NOTFALL IN WAREN

Hilferuf einer Augenärztin am Limit

Annette Urban und ihr Team fühlen sich am Ende ihrer Kräfte – zu viele Patienten brauchen Hilfe. Die Warener Augenärztin schildert die dramatische Situation und hofft auf ein Wunder.
Annette Urban ist derzeit die einzige Augenärztin in Waren. Das bringt sie und ihr Team ans Limit, denn nach einer Praxis
Annette Urban ist derzeit die einzige Augenärztin in Waren. Das bringt sie und ihr Team ans Limit, denn nach einer Praxisschließung müssen viele Müritzer einen neuen Facharzt finden. Susann Salzmann
Waren ·

Die Verzweiflung ist groß. In der Augenarztpraxis von Annette Urban herrscht zurzeit Ausnahmezustand hoch zehn. Vom Jahresanfang bis gestern hat die einzig in Waren verbleibende Fachärztin sage und schreibe 715 Patienten betreut – einige kamen mit ihren Erkrankungen bereits mehrfach in die Praxis. Urban bringt die Praxisschließung des Augenarztehepaares Haase in diese Bredouille. Sie steht nach eigenen Aussagen kurz vor dem Kollaps. Die Zustände seien unhaltbar. Das Patientenaufkommen sei um ein Vielfaches angewachsen. Viele von Haases Patienten muss Urban ablehnen, weil einfach nichts mehr geht. Die Kapazitäten sind ausgereizt – eigentlich schon seit Jahren.

Enormer Druck

Patienten wegzuschicken, fällt alles andere als leicht. Der psychische Druck sei enorm. „Momentan ist meine Mitarbeiterin zu 70 Prozent ihrer täglichen Arbeitszeit damit beschäftigt, Patienten zu sagen, dass wir sie leider nicht mehr aufnehmen können“, erzählt Urban. Das Frustrationspotenzial bei manchen Abgewiesenen sei hoch. So hoch, dass ihre vier Mitarbeiter beinahe täglich harschen Anfeindungen ausgesetzt sind. Die Ärztin kann die Hilfesuchenden teils verstehen. Doch auch sie selbst befindet sich mit ihrem Team in einer Notlage. Die Praxis braucht dringend einen Hoffnungsschimmer und Hilfe – von der Politik und von Augenarzt-Kollegen, die sich in Waren niederlassen wollen. Annette Urban wünscht sich eine Perspektive.

Nur theoretisch

Jemandem Vorwürfe zu machen, ist nicht ihr Stil. Um zu verdeutlichen, wie prekär die Situation momentan ist, gibt sie einen erschütternden Einblick ins Praxisgeschehen. Und damit zeigt sie auch, was passiert, wenn bei Verantwortlichen in Politik und Gesundheitswesen veraltete Facharztbedarfe gelten, die zu einer wirklich nur theoretischen Überversorgung führen. Auf dem Papier verfügt der Seenplatte-Landkreis mit 23 Augenärzten über einen Versorgungsgrad von 123,7 Prozent. Was sich zunächst positiv anhört, bringt jedoch Mediziner, die in ländlichen Regionen als Einzelkämpfer tätig sind wie Annette Urban, zum Teil an den Rand eines Burn-outs.

Keine Pausen, Schriftliches am Abend oder am Wochenende

Durch die momentane Ausnahmesituation werden Pausen verschoben oder gar nicht gemacht, sagt Urban. Trotzdem haben sich die Wartezeiten in ihrer Praxis verdoppelt – von zwei auf vier Stunden. Und sie arbeitet weit über dem Soll. Zum Vergleich: Normal seien 25 Wochenstunden, die sie in die Patientenbetreuung stecke. Urban und auch ihre Hauptschwester liegen momentan bei jeweils bis zu 49 Stunden in der Woche. Um so vielen Patienten bestmöglich gerecht zu werden und Wartezeiten so gering wie möglich zu halten, schreibt die Augenärztin die ausführlichen Patientenvermerke erst spätabends in die Akten. Dann fertige sie auch Berichte etwa von Arbeitsunfällen für die Berufsgenossenschaft. Die Abrechnungen ihrer Leistungen erledigt sie situationsbedingt am Wochenende in ihrer Freizeit. Privatleben? Fehlanzeige.

