurückgebaut werden, als wenn nur ein Winter dazwischen liegt.“ Vieles war verschlissen. Hinzu kommt, dass in 25 Jahren, in denen es das Engagement des Kulturkosmosvereins inzwischen gibt, auch baurechtliche Dinge angepasst werden müssten. So würden manche Bauten jetzt fürs Festival nur temporär errichtet, während das Prozedere der B-Plan-Erweiterung und die nötigen Gespräche mit den Gemeinden laufen.

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Dass Personal und Material knapper geworden sind, geht auch am Kulturkosmosverein nicht spurlos vorbei. „Die Crews sind schon am Ball geblieben, aber wir merken bei den Fachkräften wie überall, dass es schwieriger wird“, so Eulenhaupt. Er sieht den Festivalbetrieb aber weniger betroffen als kommerzielle Unternehmen. „Die Diversität der Vereine ist etwas, was uns nicht so anfällig macht. Aber auch wir sind auf Firmen angewiesen, die uns Technik liefern.“ Sein Verein habe deshalb vorgesorgt und „vorausschauend Lagerhaltung angelegt.“ Und es gibt viele findige Menschen auf dem Gelände, die improvisieren können und so die entstehenden Lücken trotzdem schließen.

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Kopfzerbrechen bereitet Martin Eulenhaupt noch die Anreise. War in anderen Jahren alles immer bis ins Detail geregelt und mit ausreichend Sonderzügen und Shuttlebussen abgesichert, so kommen dieses Jahr das 9-Euro-Ticket und abgezogene Züge als erheblicher Unsicherheitsfaktor hinzu. Die Waggons Richtung Küste sind ohnehin schon voll – auch ohne Fusion. Wie die Deutsche Bahn und der Öffentliche Personennahverkehr das bekannte, deutlich erhöhte Reiseaufkommen zum Festival auffangen wollen, Stirnrunzeln. „Wir haben für die Hintour allein von Berlin 80 Busse, zurück 120. Wir kriegen für die Anreise nicht mehr, weil noch keine Ferien sind, die Kontingente sind erschöpft“, nennt Eulenhaupt die Problematik.

Indes hatte der Kulturkosmosverein die Corona-Auszeit genutzt und in die Infrastruktur auf dem Gelände investiert. Neben Wegebau, Wasser und Abwasser ist ein neuer Dancefloor entstanden, eine Art surrealer Zirkusfloor. Mit Gegensätzlichkeiten, die jede reale Wahrnehmung zur Illusion machen. Zudem wurde die Turmbühne erneuert. Und die Tribüne, die bei der Smart-Fusion im letzten Jahr ihre Feuertaufe erlebte, wird sich dieses Jahr bewähren können.

Verein rät allen, vorher Corona-Test zu machen

Und was ist der Höhepunkt aus Veranstaltersicht? „Unser Highlight ist, dass es nach zwei Jahren überhaupt wieder eine Fusion gibt“, sagt Martin Eulenhaupt trocken. „Ja, wir haben schwer unter den Einschränkungen gelitten.“ Jeden Monat waren Lohnkosten in Größenordnungen zu zahlen. All das aufrechtzuerhalten, sei eine enorme Anstrengung gewesen.

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Einen großen Wunsch hat Martin Eulenhaupt. Dass das Wort mit C ihnen keinen Strich durch die Rechnung macht. Dafür stehen auch Testmöglichkeiten bereit. Vor dem Haupteingang aufs Gelände ist ein Laborbus stationiert. Hier werden Verdachtsfälle getestet, rausgefiltert und notfalls auch unter Einhaltung der Regeln isoliert oder nach Hause geschickt. Diesbezüglich rät der Vereinschef dringend, dass sich alle Ticketinhaber, die anreisen, schon zu Hause einem bis dato noch kostenfreien Bürgertest unterziehen. Crew-Mitglieder und Aufbauteams in sensiblen Bereichen, etwa der Küche, werden vor Ort getestet, Betroffene und deren Umfeld aus dem Verkehr gezogen.

Kontakttelefon für Beschweren und Hinweise

Offizielle Festivalanreise ist am Mittwoch, 29. Juni, morgens ab 6 Uhr. Mittwochabend geht es dann entspannt los. Donnerstagabend öffnen die großen Bühnen. Der ganze Zauber endet Sonntagnacht. Ab Mitternacht wird die Lautstärke heruntergefahren, zum Abschluss soll es ein Konzert geben.

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Übrigens, wieder erhältlich wird das Sonntagsticket sein. Es kostet 60 Euro plus 10 Euro Müllpfand und ist am 3. Juli ab 6 Uhr vor Ort zu haben. Für viele, die bei der großen Ticketbörse leer ausgegangen sind, die einzige Gelegenheit, doch noch etwas von dem Flair zu erhaschen, das wieder zig Tausende Feierwillige in die Müritzregion zieht, auf einen alten Militärflugplatz, der die beste Nutzung erfährt, die es in Krisenzeiten wohl geben kann: ein friedvolles Miteinander, das keinen Raum für Gewalt und Machtspiele lässt, sondern Respekt für den Nächsten zur Philosophie hat.

Apropos Respekt: Wenn jemand ernsthafte Sorgen mit dem Festival hat oder es erheblich zu laut wird, so ist auch in diesem Jahr ein Kontakttelefon für Anwohner geschaltet: Unter Telefonnummer 039833 2740499 ist jemand vom Organisationsteam zu erreichen.

 

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