HISTORISCHER MOMENT

Neue Glocken für Warener Georgenkirche gegossen

Für dieses Ereignis sind vier Warener quer durch Deutschland gereist. In der Glockengießerei Bachert in Baden-Württemberg wurden zwei von drei neuen Glocken für die St. Georgenkirche gegossen. Und das an einem besonderen Tag.
Arbeit in Schutzanzügen: Zwei von drei Warener Glocken wurden am 8. Mai gegossen. Ein historisches Ereignis an einem ganz
Arbeit in Schutzanzügen: Zwei von drei Warener Glocken wurden am 8. Mai gegossen. Ein historisches Ereignis an einem ganz besonderen Tag. Anja Lünert
Die Gussformen entstehen aus Lehm und in Handarbeit. Die Hilfsmittel sind beeindruckend einfach. Das Verfahren des Glockenguss
Die Gussformen entstehen aus Lehm und in Handarbeit. Die Hilfsmittel sind beeindruckend einfach. Das Verfahren des Glockengusses hat sich in Jahrhunderten kaum verändert. Anja Lünert
Im Schmelzofen werden die beiden Metalle gemischt. Bronze besteht aus 90 Prozent Kupfer und 10 Prozent Zinn.
Im Schmelzofen werden die beiden Metalle gemischt. Bronze besteht aus 90 Prozent Kupfer und 10 Prozent Zinn. Anja Lünert
Pastorin Anja Lünert an einer der drei Eisen-Glocken, die nun ans Ende ihrer Lebensdauer gekommen sind.
Pastorin Anja Lünert an einer der drei Eisen-Glocken, die nun ans Ende ihrer Lebensdauer gekommen sind. Petra Konermann
Die Georgenkirche in Waren bekommt drei neue Glocken. Eine private Spende hat es möglich gemacht, das Trio gießen z
Die Georgenkirche in Waren bekommt drei neue Glocken. Eine private Spende hat es möglich gemacht, das Trio gießen zu lassen. NK-Archiv
Waren.

Vielleicht war es Gottes Fügung, dass am 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges die Friedensglocke für Waren gegossen wurde? Vielleicht – aber auch ohne das besondere Datum war die Glockenproduktion für die Zuschauer ein außergewöhnliches Erlebnis. „So etwas bekommt man normalerweise wirklich nur ein einziges Mal im Leben zu sehen. Wenn überhaupt“, sagte Anja Lünert nach ihrer Reise tief beeindruckt. Gemeinsam mit der Kantorin Christiane Drese und den Kirchenältesten Dirk Richert und Gunter Lüdde hatte sich die Pastorin der Warener St. Georgengemeinde kürzlich auf eine vierzehnstündige Reise zur Glockengießerei Bachert in Neunkirchen in Baden-Württemberg begeben, um einem Ereignis beizuwohnen, das zwar nur knapp eine Stunde dauerte, jedoch ein historischer Moment war.

Schon 2017 hatte die Gemeinde den ersten Spendenaufruf für neue Glocken veröffentlicht. Da war gerade eine der gusseisernen Glocken im Turm stillgelegt worden, was für die Gemeinde nicht überraschend kam. Denn als nach 1945 die vielen im Krieg eingeschmolzenen Glocken ersetzt wurden, war Bronze rar und teuer und darum habe man damals auf Stahl beziehungsweise Eisen gesetzt, dessen Lebensdauer aber begrenzt ist, wie Anja Lünert erklärt. Während eine Bronzeglocke mehrere hundert Jahre alt werden könne, gehe so eine Eisenglocke nach etwa 60 Dienstjahren in Rente. „Dann zeigen sich erste Schäden, Abplatzungen oder Risse und das Läuten wird buchstäblich gefährlich“, sagte die Pastorin.

