JUNGE SCHIEDSRICHTERIN

Kommt die nächste Bibiana Steinhaus aus Penzlin?

Die Fußballbundesliga hat Amanda Lukesch (20) zwar noch nicht im Visier. Die Penzlinerin hat sich als Schiedsrichterin auf Spielfeldern in MV aber bereits einigen Respekt erarbeitet.
Ob als Unparteiische oder Schiri-Assistentin – Amanda Lukesch (20) ist seit gut einem Jahr im Landesfußball in MV
Ob als Unparteiische oder Schiri-Assistentin – Amanda Lukesch (20) ist seit gut einem Jahr im Landesfußball in MV unterwegs. Roland Gutsch
Amanda Lukesch (links) wird von Schiri-Coach Diana Räder-Krause betreut, die ihr durchaus noch höhere Ligen zutraut.
Amanda Lukesch (links) wird von Schiri-Coach Diana Räder-Krause betreut, die ihr durchaus noch höhere Ligen zutraut. Roland Gutsch
Penzlin.

Sie ist eine Seltenheit – aber ungern. Amanda Lukesch fänd‘s schön, „wenn es viel mehr Fußball-Schiedsrichterinnen bei uns im Land geben würde“. Die junge Penzlinerin ist seit Jahr und Tag mit Pfeife und Fahne auf den hiesigen Spielfeldern zugange – und weiß: „Das macht nicht nur Spaß, sondern hilft auch bei der Persönlichkeitsentwicklung.“ Sie selbst jedenfalls habe enorm in puncto Selbstbewusstsein gewonnen. Zumal es gilt, sich „in einer Männer-Domäne zu behaupten“. Man benötige „ein dickes Fell“, um etwa den Unsinn abzublocken, der da bisweilen vom Publikum abgelassen werde. Am häufigsten: Der unwitzige Spruch, dass es sich hier doch nicht um Frauen-Fußball handele. Hunderte Mal gehört und – so gut es ging – ignoriert.

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Im Kader des Landesfußballverbandes Mecklenburg-Vorpommern taucht unter den gut 150 Schiri-Namen lediglich ein halbes Dutzend von Frauen auf. Das sei „aktuell ein schwieriges Thema“, so Mike Rauch, der sich beim Verband speziell um den Bereich Schiedsrichterinnen kümmert. Er redet das Problem nicht klein: „Ganz klar, wir haben gerade eine Flaute. Die Ursachen sind vielfältig: Beruf, Familienplanung, aber auch Lustlosigkeit.“ Man habe sich vorgenommen, vor allem in den hiesigen Frauenfußball-Teams Werbung zu machen. Denn: „Die Chancen, als Schiedsrichterin Karriere zu machen, sind wirklich gut“, sagt Torsten Koop, Vorsitzender des Schiedsrichterausschusses. „Unabdingbar dafür ist, sich im Männer-Fußball durchzusetzen.“ Wie schwer das ist, zeigt auch, dass die Niedersächsin Bibiana Steinhaus die erste und bisher einzige Frau ist, die Spiele im deutschen Profifußball der Männer leitete.

„Akzeptanz muss man sich als Schiri schwer erarbeiten”

Seit gut einem Jahr darf Amanda Lukesch (20) auch auf MV-Ebene ran – ein Stockwerk höher also. In der Herren-Landesklasse will sie sich nun etablieren. Ihre Erfahrung: „Da ist es wieder etwas anderes, Partien zu leiten. Es wird schon mehr Fußball gespielt als Fußball gekämpft, wie häufig im Kreis der Fall.“ Doch in welcher Liga auch immer: Es geht emotional zu. „Akzeptanz muss man sich als Schiri schwer erarbeiten“, sagt Amanda Lukesch. „Vor allem als Frau.“ Und mit ihren „nur 1,58“ könne sie per körperlicher Präsenz billig keinen Eindruck schinden. Die pure Leistung zählt. Auch übrigens als Assistentin bei Kicks in der Junioren-Regionalliga.

