NATURSCHUTZ

Rettung für Rehkitze kommt aus der Luft

Mit Drohne und einer speziellen Kamera geht Jörn Tirgrath mit Gleichgesinnten auf die Pirsch, um möglichst viele versteckte Rehkinder zu entdecken.
Petra Konermann Petra Konermann
Neugeborene Rehkitze schmiegen sich an den Boden, damit sie keiner entdecken kann. Für Landwirte, die oben im Führerstand des Mähdreschers sitzen, sind sie nur schwer auszumachen.
Neugeborene Rehkitze schmiegen sich an den Boden, damit sie keiner entdecken kann. Für Landwirte, die oben im Führerstand des Mähdreschers sitzen, sind sie nur schwer auszumachen. Jörn Tirgrath
Röbel.

Jörn Tirgrath schlägt sich die Nächte um die Ohren. Der Röbeler und mit ihm viele weitere Ehrenamtliche vom Verein Wildtierhilfe MV e. V. arbeiten in diesen Wochen als Lebensretter, die erst nach Einbruch der Dunkelheit aktiv werden. Wenn die Sonne untergegangen ist, suchen sie auf landwirtschaftlich genutzten Wiesen nach Rehkitzen, die gerade erst geboren wurden. Sie sollen vor einem möglichen Tod durch Mähmaschinen bewahrt werden.

Hightech ist dabei eine große Hilfe. Jörn Tirgrath ist Drohnen-Pilot und hat sich in der Branche längst einen Namen gemacht durch Filmaufnahmen aus der Luft. Um schöne Bilder geht es bei seinem nächtlichen Ehrenamt jedoch nicht, sondern um das effiziente Aufspüren neugeborener Rehkitze.

Zum Einsatz kommt dabei die sensible Wärmebild-Kamera, die Tirgrath sonst bei Drohnen-Kontrollflügen über großen Solar-Anlagen einsetzt. Die Kamera spürt die Module auf, die defekt und daher heißer sind als intakte „Nachbarzellen und ausgetauscht werden müssen – ein weiteres Standbein des hauptberuflichen Drohnen-Piloten.

Vertreiben funktioniert nicht

Diese Wärmebild-Kamera lässt Jörn Tirgrath nun auch an der großen Drohne schweben, um Kitze in Wiesen aufzuspüren. „Das muss nachts oder in den ganz frühen Morgenstunden passieren, da dann der Temperaturunterschied zwischen Tier und Umgebung am größten ist. Die Kitze sind so leichter zu finden“, erklärt der Röbeler. Die Tiere einfach zu vertreiben, sei keine sehr Erfolg versprechende Methode, meint er.

Denn zum einen seien die Flächen, auf denen Ackergras als Heu oder für Silage-Futter gewonnen wird, viel zu groß. Auf der anderen Seite, so Tirgrath, haben die Rehkitze in den ersten Tagen nach ihrer Geburt keinerlei Fluchtinstinikt, wie ihn ausgewachsene Rehe besitzen.

Im Gegenteil. „Die Kitze schmiegen sich so dicht an die Erde wie möglich, sie laufen nicht weg, sie bleiben liegen, um kein Raubtier auf sich aufmerksam zu machen. Sie werden geruchslos geboren, um kein Tier anzulocken, das ihnen schaden könnte. Die Ricke kommt in den ersten Tagen nur vorbei, um ihr Junges zu säugen und verschwindet dann wieder, damit ihr Geruch nicht aufs Kitz übertragen wird“, berichtet Tirgrath.

Für Landwirte, die das Ackergras mähen, seien die Tiere kaum zu erkennen. „Und so passiert es immer wieder, dass sie im Mähwerk sterben. Das ist ein schrecklicher Tod. Die Kitze schreien, das vergisst man nie mehr, wenn man das einmal gehört hat“, weiß Tirgrath aus Erfahrung.

Bauern haben ein ureigenes Interesse daran, die jungen Tiere zu schützen

Doch auch die Bauern selbst haben ein Interesse daran, die Kitze zu schonen. „Natürlich fährt kein Bauer die Tiere absichtlich tot“, stellt Thomas Diener, Vorsitzender des Bauernverbandes Müritz, klar. Neben dem moralischen führt er auch einen wirtschaftlichen Aspekt an. Denn Tiere, die aus Versehen in die Silage gelangen, können dort Gifte freisetzen und bei anderen Tieren, die das Silagefutter später fressen, so genannten Botulismus auslösen, der zum Beispiel bei Milchkühen zum Tod führt. „Schon aus diesem Grund wollen Landwirte, dass kein Tier beim Mähen des Grases getötet wird“, macht Diener deutlich.

Ein bis zwei Tage vor der geplanten Mahd setzen die meisten Bauern auf Vergrämungsmethoden, wie zum Beispiel das Ablaufen der Fläche oder das Durchstreifen mit Hunden – „einfach um Unruhe zu schaffen und so die Ricke dazu zu bringen, ihr Kitz weiter entfernt zu platzieren“, erklärt der Bauernverbandsvorsitzende. Von der Kitz-Rettung mit Drohne und Wärmebildkamera ist er begeistert: „Ich schätze, das ist eine sehr effiziente Methode, mit der man große Flächen schnell und gründlich bearbeiten kann.“

Nachts, wenn Jörn Tirgrath und die anderen Ehrenamtlichen von der Wildtierhilfe MV an die Arbeit gehen, wird die Drohne entlang vorher abgesteckter Wegpunkte eingesetzt. Tirgrath steuert die Drohne, ein anderer beobachtet den Bildschirm. Wird ein Kitz entdeckt, gehen die Läufer los und markieren die Stelle mit einem Stab samt Fähnchen. Ist die gesamte Fläche abgesucht, wird jedes gefundene Kitz mit einem eigenen mobilen Schutz, einem kleinen Windschutz eingezäunt, wie er an Ostsee-Stränden bei Sonnenhungrigen beliebt ist.

Am Morgen mäht der Bauer um die geschützten Stellen herum. Die Zäune werden anschließend entfernt, so dass die Rehmutter schließlich wieder zu ihren Kitz kann. „Manchmal finden wir auf zehn Hektar 20 Kitze, mal sind es 40 Hektar, und wir haben kein einziges. Aber das weiß man vorher ja nie“, meint Jörn Trigrath. Zwei, drei Wochen im Mai – länger ist die Zeit nicht, in der die Rehkitze geboren werden und besonderen Schutz brauchen.

Verein finanziert sich durch Spenden

„Ich mache diese Arbeit gerne, ich habe das Gefühl, tatsächlich etwas zu bewirken und zu helfen. Denn durch Mäher sollte kein Lebewesen sterben müssen“, sagt der Röbeler. Angefordert werden die Wildtierschützer von Landwirten. Für sie ist der nächtliche Hilfseinsatz kostenlos. Der Verein, so Jörn Tirgrath, finanziert sich durch Spenden. Der nächste Einsatz ist schon geplant: Demnächst soll eine 80 Hektar große Ackerfläche bei Rostock abgesucht werden.

 

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