Schulschließung

Homeschooling belastet viele Familien an der Müritz

Kaum Freude über die bevorstehende Schulschließung und das damit verbundene Homeschooling. Stattdessen Unsicherheit und Frustration in vielen Familien.
Kann auch Spaß machen: Lina aus Plasten geht gern zur Schule – und mag auch den Unterricht zu Hause.
Kann auch Spaß machen: Lina aus Plasten geht gern zur Schule – und mag auch den Unterricht zu Hause. privat
Nicht immer sitzen die fünf Kinder der Familie Eichmann ruhig an einem Tisch über ihren Aufgaben.
Nicht immer sitzen die fünf Kinder der Familie Eichmann ruhig an einem Tisch über ihren Aufgaben. privat
Müritzregion

Unzählige Anträge auf Betreuung und Gesundheitsbescheinigungen haben Eltern inzwischen ausgefüllt. Kinder werden ausgeschlossen, weil ihre Eltern nicht systemrelevant sind. Eltern wollen ihre Kinder vor einer Ansteckung mit Corona schützen und haben Sorge, ob und wie sie ihre Kinder betreuen können. Wie gehen die Kinder mit der Situation um? Wird genügend Schulstoff vermittelt? Können Freundschaften erhalten oder in den ersten Klassen aufgebaut werden?

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Für viele ist Homeoffice gepaart mit Homeschooling eine große Belastung für Familien. „Wie soll ich das alles meinem Kind erklären, wenn wir Erwachsenen es nicht verstehen“, fragt Manuela Schmidt aus Malchow. Sie hat ein Kind in der 1. Klasse, das noch immer keinen Schulalltag kennt – keinen Schulsport, keine Wandertage und keine richtige Einschulung hatte.

Nach zwei Wochen Schule förmlich aufgeblüht

„Um die Infektionszahlen zu drücken, ist Schulschließung erforderlich, aber aus Sicht der Kinder und Familien eine totale Katastrophe. In den letzten Wochen hat man gemerkt, wie sehr den Kindern die Schule und die Kontakte gefehlt haben. In den paar Wochen Schule sind sie förmlich aufgeblüht. Ich habe zwei Kinder in zwei unterschiedlichen Schulen und die Unterschiede sind enorm. Während die eine Schule stark bemüht ist, den Onlineunterricht mit Videokonferenzen hinzubekommen, ist es an der anderen Schule ein Totalausfall“, ist Anna Gerds aus Waren sauer.

Die Übergabe der Aufgaben funktioniere kaum und die Motivation der Lehrer sei stellenweise schlecht. „Da zählt für mich auch nicht die Ausrede, dass viele über 60 sind und sie es nicht mit der Technik haben. Am Ende geht das auf Kosten der Kinder!“ Die Warenerin spricht sich deswegen ganz klar für eine Testpflicht an Schulen aus. Wer ablehnt, müsse in den Onlineunterricht. „Ich denke, die seelischen Schäden aufgrund fehlender Kontakte sind schlimmer, als sich ein Wattestäbchen in die Nase zu stecken. Anstatt sich aufzuregen, sollten Eltern lieber die Zeit in Aufklärung investieren, was passiert, wenn ein Schnelltest positiv ist; dass davon die Welt nicht untergeht. Sicherlich gibt es schönere Sachen im Leben, aber Testen und Masken werden noch eine Weile begleiten. Wenn wir immer alles ablehnen, werden wir die schönen Dinge, die wir alle so sehr vermissen weiter nicht haben“, ist Anna Gerds überzeugt.

„Zum Glück in Elternzeit, sonst wäre es schwieriger“

Anja Strasen aus Plasten nimmt mittlerweile alles, wie es kommt: „Zum Glück bin ich in der Elternzeit. Sonst wäre es deutlich schwieriger, Homeoffice und Kinderbetreuung zusammenzukriegen. Mir tun alle leid, die alleinerziehend sind oder Arbeit und Kinderbetreuung gleichzeitig schaffen müssen.“ Ein Vorteil sei, dass der vierjährige Ino durch den Heimunterricht der Schwester Lina (6) auch schon ein wenig Rechnen und Schreiben kann. „Bei uns können sich die Kinder für jede Schulaufgabe Stempel verdienen, die sie beim Einkauf für eine Kleinigkeit einlösen. Ohne die Stempel ging es anfangs schlecht. So sind sie motiviert“, erzählte die Dreifachmutter.

Nadine Eichmann findet, dass die Schulen dazu gelernt haben. „Das Online-Portal funktioniert jetzt besser. Was sich nicht geändert hat, ist Schule, Haushalt und Arbeit unter einen Hut bringen zu müssen. Unsere Fünftklässlerin schafft es nicht, Aufgaben, die für eine Woche gestellt werden, so zu strukturieren, dass sie Freizeit hat oder überhaupt fertig wird. Das liegt nicht daran, dass es zu viele Aufgaben sind. Wir Eltern haben gar nicht die Möglichkeit, sechs Stunden am Tag Unterricht mit den Kindern zu machen.“

Ihr Tag beginnt um 5 Uhr mit dem Haushalt und Endet um 23 Uhr mit selbigem. Doppelschicht jeden Tag, gefüllt mit Essen kochen und Schulstunden mit zwei weiteren Kindern in der 1. und 8. Klasse. Das große Kind arbeitet allein, nicht so der jüngste Spross (2) und ein Vorschulkind. „Da kann auch mal was anbrennen“, sagt die Lütgendorferin mit Blick auf die Küche. Arbeiten darf sie wegen Corona nicht, ihr Mann schon – im Dreischichtsystem. Am schlimmsten ist es, wenn er Nachtschicht hat, wie in der nächsten Woche. Wie er schlafen soll, wenn das Haus voll ist, muss sich zeigen.

„Versuchen in wenig Zeit das Wichtige zu vermitteln“

Ramona Gill aus Waren ist selbst Mutter und Lehrerin einer 4. Klasse im Landkreis Rostock. „Durch Homeschooling ist ganz viel Stoff auf der Strecke geblieben, den man nicht mehr aufholen kann. Wir Lehrkräfte sind damit beschäftigt, in der wenigen Zeit, das Wichtigste zu vermitteln.“ Das geschieht im Präsensunterricht. Für die Zeit zu Hause bekommen die Kinder Aufgaben zur Festigung. Die Arbeit würde Schülern und Lehrern gleichermaßen schwerfallen, weil die Ziele fehlen und die Ungewissheit mürbe mache und es nicht vorwärts gehe.

Ohne den Frühdienst in der Kita wäre sie aufgeschmissen. Ihr Mann kann die Betreuung der Tochter am frühen Morgen nicht übernehmen, denn kaum ein Arbeitgeber kann sich weitere Lockdowns leisten. Zum Glück sei ihr Arbeitgeber da flexibel. So schafft sie es, ihr Kind in die Kita zu bringen. „Die Eltern sind verzweifelt und haben die Nase voll und auch für uns ist es nervig. Wir wollen so nicht mehr arbeiten. Es macht keinen Spaß“, denn der Lerneffekt sei gering, sagte Ramona Gill aus Erfahrung und weiß, dass jeder sein Bestes gibt.

Alle Befragten vermissen ihre Freundinnen und Freunde im Verein und in der Schule und klagen über einen eintönigen Alltag, geprägt von Lustlosigkeit und Erschöpfung. Die Mehrfachbelastung geht allen Beteiligten an die physische und psychische Substanz und in vielen Familien ist die Situation angespannt wie nie zuvor.

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