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Beweise nicht eindeutig

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Mutmaßlicher Schuhdieb freigesprochen

Soweit die Füße tragen, hätte die Beute sicher reichen können, welche die Diebe in dem Schuhgeschäft stahlen. Immerhin ergaunerten sie 14 Paar Männerschuhe.
Soweit die Füße tragen, hätte die Beute sicher reichen können, welche die Diebe in dem Schuhgeschäft stahlen. Immerhin ergaunerten sie 14 Paar Männerschuhe.
Hauke-Christian Dittrich

Ausgerechnet mit einem Schuhabdruck soll ein mutmaßlicher Schuhdieb überführt werden. Doch im Laufe der Verhandlung bröckeln die Beweise dahin. Selbst die Staatsanwältin bekommt Zweifel und weicht von ihrer Linie ab.

Der Kriminalobermeister S. zeigte Herz für den mutmaßlichen Straftäter. Nach einem Einbruch in einem Warener Schuhgeschäft stattete der Polizist dem Tatverdächtigen Sven N. einen Besuch ab und nahm dessen Sportschuhe als Beweismittel mit. Der Kriminalist benötigte das Schuhwerk für einen Spurenabgleich. In dem ausgeräumten Laden hatte er nämlich den Abdruck eines Sohlenprofils gesichert. Und damit Sven N. nicht barfuß laufen musste, besorgte ihm der Kriminalist beim DRK ein paar neue Treter.

Scheibe eingeschlagen und Schuhe geklaut

Der Schuhabdruck spielt in dem Prozess gegen die mutmaßlichen Einbrecher Sven N. und David F. eine wichtige Rolle. Die beiden Männer sollen laut Anklageschrift gegen Mitternacht die Fensterscheibe des Schuhgeschäftes in der Warener Innenstadt eingeschlagen haben und dann Schuhe und Taschen im Wert von 2000 Euro aus den Regalen gestohlen haben. Kriminalobermeister S. übernahm am frühen Morgen die Spurensicherung. Fingerabdrücke entdeckte er nicht – dafür aber auf einem Werbeschild den Sohlenabdruck. „Es war die einzig verwertbare Spur im Geschäft“, erklärt der Kriminalist. 

Auf Sven N. wurde der Ermittler durch die Täterbeschreibung einer Zeugin aufmerksam. Sie hatte in der Tatnacht vor dem Geschäft einen kräftig gebauten Mann mit Glatze beobachtet. Die Beschreibung habe auf Sven N. gepasst, sagt der Polizist. „Und der ist für mich kein Unbekannter.“ Der Beamte stattete dem Verdächtigen einen Besuch ab und ließ sich dessen Schuhe zeigen.

Alles klar - oder doch nicht?

Die seien passig gewesen mit dem Abdruck aus dem Geschäft. Ein genaue Täterbeschreibung – eine Übereinstimmung der Schuhabdrücke. Es klingt alles ziemlich hieb- und stichfest, was der Kriminalobermeister S. vorträgt. Doch ganz so nahtlos passen die Indizien dann doch nicht zusammen, wie sich im Laufe der Verhandlung zeigen wird.

Stutzig werden die Verteidiger als die Zeugin J. ihre Aussage macht. Sie wohnt im Dachgeschoss über dem Schuhgeschäft und hatte der Polizei am Morgen nach dem Einbruch die Täterbeschreibung geliefert. „Einer der Männer hat sich unter der Laterne kurz umgedreht“, hatte die Frau erklärt. Vier Wochen später legte ihr die Polizei noch einmal acht Porträtfotos mit Verdächtigen vor. Sie identifiziert Sven N., als den Mann unter der Laterne. „Zweifelsfrei“, heißt es im Ermittlungsbericht. Das sieht die Zeugin mittlerweile ein wenig anders. „Vielleicht zu 90 Prozent. Heute wäre ich mir überhaupt nicht mehr sicher“, sagt sie. Aber das Gericht hat ja immer noch den Schuhabdruck.

Doch auch diese Spur ist plötzlich nicht mehr ganz so wertvoll, wie zunächst angenommen. Das von Richterin Sprigode-Schwenke zitierte Gutachten des Landeskriminalamtes besagt lediglich, dass es nicht ausgeschlossen sei, dass der Abdruck zu den Schuhen von Sven N. passen könnte. Zweifelsfrei belegt ist es nicht. Damit hat auch dieses Indiz an Beweiskraft verloren.

Noch mehr Ungereimtes

Die Kette der Ungereimtheiten wird aber noch länger: Die Beamten konnten auch die Diebesbeute nicht sicherstellen. Durchsuchungsanträge für die Wohnungen der Angeklagten hatten sie gar nicht erst gestellt.

Die Zeugin J. erklärt außerdem, die von ihr beobachteten Männer hätten lediglich einen Beutel dabei gehabt. Für 14 Paar Schuhe und Taschen hätte der wohl kaum gereicht.  

Und auch die Verteidiger haben in dem Prozess einen Joker in der Hand: Sie können drei Alibizeugen präsentieren, die bestätigen, den Abend mit den Verdächtigen verbracht zu haben. Aussagen muss allerdings nur eine Frau – die Richterin hat genug gehört. Auch die Staatsanwältin verzichtet auf weitere Aussagen. „Die Tat ist den Angeklagten nicht zweifelsfrei nachzuweisen“, stellt sie in ihrem Plädoyer fest. Unter anderem weil die Polizei nicht alle Beweismittel ausgeschöpft habe. Die Vertreterin der Anklage plädiert auf Freispruch ebenso wir die Verteidiger. Und die Richterin. Sie macht es kurz und schmerzlos: „Die Vorwürfe lassen sich nicht halten“. Freispruch für beide Angeklagte.