VERLETZT LIEGEN GELASSEN

Spendenaktion für von "Helfern" bestohlene Frau

Den Tag wird Margitta Vandrey nicht vergessen: Zum ersten Mal benutzte sie den Bahnhofstunnel in Waren. Dort wurde sie bestohlen und verletzt liegen gelassen.
Vitali Weigum hat eine Spendenaktion für die beraubte und verletzte Margitta Vandrey (rechts) organisiert. Auch Freundin Brunhilde Jarchow ist dankbar.
Vitali Weigum hat eine Spendenaktion für die beraubte und verletzte Margitta Vandrey (rechts) organisiert. Auch Freundin Brunhilde Jarchow ist dankbar. Susann Salzmann
Die Gechädigte wollte ihren Bus noch rechtzeitig erwischen - und nutzte zum ersten Mal die Unterführung zur Haltestelle. Das wurde ihr zum Verhängnis. 
Die Gechädigte wollte ihren Bus noch rechtzeitig erwischen – und nutzte zum ersten Mal die Unterführung zur Haltestelle. Das wurde ihr zum Verhängnis. Susann Salzmann
Waren.

Eingebrannt hat es sich im Gehirn Margitta Vandreys. Das Datum des 11. Dezembers 2018. Es war der Tag, als die gehbehinderte, gebrechliche 56-Jährige einen Arzttermin in der Warener Beethovenstraße hatte und ihren Bus nach Röbel erwischen wollte, der von der Teterower Straße abfährt. Der Tag, an dem Vandrey ihren Glauben an das Gute im Menschen, ans Gewissen und an die Hilfsbereitschaft verlor. Zwei junge Männer nutzten ihre Gehschwäche auf perfide Weise aus.

„Ich habe sie angesprochen und war froh, dass sie stehen blieben und dann zu mir kamen, um zu helfen“, erinnert sie sich an den Vorfall. Die Bahnhofsunterführung in Waren hatte sie eigentlich stets gemieden. Aus Angst. Nur letzten Dienstag nicht. Um den Bus rechtzeitig zu schaffen, entschied sie sich gegen den etwa anderthalb Kilometer langen Umweg. Mit ihrem Rollator wählte sie den nur etwa 150 Meter kurzen Weg durch den Tunnel.

Das linke Bein ist taub

Die Treppenstufen wurden der gehbeeinträchtigten Frau aber zum Problem. Die junge Männer fassten daher am Rollator an, sollten ihn mit ihr zusammen nach unten tragen – griffen stattdessen aber nach der Handtasche und machten sich aus dem Staub. Mit über 100 Euro Bargeld, Papieren, einem Opium-Präparat und anderen starken Medikamenten, die sie benötigt, um ihre Schmerzen zu ertragen.

Was dann passierte, bleibt ungeklärt. „Eine Stunde fehlt mir“, meint Margitta Vandrey mit verzweifeltem Blick. Noch heute wühle es sie ungemein auf, nicht zu wissen, was zwischen 17.20 Uhr und 18.30 Uhr an dem Tag passiert ist. Sie muss in einen Schock verfallen und die Treppe herunter gefallen sein. Als sie aufwachte, schmerzte alles. Überall an Bauch, Steiß und Rücken sind blaue Flecken. Besonders schlimm: „Mein gesamtes linkes Bein ist taub. Ich fühle kaum etwas“, ist die Frau den Tränen nahe. Immer wieder werden Senioren betrogen: So haben Betrüger mit einem „Enkeltrick” insgesamt 34.000 Euro in Hohenzieritz bei Neustrelitz und Neubrandenburg erbeutet, wie die Polizei am Mittwoch mitteilte. 

Sie selbst schleppte sich hoch und bat um Hilfe

Konnte sie vorher schon schlecht laufen, hat sich ihre Lebensqualität nun weiter verschlechtert. Schmerzen würden mit Morphium gedämpft. Nicht einmal in der Wohnung könne sie mehr ohne Gehstock laufen. Und das seitdem auch nur gebückt. Die Auswirkungen sind gravierend: „Ich traue mich allein nicht mehr auf die Straße“, blickt sie zur Freundin Brunhilde Jarchow.

Vitali Weigum, Inhaber eines Tuning-Centers in Waren, stieß durch das Internet auf das Schicksal der Röbelerin. Er zeigte Herz und ermunterte zu einer Spendenaktion für sie. Über eine Woche lang sammelte er. Insgesamt 16 Leute haben 260 Euro zusammengetragen. „Gleichgültigkeit wird heute so groß geschrieben wie noch nie“, zeigte er sich erschrocken über das Vortäuschen und Fehlen von Hilfsbereitschaft. Spendenaktionen sind in der Region keine Seltenheit: So wurde einem sehbehinderten Mädchen aus Malchin eine Schalmei geschenkt und damit ein großer Traum erfüllt.

Junge Menschen rufen weder Arzt noch Polizei

Grausam war auch, dass – während Margitta Vandrey wohl eine Stunde am Fuße der Treppe mit Schmerzen lag – junge Menschen um sie herum gestanden haben sollen und jeder eine Ausrede fand, weshalb er weder Arzt noch Polizei rufen konnte. Allein, mit letzter Kraft, zog sie sich am Treppengeländer die 22 Stufen nach oben, wo sie einen Passanten ansprach und um Hilfe bat.

So etwas möchte sie nie wieder erleben. Den Glauben an das Gute im Menschen gab ihr Weigum wieder, sagt sie. Von dem Geld möchte sie sich nun ein Handy kaufen, um sich in Notfällen bemerkbar zu machen.

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