Schloss Torgelow

Misch besucht eine Internatsschülerin

Das Internat Schloss Torgelow ist eine abgeschiedene und ziemlich exklusive Welt für sich. Es gibt kleine Klassen, klare Regeln und keine Smartphones. Hier berichtet eine Schülerin aus der zehnten Klasse aus ihrem Alltag.
Ann-Christin besucht die zehnte Klasse am Internat Schloss Torgelow.
Ann-Christin besucht die zehnte Klasse am Internat Schloss Torgelow. Simon Voigt/NK-Grafik
Torgelow am See

„Auf Schloss Torgelow darf man stolz auf seine Leistungen sein.” Mit Sprüchen wie diesem wirbt das Internat auf seiner Internetseite um neue Schüler. An der Privatschule im abgelegenen Dorf Torgelow am See herrscht ein Leistungsprinzip. Studienleiterin Kirsten Lehmann formuliert es so: „Wir wollen hier das bestmögliche Abitur ermöglichen.“ In einer Absolventen-Galerie auf der Internetseite gibt es nicht nur Namen und Foto eines jeden Jahrgangs, dort steht auch die Durchschnittsnote, die erreicht worden ist. 2020 lag der Abischnitt bei 1,8, was bislang nur von einer 1,7 getoppt wurde (2018, 2017). Der allererste Abschlussjahrgang des am 1994 gegründeten Internatsgymnasium in der Seenplatte erreichte „nur” eine 2,4.

Die Schüler*innen legen das gleiche Abitur ab, wie an allen anderen Gymnasien in Mecklenburg-Vorpommern. Doch darüber hinaus ist dort alles anders. In den Klassen werden maximal 12 Schüler*innen unterrichtet. Für diese Bedingungen zahlen die Eltern viel Geld: Im Schnitt sind es 3000 Euro im Monat. Es gibt eine große Auswahl an Projekten, die neben dem Unterricht angeboten werden. Da zu gehört Golf, Wasserski, Backen oder Ballett, Fitness, KFZ-Mechanik, einen Buchclub, einen Chor, Kochen, Komponieren, Fotografie oder Gedächtnistraining. Die Auswahl ist groß (hier ist eine Übersicht) und mindestens zwei Projekte sind sogar Pflicht. Wer nicht kommt, muss die verpassten Stunden nachholen und eine Runde um den See joggen. Das sind Regeln, die das Leben am Internat ausmachen.

Die allermeisten der aktuell 266 Schüler wohnen auf dem Gelände. Das Schloss ist für die Oberstufe vorgesehen, zum Campus gehören aber noch weitere Gebäude, eine Mensa, ein Park und Sportanlagen.

Paradiesische Zustände?

Die Schüler kommen aus ganz Deutschland aber auch aus Russland oder China. Der Ausländeranteil liegt bei sieben Prozent. Es gibt auch Tagesschüler, die aus der Region kommen und nicht auf dem Internat wohnen. Alle anderen fahren höchstens an den Wochenenden und in den Ferien nach Hause. Und das Dorf Torgelow am See zu verlassen, ist gar nicht mal so einfach: Die meisten Schülern werden mit Schulbussen nach Berlin und Hamburg gebracht und fahren dann mit der Bahn weiter. Für einige bedeutet das Reisezeiten von bis zu sechs Stunden.

Die Schule ist somit eine kleine, abgeschiedene Welt für sich. Viele Schüler betonen, dass der Zusammenhalt untereinander daher sehr groß ist. Im Prinzip verbringen sie ja auch ihre ganze Zeit miteinander. Schlafen im Wohnheim, Lernen in den Klassenzimmern, Essen in der Mensa, Abends noch zusammen sitzen im Gemeinschaftsraum, Partys im schlosseigenen Gewölbekeller. Es entstehen Verbindungen, die das ganze Leben lang halten. Und das ist auch gewollt: Die Absolventen von Schloss Torgelow sollen die jungen Schülern von heute unterstützen und ihnen Tipps geben, welche Karriere vielleicht die richtige für sie ist.

Video des Abi-Jahrgangs 2020:

Die Ehemaligen treffen sich bei Stammtischen in Berlin, Dresden, Hamburg, Heidelberg, Budapest, Dubai oder London. Je nach dem, wohin es sie verschlagen hat. Alle fünf Jahre finden zudem ein großes Geburtstagsfest auf dem Schloss statt, bei dem alle zusammen kommen können. „Eine gute Gelegenheit, um zurückzukehren und von den Erfolgen in Studium und Beruf zu berichten”, schreibt das Internat.

