Gabriele Wahl-Multerer war eigentlich schon im Ruhestand, als sie das Gelände im Jahr 2016 übernahm.
Gabriele Wahl-Multerer war eigentlich schon im Ruhestand, als sie das Gelände im Jahr 2016 übernahm. Ingmar Nehls
Eines der größten Gebäude, die inzwischen für einen Millionenbetrag saniert wurden.
Eines der größten Gebäude, die inzwischen für einen Millionenbetrag saniert wurden. Pablo Himmelspach / Archiv
Das Restaurant im Park wurde erst kürzlich eröffnet.
Das Restaurant im Park wurde erst kürzlich eröffnet. Pablo Himmelspach / Archiv
Den Gästen werden unter anderem Yogakurse angeboten.
Den Gästen werden unter anderem Yogakurse angeboten. Frank Wilhelm / Archiv
Gabriele Wahl-Multerer investierte nach eigenen Angaben zusammen mit ihren Mitstreitern 15 Millionen Euro.
Gabriele Wahl-Multerer investierte nach eigenen Angaben zusammen mit ihren Mitstreitern 15 Millionen Euro. Susann Salzmann / Archiv
Alt Rehse

So erklärt die Schlosspark-Eigentümerin ihre Insolvenz

Der Betrieb geht weiter, aber 15 Millionen Euro stehen im Feuer. Im Nordkurier-Interview erklärt die Eigentümerin und Geschäftsführerin Gabriele Wahl-Multerer, wie es jetzt weitergehen soll.
Alt Rehse

Frau Wahl-Multerer, nach gut sechs Jahren Betrieb hat Ihre Schlosspark Alt Rehse Entwicklungs GmbH Insolvenz angemeldet. Wie geht es Ihnen damit?

Bevor ich die Entscheidung getroffen habe und beim Gericht war, ging es mir nicht gut. Ich habe unterschiedlichste Möglichkeiten erwogen und saß viele Stunden, bei denen ich mit mir in Klausur gegangen bin. Dann habe ich gesehen, dass es entweder noch schlimmer wird oder dass ich jetzt die Reißleine ziehen muss, um von einer anderen Basis anfangen zu können. Wir haben uns ja für eine Insolvenz in Eigenverwaltung entschieden, nicht für eine klassische Insolvenz.

Was bedeutet das?

Es bedeutet, dass ich als Geschäftsführerin im Amt bleibe, aber Unterstützung von außen bekomme – und dass wir eigentlich weitermachen wollen. Wir müssen die kommenden Monate nutzen, um neue Partner zu finden, mit denen wir uns gemeinsam neu aufstellen können.

Bei Ihnen arbeiten 24 Mitarbeiter. Wie geht es denen jetzt?

Der Schritt kam für die wenigsten überraschend. Ich hatte mit vielen vorher Einzelgespräche geführt. Ich habe den Mitarbeitern gesagt: Ihr kennt mich seit Jahren, ihr wisst, dass ich so schnell nicht aufgebe. Es soll für möglichst viele hier weitergehen. Die Mitarbeiter bringen mir ein großes Verständnis entgegen und dafür bin ich sehr dankbar.

Trotzdem muss man festhalten: Insolvenz bedeutet, dass das Geld alle ist – oder?

Auch in dieser Hinsicht ist unsere Situation nicht mit den meisten anderen Insolvenzen vergleichbar. Wir haben alle unsere Rechnungen bezahlt. Der Insolvenzverwalter hat zu mir gesagt: Sie und Ihre Mitarbeiter können erhobenen Hauptes durch den Ort gehen. Im Wesentlichen ist das, was jetzt im Feuer steht, das Kapital, dass ich gemeinsam mit anderen hier investiert habe.

Um wie viel Geld geht es da?

Um etwa 15 Millionen Euro.

Und das stammte alles von Ihnen?

Neudeutsch würde man wohl sagen von „Family and Friends“.

Also von Familien und Freunden.

Ja, es sind maßgeblich ich und mein Umfeld, die hier Geld investiert haben. Es sind zum Glück keine Banken im Spiel – sonst könnten wir diesen Weg jetzt wohl auch nicht in Eigenverwaltung gehen. Aber ich war jetzt an einem Punkt, an dem ich sagen musste, dass ich keine weiteren eigenen Mittel mehr geben kann, ohne mich und mein Umfeld persönlich zu gefährden.

Wie konnte die Situation entstehen?

