ABSCHIED VOM EINKAUFSBUS

▶ Rollende Rarität von der Müritz bringt jetzt keine Lebensmittel mehr aufs Dorf

In kleinen Dörfern fehlt meist ein Laden. Dirk Longino hat daher in entlegene Ecken der Müritz-Region Lebensmittel gebracht. Doch nach 31 Jahren endet nun eine Ära.
Nach 17 Jahren im Einsatz quittiert dieser Verkaufsbus von Dirk Longino nun den Dienst.
Nach 17 Jahren im Einsatz quittiert dieser Verkaufsbus von Dirk Longino nun den Dienst. Susann Salzmann
31 Jahre lang fuhr Dirk Longino mit seinem Verkaufsbus über die Müritzer Straßen. Nun möchte er sich vers
31 Jahre lang fuhr Dirk Longino mit seinem Verkaufsbus über die Müritzer Straßen. Nun möchte er sich verstärkt seinem Tierpark widmen. Susann Salzmann
Klein, aber fein: Mehr als 100 Produkte bot Dirk Longino in seinem Verkaufsbus an, der vor allem in kleineren Dörfern hal
Klein, aber fein: Mehr als 100 Produkte bot Dirk Longino in seinem Verkaufsbus an, der vor allem in kleineren Dörfern haltmachte. David Fuhlbrügge
Grabowhöfe ·

Gerade Bewohner in kleinen Orten mit weniger als 1000 Einwohnern wissen, wer oder was gemeint ist, wenn von „Longi“ die Rede ist. Das ist der Spitzname von Dirk Longino, einem Mann aus Grabowhöfe, der seit 31 Jahren mit seinem eigenen Verkaufsbus über die Müritzer Straßen in die letzten Winkel gefahren ist, um Lebensmittel buchstäblich „an jeder Milchkanne“ abzuliefern. Doch „Longis Einkaufsquelle“ brachte nun am 6. Oktober zum letzten Mal Konsumenten und Lebensmittel zusammen. Für den 53-Jährigen und seinen Mercedes-Bus 814 D war es die letzte Fahrt.

Von Apfel bis Zahnpasta

Zum Abschied fuhr er noch einmal seine „übliche Route“, sagt Dirk Longino. Und die ist sage und schreibe 249 Kilometer lang. Wie üblich startete er morgens um 5.30 Uhr in den Tag und beendete seine Tour gegen 17 Uhr. Zwischen 80 und 100 Kunden versorgte er zuletzt täglich bei zwei Fahrten pro Woche mit Dingen des täglichen Bedarfs – von A wie Apfel über L wie Lektüre bis hin zu Z wie Zahnpasta. 100 bis 200 Produkte habe er wohl transportiert. Genau gezählt habe er nie. Dirk Longino brachte Lebensmittel, Getränke und Co. dorthin, wo sich keine oder kaum Supermärkte mangels Kaufkraft ansiedeln.

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Reif für den Ruhestand

Sein Bus, seit 17 Jahren der treue Gefährte auf vier Rädern, der ihn noch kein einziges Mal im Stich gelassen hat, ist mit 550 000 gefahrenen Kilometern reif für den Ruhestand – und reparaturbedürftig. In den Wagen müsste eine vierstellige Summe investiert werden, sagte Longino im Gespräch mit dem Nordkurier. Das aber wäre ein zu kostspieliges Unterfangen. Auch eine Neuanschaffung komme nicht in Frage.

Einige Stammkunden kennt er schon seit 1990

Und so endet etwas, das vor 31 Jahren mit einem Getränkestützpunkt in einer Garage in Grabowhöfe begann. Longino lieferte immer zuverlässig, weiß man auf den Dörfern. Bei Wind und Wetter. Egal, ob die Straßen vereist waren oder Sommerhitze für Schweißperlen sorgte. Seine Kunden dankten es ihm mit Wertschätzung und ihren steten Einkäufen. So ist es nicht verwunderlich, dass einige Kunden Longino schon seit 1990 die Treue halten. „Meine älteste Kundin war 98 Jahre alt“, erinnert sich der Müritzer zurück, der nicht nur in den Malchower und Röbeler Bereich, sondern auch im Teterower und Malchiner sowie Penzliner Bereich Lebensmittel an den Mann oder die Frau brachte. Doch viele seiner Kunden verstarben im Laufe der Jahre auch.

249 Kilometer am Tag

In der Corona-Krise war er dann wieder der Mann, auf den sich Dutzende Senioren verließen. Er brachte Alltagsgegenstände zu Leuten, die pandemiebedingt Menschenansammlungen mieden. Doch an Kundenzahlen wie zum Anfang kam er dennoch nicht heran. Kunden und Entfernung gerieten immer mehr in ein Missverhältnis: „Anfangs bin ich 40 Kilometer am Tag, sechs Tage die Woche gefahren und hatte 1000 Kunden pro Woche; zuletzt waren es 249 Kilometer täglich und rund 200 Kunden wöchentlich“, so Longino. Seine Preise waren etwas höher, fünf Prozent teurer als im Supermarkt, schätzt er. Das Ganze wirtschaftlich zu unterhalten, war trotzdem nicht einfach.

Nun hat der Tierpark Priorität

Der Grabowhöfer hatte zu Hoch-Zeiten neben seiner Einkaufsquelle auch drei Einkaufsläden mit acht Mitarbeitern: einen in Kirchgrubenhagen (2000 bis 2015), einen in Klocksin und einen in Grabowhöfe. Als die Kundschaft immer mehr wegblieb und der Mindestlohn hinzukam, schloss er ein Geschäft nach dem anderen. Bis nur noch der Bus übrig blieb.

Was nun bleibt, ist einerseits Wehmut, wenn er sich an so manchen Kunden zurückerinnert. Manchmal hing einfach ein Einkaufsbeutel mit Einkaufszettel und Geld am Zaun. Andererseits kann sich der Kümmerer vom Tiererlebnispark Müritz nun stärker diesem zweiten Lebenswerk widmen. Die Zukunft des Busses ist indes noch unklar: Entweder werde dieser verkauft oder aber er kommt als Ausstellungselement in den Tierpark.

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