Keine Kapazität für Notfälle?

Die Situation wird sich noch zuspitzen, sollte zeitnah keine Lösung gefunden werden. „Es zeichnet sich ab, dass ich auch nicht mehr alle Notfälle behandeln kann“, sagt die Medizinerin. Kollegen hätten bei diesen Akutfällen Hilfe zugesichert. Eine Tatsache, die ihr ein wenig Hoffnung gibt. Doch auch wenn Urban einen Notfall betreut, dauerhaft in ihre Kartei aufnehmen, kann sie den Patienten nicht.

Seit Jahren überbelastet

Annette Urban fühlt sich mutlos. „Ich hätte es mir nicht so katastrophal vorstellen können, wie es jetzt ist“, sagt die 57-Jährige mit Blick auf die Praxisschließung der Kollegen. Vor 20 Jahren übernahm sie die Praxis ihres Vaters. Die Facharztproblematik gab‘s damals schon. Doch politisch habe sich seither wenig getan, um dem entgegen zu wirken. Im Gegenteil: „Wir sind seit Jahren überlastet“, so die Warenerin. Und nun kommt der Haase-Ansturm oben drauf. Eine Belastung, die sie auf Dauer nicht leisten kann, sonst könnte Urban in sechs Monaten selbst ein Fall für den Arzt sein, springt ihr die pensionierte Berufskollegin Ingrid Haase zur Seite. Sie und ihr Mann haben vier Jahre lang einen Nachfolger gesucht – ein Interessent sprang auf den letzten Drücker ab.

Doch zwei Augenärzte oder mindestens ein zusätzlicher Augenarzt müssen ins Heilbad, lautet der dringende Appell von Annette Urban.

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Kommentare (15)

... Aber warum tummeln sich nicht die Verschwörer unter diesem Artikel?

Das Gesundheitssystem krankt, die Berechnung des Bedarfes ein Witz, eine Augenärztin für ganz Waren + Umland? In NB sieht es ähnlich aus u. a. Bei Hautärzten. Hier müssen andere Schlüssel her, auch in KH. Weg vom Privatisieren der KH, unter Kostendruck arbeiten zu müssen. Hier muss einfach mehr Geld ausgegeben werden.

http://chng.it/YLt6m5J756

ist nicht privatisiert und macht Verluste, obwohl es die Krankenschwestern jahrelang nicht nach TvÖD bezahlt hat. Irgendwie ähnelt nicht nur der Name, sondern auch die Qualität Ihrer Vorschläge unseren Landesmuttis. Der Apparat wird es schon richten.

... Kommunale KH gibt's auch, kranken, aber an den gleichen Symptomen. Also weg von den DRGs und bezahlen was wirklich anfällt. Inklusive Kontrollorgan, um schwarze Schafe aufzudecken, die mehr abrechnen als getan wird.

Dieses Wunder wird nicht kommen solange Ausgebildete direkt nach ihrem Studium das Land verlassen um mehr Geld zu verdienen. Der dumme ist der Steuerzahler der diesen Studierenden erst ihr Studium ermöglicht hat und danach "schwarz" sieht.

Jeder der außerhalb der großen Städten wohnt, kennt dieses Problem.
Seit Jahrzehnten ist bekannt, daß es zu wenig Studienplätze im Bereich Medizin gibt. Dazu ein fragwürdige Praxis der Vergabe dieser.
Dann noch die bekloppte Fallpauschale und fertig ist die Unterversorgung.
Aber immer weiter privatisieren bitte... Der Markt wird es schon richten...

eher unbekannt. Offensichtlich können Sie auch nicht zaubern, sonst hätten Sie sich Hirn gezaubert.
Fallpauschalen gibt es im Krankenhaus. Facharztsitze und die Einnahmen der Kassenärzte werden über die Kassenärztliche Vereinigung selbstverwaltet.

Ich würde Sie für den Darwin-Award vorschlagen.