Wir haben viel länger gebraucht, als wir vorhatten. Zum Teil lag das an Dingen vor Ort, etwa den quälenden und oft sehr langwierigen Abstimmungsprozessen mit Behörden. Natürlich haben uns dann aber auch die zwei Corona-Jahre zugesetzt, die ja die ersten sein sollten, in denen wir schon etwas Geld verdienen wollten. Und das Jahr 2022 war, wie jeder weiß, auch kein leichtes. Zumal viele die Chance genutzt haben, im Ausland Urlaub zu machen, was in den beiden Jahren vorher nicht möglich war.

Wie soll es jetzt weitergehen?

Im Hintergrund läuft momentan sehr viel, um das Geschäft anzukurbeln. Außerdem sind wir auf der Suche nach Partnern, aber wir müssen unsere Vermarktung besser aufstellen. Hierfür brauche ich mehr Zeit, die ich bislang nicht hatte, weil ich vor allem Bauleiterin war. Zusätzlich haben mich bürokratische Prozesse im Zusammenhang mit Corona-Maßnahmen viel Zeit gekostet.

Gibt es Pläne, die Anlage zu zerschlagen? Dass beispielsweise Ferienwohnungen in Privatbesitz auf dem Gelände entstehen?

Zerschlagung wäre das falsche Wort. Wir hatten von Anfang an geplant, dass bei unseren Bauprojekten auch Eigentümer mit an Bord sind. Aber ich möchte viel vom ursprünglichen Konzept erhalten.

Das Bistro am Eingang des Parks wäre ein großer Verlust für den Ort.

Stimmt, wir haben auf dieser Seite des Tollensesees ja fast nichts. Wie wir weitermachen, hängt von den Ressourcen ab. Ich habe gerade einen neuen Koch eingestellt und wir haben Pläne, was wir an Kulinarik anbieten im Januar, Februar und März.

Haben Sie momentan Kontakt zur Landesregierung?

Nein. Ich hatte versucht, Kontakt zum Wirtschaftsminister Reinhard Meyer aufzubauen. Aber er hat mir in recht unflätiger Weise klar gemacht, dass er mit dem Projekt nichts zu tun haben will. Er machte die Bemerkung, das Projekt seit Anfang der 90er-Jahre zu kennen und dass daraus noch nie etwas geworden sei. Es war kein schönes Gespräch.

Es ist nicht das erste Mal, das Sie über Probleme mit Behörden und Politik klagen. Was würden Sie sich von denen wünschen?

Vor allem wünsche ich mir Zusammenhalt. Ich mache das doch nicht für mich. Wenn ich hier morgen das Tor zumachen würde, habe ich trotzdem genug zu essen. Ich mache das nach wie vor für diese Region und weil ich mich in dieses Gelände verliebt habe. Und weil ich glaube, dass hier die sensationelle Chance besteht, einen Ort der Ruhe und der Entspannung zu schaffen, wie wir ihn in unserer Welt so dringend brauchen. Ich kriege hier seit sechs Jahren kein Gehalt – wovon hätte ich mir das auch bezahlen sollen, wenn wir keine Gewinne erwirtschaften?

Hatten sie sich zu Beginn denn gar nicht rückversichert, ob Ihre Pläne in der Region auf Wohlwollen stoßen?

Doch, ich war damals bei der Vorsitzenden des Tourismusverbands, die ja zugleich auch Landtagspräsidentin war – Sylvia Bretschneider. Sie hat das Projekt unterstützt, weil sie die Chance sah, auf diese Weise zu verhindern, dass Rechtsradikale sich das Gelände unter den Nagel reißen. Die Idee, hier sanften Tourismus zu entwickeln mit Spezialisierung auf Entschleunigung, lag auf der Hand. Ich dachte: Wenn Frau Bretschneider das gut findet, kann mir ja nichts passieren. Vielleicht war das naiv.

Hatten Sie das Gefühl, dass Sie dabei unterstützt worden sind und Verfahren so kurz gestaltet wurden, wie möglich?

Überhaupt nicht. Ich bin anfangs davon ausgegangen, dass die Behörden das Vorhaben im Prinzip auch gut finden. Es ist aber nie eine Behörde zurückgetreten und hat beispielsweise ein vereinfachtes Verfahren ermöglicht. Je mehr Rädchen im Getriebe sind, desto besser müsste dieser Prozess abgestimmt sein. Das ist aber nicht so. Die Prozesse in unserer Bürokratie laufen nicht synchron. Die widersprechen sich teilweise. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt nirgends böse Geister, die etwas sabotieren wollen. Sondern unser Staat ist einfach völlig aus dem Ruder gelaufen. Die eine Behörde sagt, die Feuertreppe muss nach innen, die zweite sagt, sie muss nach außen – und dann kommt eine dritte und sagt, sie muss in die Ecke. Es kommen immer mehr neue Gesetze dazu, ohne dass sich darüber Gedanken gemacht wird, ob die kompatibel mit dem vorhandenen Recht sind.