Fernab von ihrer Familie, Freunden und der gewohnten Umgebung sollen die Schüler sich an Schloss Torgelow also ganz auf ihre Schulausbildung konzentrieren können. Paradiesische Zustände, oder nicht? Wir haben dafür mit Ann-Christin gesprochen. Sie ist 15 Jahre alt und besucht die zehnte Klasse. Sie kommt aus Schleswig-Holstein und ist schon seit fünf Jahren am Internat.

Wie lange bist du schon auf dem Internat?

Ich bin seit der fünften Klasse hier. Das ist jetzt mein sechstes Jahr. Am Anfang sind nicht so viele Schüler in einem Jahrgang. In der fünften Klasse sind wir meist nur eine Klasse. In der siebten kommen ganz ganz viele neue dazu.

Was ist der größte Unterschied zwischen einem Internat und einer normalen Schule?

Die kleinen Klassen sind der größte Unterschied. Die Verbindung zu den Klassenkameraden ist eine ganz andere, wir verbringen viel Zeit miteinander. Wir haben auch Hausaufgabenzeit. Die Lehrer sind auch meistens viel länger hier, auch am Nachmittag. Wir haben einen viel besseren Zugang.

Wie oft bist du wieder zu Hause?

Als ich jünger war, bin ich eigentlich jedes Wochenende nach Hause gefahren. Jetzt bleibe ich manchmal hier. Ich habe die Wahl, ich kann jedes Wochenende nach Hause fahren. Wir haben aber sechs Wochenenden im Jahr, an denen wir hierbleiben. Und zwar alle Schüler. Das sind die Internatswochenenden, da werden dann Aktivitäten angeboten für alle Schüler. Vor allem am Anfang des Schuljahres ist das gut, um sich einzugewöhnen.

Ich finde, mit der Zeit kann man auch mal hierbleiben, weil auch mehrere Freunde hier sind. So ergibt sich das dann.

Was macht ihr dann hier in der Gegend?

Wir fahren nach Waren oder Neubrandenburg oder zum Wasserski. Dafür haben wir hier Minibusse, die uns dort hinbringen.

Und könnt ihr auch abends weggehen?

Für mich war das noch kein Thema, ich bin noch nicht 16. Für die Großen gibt es bei uns eine Discofahrt, außerdem haben wir eine eigene Disco im Gewölbekeller. Zurzeit finden dort wegen Corona Loungeabende statt.

Wie oft hast du mit anderen Leuten aus der Gegend zu tun?

Gar nicht. Es gibt nicht so einen intensiven Kontakt und Austausch von Schülern, die nicht hier zur Schule gehen. Man verankert sich schon über die Externen, das ist ja auch die Idee. Die Tagesschüler haben zum Teil auch wieder Freunde aus der Gegend und die trifft man dann auch. Und die kann man auch einladen. Aber man hat jetzt nicht viele freundschaftliche Kontakte in den Ort.

Den Eindruck hatten wir auch: Das niemand in der Region Internatsschüler kennt. Das das hier eine Welt für sich ist.

Ja. Ich habe ja hier alles was ich brauche für die Woche. Es ist auch mal schön, über das Wochenende in eine größere Stadt zu fahren. Sonst würde ich auch nicht so oft in die Stadt gehen.

Wie viel Freizeit hast du am Tag?

Wir können hier Projekte wählen und je nach dem, wie man sich das einteilt, hat man mehr oder weniger Freizeit. Zwei Projekte sind aber Pflicht. Es ist auf jeden Fall ausreichend, was ich habe. Manche Tage sind länger, manche sind kürzer.

Was gibt es hier für Projekte?

Wir haben wirklich von Sport über Kreativ ziemlich viel Auswahl. Wir können auch ins Fitnessstudio und dort Kurse belegen. Schwimmen gehen, Golf spielen, Backen.

Was hast du für Projekte?

Ich habe Gedächtnistraining, Golfen und einen Tanzkurs. Zum Golfen fahren wir in das Sportressort Fleesensee.

Erzähl mal, was du beim Gedächtnistraining so machst.

