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Kinokirche gelingt ein Coup: „Rosemarie“auf der Leinwand

Eine Autogrammkarte der Schaupielerin Nadja Tiller, die einst das „Mädchen Rosemarie“ verkörperte. [KT_CREDIT] Repro: H. Wagner

VonHelga WagnerTrotz massiver Behinderun- gen von bundesdeutscher Politik und Wirtschaft er- oberte dieser satirische Film mit Nadja Tiller sein Publi- kum. ...

VonHelga Wagner

Trotz massiver Behinderun- gen von bundesdeutscher Politik und Wirtschaft er- oberte dieser satirische Film mit Nadja Tiller sein Publi- kum. In Nossentin ist der Streifen jetzt zu sehen.

Nossentin.Noch Minuten nach dem Ende des Films „Bis dass der Tod euch scheidet“ herrschte in der Kinokirche Nossentin betroffenes Schweigen. Mehr als 60 Besucher sahen sich diesen DEFA-Film aus dem Jahr 1978 an und erlebten das bizarre Scheitern einer Ehe, die so glücklich begonnen hatte. Danach debattierten viele Zuschauer noch lange über Gründe solchen Versagens trotz materiellen Wohlstandes. Aktualität dieser Problematik wurde sichtbar, auch und gerade in heutiger Zeit, obwohl die Geschichte, von Heiner Carow nach einem authentischen Fall gedreht, in der DDR spielte.
Mit einer besonderen Unmoral beschäftigt sich indes der nächste Film, der am Donnerstag, dem 30. Mai, 20 Uhr, in der Nossentiner Kinokirche zu sehen ist. „Das Mädchen Rosemarie“ in der gelungenen Verfilmung mit Nadja Tiller, Mario Adorf, Peter van Eyck und Gert Fröbe erzählt satirisch vom Leben der Frankfurter Edelnutte Rosemarie Nitribitt, deren gewaltsamer Tod bis heute nicht aufgeklärt wurde. Dieser sozialkritische Streifen hatte schon vor seiner Premiere im August 1958 Debatten ausgelöst, die in Verboten gipfelten und sogar das Auswärtige Amt der Bundesrepublik zu Schritten gegen den Film veranlasste.
Bereits die Dreharbeiten stießen auf Schwierigkeiten. Der Steigenberger-Konzern gab keine Genehmigung, Szenen im Foyer des „Frankfurter Hofes“ zu drehen, geschweige denn den Namen überhaupt zu nennen. Das Foyer wurde so im Berliner Studio nachgebaut, der Name auf „Palast-Hotel“ geändert. Auch Mercedes zeigte kein Entgegenkommen und verbot, einen Autosalon zu filmen. Die Szenen wurden so aus einem fahrenden Auto heraus gedreht. Schließlich versuchte der Filmreferent des Auswärtigen Amtes die Aufführung des Films auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig gänzlich zu verhindern, da dieser Film „negative Erscheinungen verallgemeinere“ und den politischen Werdegang der Bundesrepublik mit wirtschaftlichem Aufstieg und moralischem Niedergang verbinde. Der Streifen könne dem deutschen Ansehen im Ausland schaden, hieß es. Das blieb allerdings ohne Erfolg wie auch die Drohung, Zuschüsse zu kürzen oder eine Exportkontrolle für deutsche Filme einzuführen. Von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) wurde dann noch ein Vorspann verlangt, der zum Ausdruck bringe, dass es sich bei den „geschilderten Missständen“ und den kritisierten Leistungsträgern um „Ausnahmen“ handle. Einer Zensur vorbeugend, hatten Regisseur Rolf Thiele und Produzent Luggi Waldleitner bereits die Schere im Kopf und machten das Bild von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU), das in mehreren Szenen neben dem Bett der Nitribitt hängt, durch einen Unschärfefleck unkenntlich.
Der Kinokirche Nossentin ist es gelungen, die Aufführungsrechte für diesen außergewöhnlichen Film vom Deutschen Filminstitut Frankfurt am Main zu bekommen. Da diese Rechte mit höheren Kosten verbunden waren, wird bei freiem Eintritt um Spenden gebeten.