Konnten Sie sich denn nicht beispielsweise mal direkt mit dem Landrat abstimmen?

Der hat sich hier nicht blicken lassen. Ich habe ihn erst kürzlich eingeladen. Dann wollte er seinen Stellvertreter schicken. Aber Herr Fritz kam auch nicht. Die machen einen großen Bogen um dieses Projekt. Warum, weiß ich nicht. Sie haben nur einmal reagiert, als damals ein Artikel im Nordkurier erschien, in dem ich beschrieben hatte, wie Brandschutz, Landesämter und Denkmalschutz sich gegenseitig widersprechen. Aber im Grunde hat sich dann nichts gebessert.

Vermissen Sie Wertschätzung für das Projekt?

Ja, von denen, die weiter entfernt sind, schon. Es gibt dort eigentlich niemand, der sieht, wie viel wir geschafft haben. Etwas anderes sind unsere Gäste und die Einwohner hier direkt vor Ort, in Alt Rehse, den umliegenden Orten und auch in Neubrandenburg. Von dort erfahre ich sehr viel Anerkennung – auch jetzt in diesen Tagen. Das gibt mir Kraft.

Es gab den Vorwurf, dass nicht genug Raum für die Erinnerung an die NS-Gräuel bleibt. Was sagen Sie dazu?

Ich habe angeboten, den zweiten Flachbau, den es hier auf dem Gelände noch gibt, zur Verfügung zu stellen, um dort die Gedenkstätte unterzubringen. Seit sechs Jahren wird darüber diskutiert und es ist gar nichts geschehen. Die einzige, die in dieser Zeit geliefert hat, bin ich. Es sind Menschen gekommen und gegangen, ich hatte beispielsweise ein sehr gutes Gespräch mit dem Leiter der Landeszentrale für politische Bildung. Aber letztlich ist auch das im Sande verlaufen. Der Staat kann das hier gerne alles übernehmen und hier auf dem gesamten Gelände nichts als Gedenkkultur praktizieren. Aber es wird übersehen, dass auch jetzt schon jeder Gast, der hierherkommt, erfährt, was hier war. Denn über das Thema stolpert hier jeder. Wir führen unglaublich interessante Gespräche mit unseren Gästen, die nebenbei noch regionale Wertschöpfung betreiben. Ich halte das für wesentlich nachhaltiger als einen reinen Erinnerungsort. Und ich habe immer gesagt: Ich will aus diesem Ort der Dunkelheit einen Ort des Lichts machen. Und das ist mir bisher auch gelungen.

Bürger der Region schauen kritisch auf die Preise. Die Zielgruppe sind ja gewiss nicht Menschen von hier…

Ich verstehe die Argumentation dahinter, teile sie aber nicht. Viele Gäste im Restaurant sind aus der Gegend, auch das Bistro kann man sich leisten. Und was die Übernachtungsgäste angeht: Jeder von ihnen bezahlt viel Geld für seinen Aufenthalt, aber es gibt hier 24 Angestellte, die gute Gehälter beziehen. Das ist regionale Wertschöpfung und hat einen positiven Einfluss auf die Wirtschaft vor Ort.

Das heißt, an den Preisen und der Zielgruppe wird sich nichts ändern?

Nein. Darunter geht es aufgrund der hohen Baukosten nicht. Aber auch die Baukosten sind als Investitionen in der Region angekommen. Und die Firmen haben darauf Steuern ans Land bezahlt. Damit wurde der wirtschaftliche Kreislauf unterstützt.

Zur Person

Die Diplom-Kauffrau Gabriele Wahl-Multerer übernahm 1989 den Münchener Familienbetrieb WahlOptoparts, der Bauteile aus Kunststoff für die technische Optik produziert, und führte diesen nach der Wende zusammen mit einem ehemaligen Zeiss-Betrieb im thüringischen Neustadt (Orla). Nachdem sie das Unternehmen mit 250 Mitarbeitern verkauft hatte, war sie angestellte Geschäftsführerin der Jenoptik Aktiengesellschaft, wo sie anschließend noch sieben Jahre im Aufsichtsrat saß. Nebenher hat sie sich stets im sozialen und gesellschaftlichen Bereich engagiert. Für beides erhielt sie 2007 das Bundesverdienstkreuz. 2016 kaufte sie, damals noch gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, das Areal in Alt Rehse mit Mitteln aus ihrem eigenen Vermögen.

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