Es gibt verschiedenen Disziplinen, die alle etwas damit zu tun haben, sich Dinge einzuprägen. Zum Beispiel Zahlen oder Wörter über eine bestimmte Zeit, um die dann in korrekter Reihenfolge wiederzugeben. Ziel ist, das Gedächtnis zu trainieren und sich über die Jahre immer weiter zu steigern.

Es ist wie eine Sportart. Ich habe schon an Meisterschaften teilgenommen und dort Titel gewonnen.

Woran merkt man, dass man sein Gedächtnis trainiert?

Telefonnummern kann ich mir gut merken und beim Vokabeln lernen merke ich das auch. Das ist auch eine Disziplin.

Wie ist das Leben am Internat?

Schule und Privatleben lassen sich schwer trennen. Das finde ich aber positiv, weil man dann mehr Zeit mit seinen Freunden verbringen kann. Aber wir haben natürlich eine Abtrennung von Schulzeit und Freizeit. Nachmittags machen wir jetzt nicht nur Schule.

Wann müsst ihr wieder auf dem Zimmer sein?

Ja, das hängt von der Klassenstufe ab. Wenn man jünger ist, dann muss man bis 20 Uhr auf dem Zimmer sein. Die jüngsten sogar 19 Uhr.

Ich muss bis 22 Uhr auf meinem Zimmer sein und Schlafenszeit ist dann um 22.30 Uhr. Die Abiturjahrgänge müssen 23 Uhr auf dem Zimmer sein. Auf jedem Flur gibt es einen Mentor, und die kontrollieren das auch. Wenn man abends sowieso müde ist, dann geht man auch mal früher ins Bett.

Dann könnt ihr ja im Sommer gar nicht abends am See sitzen!

Ja, schon, wenn es bis 22 Uhr dunkel wird. Aber das reicht eigentlich, wenn man am nächsten Tag sowieso früh aufstehen muss.

Gibt es Vorurteile gegenüber Internatsschülern?

Natürlich gibt es das immer. Wenn man keinen kennt, der auf einem Internat ist, dann hat man ein ganz anders Bild davon. Das habe ich auch bei Freunden gemerkt. Wenn man dann redet, klärt sich aber einiges. Es ist ja nicht so, dass wir eingesperrt werden. Ich hatte mal gehört, dass es hier gefängnisähnlich wäre. Aber das ist ein total veraltetes Bild vom Internat. So war das vielleicht früher, als es als Strafe angesehen wurde, auf ein Internat zu gehen.

Es ist also keine Strafe für dich. Hattest du dir das ausgesucht?

Ich wollte es selbst. Ich hatte das damals selbst entschieden. Ich bin auch alleine darauf gekommen, ich habe einen Flyer in die Hand bekommen. Dann habe ich mir das mit meinen Eltern mal angeguckt.

Wie lange hast du gebraucht, um dich an das Leben hier zu gewöhnen?

Das hängt natürlich vom Typ ab, bei mir ging das relativ schnell. Die Internatswochenenden haben da geholfen. Außerdem gibt es Schülerassistenten, die einem am Anfang helfen. Ich bin ja jetzt in der zehnten Klasse. Ein paar Zehntklässler sind immer in dem Haus für die kleinen Mitschülerinnen und Mitschüler, also fünfte bis siebente Klasse. Das ist so, als hätte man eine große Schwester. Immer, wenn etwas ist, sind wir für die jüngeren Schüler da und helfen den auch mal bei den Hausaufgaben. Manchmal reden wir auch nur oder spielen etwas und sind abends da.

Man bewirbt sich für diese Position und das ist auch sehr angesehen. Wir hatten das damals auch und ich fand es toll, etwas zurück zu geben. Man wird gewählt von den Mentoren und der Internatsleitung. Man muss ein Motivationsschreiben verfassen und dann gibt es auch ein Gespräch.

Gibt es Momente, an denen du zweifelst, ob das wirklich das richtige ist?

Klar, gerade wenn man jünger ist. Da denkt man darüber nach, wie es noch sein könnte. Ich bereue es auf keinen Fall. Für mich war es die richtige Entscheidung. Es gibt manchmal auch Schüler die abbrechen, das kommt aber eher in der fünften Klasse vor, ist aber auch selten.

Wer hilft einem, wenn es einem schlecht geht?

Gerade für die jüngeren sind die Schülerassistenten da. Außerdem gibt es die Mentoren. Es ist immer jemand zum Reden da.

Wann geht der Unterricht los?