Es gibt tolle Momente: Richtige Entscheidungen in ganz kniffligen Spielsituationen. „Manchmal kriegt man hinterher ein Lob von den Mannschaften. Einmal, das werde ich nie vergessen, kam ein Trainer nach dem Spiel an und nahm sein Basecap ab – mit den Worten: ,Ich ziehe meinen Hut vor dir‘“, erinnert sich die 20-Jährige. „Oft passiert so was allerdings nicht.“

Cousins sind bekannte Verbandsliga-Kicker beim Penzliner SV

In der Saison 2014/2015 ging es für Amanda Lukesch mit der Schiedsrichterei los. In der Schiri-Prüfung zuvor hatte sie, damals noch Schülerin am Neubrandenburger Einstein-Gymnasium, geglänzt. Lehrgangsbeste. Sie ist mit dem Fußballsport aufgewachsen. Ein familiäres Dauerthema. So sind ihre Cousins Christoph und Alexander Lukesch bekannte Verbandsliga-Kicker beim Penzliner SV. Von klein auf war Amanda Lukesch da, wo der Ball rollt.

Mittlerweile ist sie selbst Mentorin für einen Nachwuchs-Referee: „Weil ich die Anfangshärten kenne. Unglaublich, was bei Jugend-Spielen an Kommentaren von einigen Eltern in Richtung Schiri geht. Unter der Gürtellinie. Dass da bei einem, der versucht, seine Sache gut zu machen, Gedanken ans Aufhören aufkommen, ist nachvollziehbar. So schnell sollte man aber nicht aufgeben.“

Verkorkste erste Saison in der Landesklasse

Was für Amanda Lukesch, die nicht nur wegen der Corona-Malaise ein „Seuchen-Jahr“ erlebt, auch nicht in die Tüte kommt. Nach dem Abbruch der vorigen Saison – ihrer ersten in der Landesklasse – begann die neue Spielzeit mit Verletzungen. „Ende August im Spiel Nordbräu Neubrandenburg-FSV Mirow/Rechlin bekam ich eine Sehnenentzündung im Schienbein. Ich tauschte in der Halbzeit meine Rolle mit Sascha Gloße, der bis dahin an der Linie war. Ich musste dann einen Monat pausieren.“ Anfang Oktober: Fußschmerzen. Und am letzten Wochenende vor dem „Lockdown light“ fielen alle Partien aus, für die Amanda Lukesch angesetzt war. Darunter das Verbandsliga-Derby des 1. FC Neubrandenburg 04 gegen den Malchower SV. Die Unparteiische fasst zusammen: „Ein bescheuerter Saisonverlauf.“

Bei allem sportlichen Engagement, die berufliche Ausbildung – ein duales Studium Öffentliche Verwaltung – hat für sie Priorität. „Dafür geht auch manch Wochenende drauf.“

Coach traut ihr schnellen Aufstieg zu

Die erfahrene Landesliga-Schiedsrichterin Diana Räder-Krause (SSV Spantekow) ist Amanda Lukeschs Coach und kennt diesen Stress aus eigenem Erleben: „Ausbildung und Sport. Es ist nicht immer leicht, beides unter einen Hut zu bekommen, doch man kann es packen. Amanda hat Talent, gehört zum Schiedsrichter-Förderkader. Wenn sie es versteht, noch mehr aus sich zu machen, könnte sie höher kommen. Denn das geht als Frau relativ schnell.“

Umso bedauerlicher, dass sich derzeit in unseren Breiten nur wenige Frauen fürs Schiedsrichtern entscheiden. Im Kreisverband Mecklenburgische Seenplatte war es vor fünf Jahren noch ein gutes Dutzend weiblicher Referees – nun gibt es zwei und im Fußballverband Vorpommern-Greifswald nur eine.

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