Du bist ein außerordentlich dämlicher Hund.
Kannst du inhaltlich etwas beitragen?
Du Prototyp eines schlecht gebimsten Afder.
Ist doch scheiß egal, wie die Pauschale genannt wird.
Ich schlage Dich für gar nichts vor.

wenn Sie hier in schöner Regelmäßigkeit ohne Sinn und Verstand Menschen mit anderen Meinungen in die Ecke der "AfD" stellen beweisen Sie, dass Sie umgekehrt eine "linke Zecke" und ein (genauso) ein "dämlicher Hund" sind. Hinzu kommt erschwerend, dass Ihre Inhalte sehr oft Ihre grenzenlose Ahnungslosigkeit belegen. Eine besonders für Linke typische, aber gefährliche Kombination in diesem Land. Ihnen kann ich nur gute Besserung wünschen! Unser - bei allen Problemen - gutes bis sehr gutes Gesundheitssystem in Deutschland wird Menschen wie Ihnen dabei nie helfen können. Wenn Sie es trotzdem versuchen möchten: Wählen Sie die 116117 und sagen das Codewort "PT" ! Viel Glück!

naturgemäß widerspreche ich Ihnen.
Vielen Dank erst einmal für das Kompliment und die lieben Besserungswünsche.
Ich bin gerne eine linke Zecke.
Ich stelle niemanden in die Afd Ecke, ich stelle bloß fest.
Wer jetzt mehr Ahnung hat, lässt sich sowieso nicht klären. Ich behaupte ich, Sie behaupten Sie.
Dies ist auch kein akademisches Forum, sondern die Kommentarfunktion einer kleinen Provinzzeitung. Und somit ist auch nicht schlimm, daß ich mich auch an keinen sinnstiftenden Beitrag ihrerseits erinnere.
Nun lässt mich ihr obiger Kommentar schlussfolgern, daß auch Sie prinzipiell im braun-blauen Nebel rumwabern.
Schade für Sie.
Ich wünsche Ihnen nichts Schlechtes und nichts Gutes, sind Sie mir doch recht egal.
Mir bleibt nun noch, Ihnen eine Entschuldigung anzubieten, daß ich Sie in Ihrer Mittelmäßigkeit gestört habe.

Wer einen Studienplatz bekommt, sollte eine Verpflichtung unterschreiben, dass er (oder sie) nach erfolgreichem Abschluss des Studiums, für 5 Jahre dorthin geschickt wird wo er gebraucht wird. Ich denke , wer sich in 5 Jahren ein zu Hause aufgebaut hat, geht nicht mehr weg.

Völliger Quatsch der Vorschlag.

Ausserdem: Wer nicht weiß, wo er nach dem Studium "hingeschickt" wird, der unterschreibt doch gar nichts.

Ich würde mich für einen Bafög Erlass aussprechen.
Je nachdem wie lange eine junge Ärztin oder Arzt in die "Provinz" geht, desto mehr oder sogar vollständig sollte das Bafög erlassen werden.
Zusätzlich sollte das Abrechnungssystem verändert werden. Zwar gibt es mittlerweile finanzielle Anreize, aber die greifen noch nicht so wirklich.

wenn ich einen Schlosser, der hier seine Ausbildung gemacht hat, zwangsweise für 5 Jahre in den bayerischen Wald schicke, weil dort Schlosser fehlen?! Das Problem ist nicht auf MV beschränkt, überall in den ländlichen Gebieten fehlen Haus- und Fachärzte.

schaffen damit ausgebildete ärzte in die sogenannte provinz gehen
haus steuererleichterung kinder betreuung und dergleichen....
wenn ich in england oder norwegen mehr geld verdiene sozial dort besser gestellt bin dann gehe ich hier in deutschland nicht aufs land

MV gehört zu den Struktur schwächsten Regionen D, es sollten Lastenausgleiche gezahlt werden wie die Zonenzuschläge für manche Berufsgruppen im Grenzgebiet als D noch geteilt war um die Infrastruktur für medizinische Versorgungen aufrecht zu erhalten. Somit eine Niederlassung von Fachärzten und med. Personal in MV attraktiver zu machen - dann sollte es klappen.
Von Illusionen der Politik - MV Urlauberland (ja im Sommer) Wiesen Feldern Rehen Hasen Gänsen und ein paar Kranichen in der Landschaft mit dem derzeitigem düsterem Wetter kann kein Mensch überleben.