Immer um 7.30 Uhr. Um 6.30 Uhr werden wir geweckt. Dann gibt‘s Frühstück und dann geht‘s zur Schule. Der Tag ist strukturiert.

Die jüngeren Schüler haben immer bis um 12.30 Uhr Unterricht. Wenn man älter ist, dann hat man am Nachmittag noch einmal zwei Stunden. Dienstags und Donnerstag sind die längeren Tage. Und dann kommen noch die Projekte dazu.

Was willst du mal werden?

Momentan will ich Anwältin werden. Steuerrecht und Erbrecht finde ich interessant. Das hat aber bisher von Jahr zu Jahr variiert. Und zur Zeit finde ich Recht interessant, auch weil ich mit ehemaligen Schülern gesprochen hatte und die gefragt hatte, was die nach ihrer Schulzeit studiert haben.

Gibt es Strafen? Was passiert, wenn man nicht pünktlich im Bett ist?

Das wird intern zwischen den Mentoren und den Schülern geregelt. Wenn man bewusst nicht zu einem Projekt geht, gibt es größere Strafen. Dann droht irgendwann ein Projekt-Nachhol-Wochenende, um die Zeit nachzuholen. Und man muss einmal um den See joggen.

Es gibt ein Buch mit allen Regeln, das jeder Schüler bekommt, der zu uns kommt. Da stehen die Bettgehzeiten drin oder das man zum Essen da sein muss. Also der Tagesablauf. Dass man nicht einfach so vom Gelände rennen darf. Das meiste ist eigentlich selbstverständlich.

Es gibt auch öfter mal Diskussionen, dass etwa der Schulbeginn um 7.30 Uhr viel zu früh ist. Ich finde das aber gut, denn so habe ich am Nachmittag mehr Zeit.

Darfst du vom Gelände runter?

Ja, wir dürfen ins Dorf. Aber ich darf zum Beispiel nicht einfach nach Waren gehen, ohne das irgendjemand etwas davon weiß.

Was macht ihr in England?

In der neunten Klasse geht jeder nach England für ungefähr vier Monate. Da fängt die Schule später an und geht dafür bis 17 Uhr. Das ist zum Beispiel nichts für mich.

In der Nähe von Oxford haben wir ein Partnerinternat. Da geht die ganze Klasse hin. Im Vordergrund steht dabei natürlich die Sprache. Ich hab das auch wirklich gemerkt, dass ich hinterher viel besser Englisch gesprochen habe.

Was vermisst du, wenn du auf dem Internat bist?

Was fehlt, ist, dass man nicht einfach so in der Woche mit seinen Freunden in die Stadt gehen kann. Aber ich habe ja meine Freude hier. Wir sind ja alle hier und nicht alleine.

Möchtest du auch mal alleine sein?

Man hat auch seine Privatsphäre. Man ist höchstens zu zweit auf dem Zimmer und die älteren haben auch Einzelzimmer. In England waren wir mit sechs Leuten auf einem Zimmer. Da ist das mit der Privatsphäre natürlich schwieriger. Hier ist das völlig ausreichend. Wir haben ja alle verschiedene Projekte und da ist man dann auch mal für sich.

Und wenn es auf dem Zimmer mal Knatsch gibt?

Gerade bei den jüngeren wird geguckt, ob man mal tauscht, wenn es wirklich gar nicht geht. Wir dürfen uns unsere Zimmernachbarn auch wünschen, wenn wir schon länger hier sind.

Nach den Sommerferien werden die Zimmer immer wieder neu verteilt. Auch dafür können wir Wünsche abgeben. Einige Zimmer sind dann natürlich beliebter als andere. Häufig liegt das dann am Netz, also ob man da oben unter dem Dach LTE hat oder nur E. Darauf achten wir tatsächlich, wenn wir uns Zimmer wünschen.

Wir wechseln mit der Zeit am Internat die Wohnbereiche und damit auch die Mentoren. Die Abiturienten sind dann im Schloss untergebracht.

Darfst du auch persönliche Dinge im Zimmer haben?

Unsere Zimmer sind möbliert, aber man darf sie persönlich gestaltet: mit Bildern, Kissen, einem Sessel und so weiter.

Das Interview wurde im September geführt. Viele Aussagen beziehen sich auf die Zeit vor der Corona-Pandemie. Auch das Leben auf dem Schloss wurde durch die Einschränkungen stark verändert.

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