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Hier riskiert jeder Radfahrer sein Leben

Da bekommt man Angst: Gleich zwei Brummis zur einen, die Leitplanke zur anderen Seite.
Da bekommt man Angst: Gleich zwei Brummis zur einen, die Leitplanke zur anderen Seite.
Simone Pagenkopf

Seit Jahren fordern Bürger einen Radweg, der die B 192 zwischen Sietow und Penkow begleitet. Warum ist dieser Radweg so wichtig? Und warum ist die Strecke wirklich so gefährlich? Ein Selbstversuch liefert Antworten.

Detlev Kunter aus Sietow kennt die Fragen der Radfahrer zur Genüge. Er wohnt ganz am Ende des Radweges, der das Dorf entlang der Bundesstraße 192 zwar mit Waren und entlang der Landesstraße 24 auch mit Röbel verbindet, der aber am Dorfrand in Richtung Malchow abrupt endet. Auf die immer gleichlautenden Fragen der ratlosen Radfahrer, ob man denn die Strecke in Richtung Roez und Penkow weiter fahren könnte, weiß der Sietower Detlev Kunter nur eine Antwort: „Wenn Sie lebensmüde sind, dann ja.“

Bin ich lebensmüde? Eigentlich nicht. Aber ich will herausfinden, wie es sich anfühlt durch eine gefahrvolle „Lücke“ zu rollen. „Lücke“, das hört sich harmlos an, ist es aber nicht. Auf fast sechs Kilometern Länge fehlt ein Stück Radweg. Ab Sietow müssen Fahrradfahrer, die nach Roez, Penkow oder auch ins Land Fleesensee nach Göhren-Lebbin wollen, auf der Bundesstraße fahren. Erst ab Penkow gibt es wieder einen straßenbegleitenden Radweg, der bis nach Malchow oder sogar weiter bis nach Petersdorf an der Autobahn führt. Zwischen Sietow und Penkow aber gähnt ein Loch, das das eigentlich gut ausgebaute Radwegenetz zwischen Röbel, Waren und Malchow zerreißt.

Gefährlichster Streckenabschnitt am Forsthof

Also los, Fahrradhelm festgeschnallt und ab geht die Post. Dort, wo der Radweg in Sietow endet, ist es aber gar nicht so einfach, auf die Straße zu gelangen. Der Verkehr rollt, es ist morgens kurz nach 8 Uhr, es dauert, bis es mir gelingt, mich in den Straßenverkehr einzufädeln. Ein paar Meter gerollt, und schon höre ich hinter mir, wie ein Laster abbremst, sein Brummen kommt immer näher. Ich schaue mich lieber nicht um und trete kräftig in die Pedale. Doch es nützt nichts. Der Brummi und ich, wir bleiben ein Paar – ungewollt. Denn die Autos im Gegenverkehr lassen dem Lasterfahrer keine Chance zum Überholen. Was der wohl denkt? Muss die alles aufhalten und hier mit dem Rad entlang fahren, morgens, wenn der Berufsverkehr rollt? Ja, ich muss, aber ich will den Laster im Nacken endlich los werden. In der Kurve am Sietower Forsthof ist Überholverbot, links liegt der Ruheforst – keine Option für mich. Ich will schließlich heil in Penkow ankommen.

Am Forsthof sind nur 70 statt der ansonsten geltenden 100 Kilometer pro Stunde erlaubt. Bei der Polizei gilt dies als der gefährlichste Streckenabschnitt einer ohnehin für Radfahrer gefährlichen Route: Durch die Kurve ist er nur schlecht einsehbar. Der Laster hinter mir überholt trotzdem. Ich bin dem Fahrer dankbar, dass er sich nicht an die durchgezogene Linie und damit nicht an das Überholverbot hält. Kein Auto im Gegenverkehr, der Laster rauscht an meiner linken Seite vorbei. Den bin ich los.  Die anderen Autofahrer nicht.

Meistbefahrene Straße der Region

Die B 192 ist die meistbefahrene Straße in der Müritzregion. Jeder, der zur Autobahnauffahrt Malchow will oder von dort kommt, muss über diese Strecke. Und so rollen Autos im Sekundentakt an mir vorbei. Manche warten gar nicht ab, bis der Gegenverkehr ein Überholen möglich macht und quetschen sich an mir vorbei. Zwischen Lenker und Außenspiegeln sind oft nur wenige Zentimeter Platz.

Ich kann so ein „Vorbeiquetschen“ sogar irgendwie verstehen. Ich bin ja selbst mehr Auto- als Radfahrerin und auch schon ungezählte Male so an Radlern vorbeigerutscht. An genau dieser Stelle. Doch jetzt, auf zwei statt auf vier Rädern, wächst mein Unbehagen von Meter zu Meter. Ich strenge mich an und will schnell von dieser Straße herunter, endlich diese Strecke hinter mich bringen. Da ist auch schon Roez. Ich könnte doch auf dem Gehweg fahren, nur ein paar Meter schummeln. Geht aber nicht: Eine Frau mit einem Rollator hat auf dem Bürgersteig Vorfahrt, natürlich.

Autos überholen im Sekundentakt

Hinter Roez schwenkt die B 192 eine Senke hinunter, links und rechts der Straße sind Leitplanken. Und hier tritt mir zum ersten Mal echter Schweiß auf die Stirn. Nicht weil ich zur Abwechslung nicht aufs Gaspedal, sondern mal ordentlich in die Pedale treten muss. Nein, Angst und Bange wird mir, weil sich hier Drei auf schmaler Straße begegnen, die nicht zusammenpassen: Zwei Laster im Gegenverkehr und eine Radfahrerin. Ich kann nicht ausweichen, versuche es aber trotzdem und fahre notgedrungen auf dem schmalen Grasstreifen, ganz dicht an der Leitplanke. Eine wackelige, eine überaus enge Angelegenheit. War diese Radtour wirklich eine gute Idee? Wieder werde ich im Sekundentakt überholt. „Wir wollen Sie gesund“, steht auf einem Kleintransporter, der mit Tempo 100 vorbeifährt. Ich will mich auch gesund und bin ehrlich erleichtert, als ich die Ampel in Penkow erreiche. Rechts liegt die Rettung: der Radweg nach Göhren-Lebbin. Ob ich zurück nach Sietow wieder über die B 192 gefahren bin? Natürlich nicht. Ich bin doch nicht lebensmüde!

(Ein kurzes Video, aufgenommen von Jörn Tirgrath mit einer Copterdrone)

Kommentare (2)

Sicherlich kein gelungener Test im morgendlichen Berufsverkehr per Fahrrad die Strecke zu testen. Meine Maxime ist seit Mitte der 1990er Jahre, befahre nie eine Bundesstraße mit dem Fahrrad egal wie wichtig der Weg oder das Anliegen sei. Für die Urlaubsregion Müritz täte allerdings ein Radweg neben der B192 auf diesem Teilstück gut.

Gleich Anzeigen. Der seitliche Abstand sollte je nach Situation (Wetter, Geschwindigkeit) mindestens 1,5m sein, eher 2,0m. Auf dem Bilder ist eine durchgezogene Linie zu sehen, also Überholverbot.