Für Hitlers Geburtstag musste eine Glocke im Turm bleiben

Die Georgenkirche hat derzeit vier Glocken. Die kleinste wurde 1925 gegossen. Die anderen Glocken aus demselben Jahr wurden im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt. „Viele Gemeinden – auch in Mecklenburg – haben ihre Glocken damals freiwillig für den Endsieg gespendet. Das können wir heute gar nicht mehr nachvollziehen“, erzählt Pastorin Lünert. „Immerhin können wir das für die Georgengemeinde ausschließen. Pastor Bard stand den Nazis eher kritisch gegenüber, was für ihn und seine Familie nicht ungefährlich war. Er und die Gemeinde mussten es hinnehmen, dass drei der vier Glocken beschlagnahmt und eingeschmolzen wurden. Von größeren Geläuten wurde oft die kleinste Glocke verschont. Denn Glocken riefen nicht nur zum Gottesdienst. Auch zu Hitlers Geburtstag mussten schließlich noch Glocken für das Dauergeläut vorhanden sein. Dann musste eine Stunde am Stück geläutet werden“, hat Pastorin Lünert im Gemeindearchiv gelesen.

Die neuen Glocken sollten eigentlich schon im vergangenen Jahr gegossen werden. Aber so ein Glockenguss werde aufwendig vorbereitet und sei darum langfristig nur schwer zu planen. Die Glockengießerei Bachert, bei der der Guss in Auftrag gegeben wurde, ist ein bekannter, aber kein großer Betrieb. Die Anzahl der Glocken, die in einem Guss hergestellt werden können, ist darum begrenzt. So sei die Enttäuschung nicht gering gewesen, als es mit dem Glockenguss im Jahr 2019 nichts wurde. Denn zum einen verstarb Anfang des Jahres Manfred Demmler, der 2018 für ein echtes Weihnachtswunder gesorgt hatte. Der ehemalige Zahnarzt spendete eine sehr großzügige Summe, sodass die benötigte Summe von rund 110.000 Euro schnell zusammengekommen war. Doch die Glocken ließen auf sich warten. „Darüber waren wir sehr traurig. Aber wir sind gewiss, dass er die Glocken hören wird – so oder so“, sagt Anja Lünert. Zum anderen sollte eine der Glocken die Jahreslosung 2019 tragen: „Suche Frieden und jage ihm nach!“

Gießtechnik seit Jahrhunderten unverändert

Glocken werden immer am Freitag um 15 Uhr, zur Sterbestunde Jesu, gegossen und der Guss folgt einem festen Ritual. Zuerst wird von der anwesenden Pastorin ein Gebet gesprochen. „Wir haben dafür gebetet, dass diese Glocken niemals Krieg und Feuer läuten werden, sondern immer das Leben, die Erlösung und den Frieden“, sagte Anja Lünert. Die Gießtechnik an sich hat sich in den vergangenen Jahrhunderten nicht verändert, wie sich die vier Warener überzeugen konnten. Glockenkern und Glockenmantel entstehen in Handarbeit aus Lehm und Schamott mit nur einfachen technischen Hilfsmitteln. Misslingt ein Guss, beginnen alle Vorbereitungen von vorne. Und die dauern immerhin etwa drei Monate.

Insgesamt entstanden am 8. Mai in Neunkirchen drei Glocken. Eine dieser Glocken ist eine Gedächtnisglocke für die Trinitatiskirche in Sondershausen. Sie soll an die Opfer des Bombenangriffs bei der Zerstörung der Stadt am 8. April 1945 erinnern. Die anderen beiden Glocken sind für die Georgengemeinde Waren gegossen worden. Die Friedensglocke trägt die Jahreslosung 2019 und das Motiv aus dem Nordfenster der Kirche, auf dem Petrus seine bittenden Hände Christus entgegenstreckt. Die zweite Warener Glocke ist die Vaterunser-Glocke. Auf ihr wird der Namenspatron der Kirche abgebildet sein, der Heilige George, der das Böse in Gestalt eines Drachens besiegt. Dazu ziert diese Glocke ein Vers aus dem Gebet Jesu: „Erlöse uns von dem Bösen!“

Dritte Glocke folgt vielleicht noch in diesem Monat

Der Guss der dritten Glocke für Waren steht noch aus. Die Gussform wurde gerade aufgebaut, wie die vier Warener sehen konnten. „Vielleicht kann auch diese Glocke noch in diesem Monat gegossen werden. Sie wird Auferstehungsglocke genannt und mit dem Motiv des auferstandenen Christus aus dem Chorfenster der Kirche verziert“, sagt Anja Lünert. Dazu wird ein Wort Jesu zu lesen sein, wie der Evangelist Johannes es überliefert hat: „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“

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