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Umzug ins Land der Termine

Lilian Sorogo und ihr Sohn Nathan. Seit er in der Kita ist, arbeitet sie vier Stunden die Woche in einem Bistro.  FOTO: Döbereiner

VonJörg DöbereinerVon der Müritz in die Fremde und „Fremde“ an der Müritz. Völlig verhagelt war Lilian Sorogos erste Begegnung mit Deutschland. ...

VonJörg Döbereiner

Von der Müritz in die Fremde und „Fremde“ an der Müritz. Völlig verhagelt war Lilian Sorogos erste Begegnung mit Deutschland. Trotzdem folgte die Tansanierin ihrem Mann nach Deutschland – und wohnt seit 2010 in Waren.

Waren.„Ich bin gleich da, war noch shoppen!“, ruft die Stimme aus dem Handy. Wenig später läuft Lilian Sorogo über den Neuen Markt in Waren. Türkise Schuhe, türkises Top, über der rechten Schulter baumelt die azurblaue Handtasche. Die Tansanierin fällt auf in Waren, nicht nur wegen ihrer farbenfrohen Kleidung: Bewohner mit dunkler Hautfarbe lassen sich in der Stadt an wenigen Händen abzählen.
„Come in“, sagt sie und öffnet die Wohnungstür im ersten Stock. Im Eingangsbereich steht neben anderem Kinderspielzeug ein rotes Bobby-Car. „Männer!“, sagt Lilian Sorogo und lacht hell auf. „Wenn Du einen Sohn hast...“ Nathan heißt ihrer. Er ist zwei Jahre alt und an diesem späten Nachmittag noch mit dem Papa unterwegs. Im Wohnzimmer, über der kräftig orangefarbenen Sofaecke, hängt neben tansanischer Tiermalerei das Hochzeitsbild: Lilian Sorogo im blütenweißen Brautkleid, neben ihr ein blonder junger Mann im hellen Frack. Hinter den beiden der indische Ozean vor der Küste Tansanias.
„Ich mache uns tansanischen Tee“, ruft Lilian Sorogo aus der Küche. Sie setzt den traditionellen Chai Masala auf: schwarzer Tee, verfeinert mit einer exotischen Gewürzmischung aus Sansibar. Lilian Sorogo serviert ihn in dem weiß-blauen DDR-Porzellan aus der Familie ihres Mannes. Wir trinken den Tee, wie er in Tansania getrunken wird, mit einem kräftigen Schuss Milch.
Lilian Sorogo erzählt. Bis zum Sommer 2006 glaubte sie, dass es in Deutschland zugehe wie in US-amerikanischen Fernsehserien: schöne Menschen in schöner Kleidung, die ihr Geld fast wie nebenbei verdienen. Dann flog sie zum ersten Mal nach Leipzig, um den blonden Mann zu besuchen, den sie kurz zuvor an der Universität in der tansanischen Hafenstadt Daressalam kennen gelernt hatte. Sie musste feststellen, dass alles anders war als gedacht: Am Tag ihrer Ankunft brach ein Hagelsturm los mit Körnern so groß wie Taubeneier. Mitten im Juni. „Ich dachte damals, das sei immer so“, erinnert sich die 31-Jährige und lacht über sich selbst.
Nach der Heirat zog Lilian Sorogo mit ihrem Mann nach Leipzig. Im Winter 2010 kam das Paar nach Waren. Auch wenn die deutschen Jahreszeiten einen ganz anderen Charakter haben als das tansanische Regenzeiten-Klima, besteht der größte Unterschied zwischen den Ländern für Lilian Sorogo nicht im Wetter. „Viele Leute sind hier verschlossen“, sagt sie und kreuzt die Arme über der Brust. „Es ist nicht einfach, jemanden kennenzulernen.“
Inzwischen sind Mann und Sohn nach Hause gekommen. Nathan turnt auf dem Schoß seiner Mutter. Sie zähmt ihn mit einem Stück Kuchen. Mit ihr redet Nathan Swahili, die Amtssprache von Tansania. Mit seinem Vater spricht er Deutsch. Zwischen den Eltern klingt es meist auf Swahili, auch wenn Lilian Sorogo Deutsch am Goethe-Institut gelernt hat. Sie spricht es fließend mit Akzent, schlittert manchmal nur für Halbsätze ins Englische.
„In Tansania“, erzählt sie, „war ich es gewohnt, die Zeit draußen mit Leuten zu verbringen. Oder spontan jemanden zu besuchen. Hier in Deutschland muss ich immer einen Termin machen, auch mit Freunden.“ Freunde hat Lilian Sorogo in der Warener St. Marien-Gemeinde gefunden. Jeden Sonntag geht sie hier in den Gottesdienst. „Der Glaube ist wichtig für mich“, sagt sie.
Nathan quengelt, er will ein zweites Stück Kuchen. Bei seiner Mutter versucht er es auf Swahili, beim Vater auf Deutsch. Seit er die Kita besucht, hat Lilian Sorogo mehr Zeit für sich. „Ich kann nicht den ganzen Tag zu Hause bleiben“, sagt sie, und erinnert sich an den vergangenen Winter, den langen, als sie mit Nathan in der Warener Wohnung saß und an ihre Familie im fernen Tansania dachte. Damals hat sie sich die Zeit vertrieben mit Shopping – und mit koreanischen Seifenopern aus dem Internet.
Kaum war Nathan in der Tagesbetreuung, hielt Lilian Sorogo Ausschau nach Arbeit. Jetzt kellnert sie vier Tage die Woche in einem Warener Bistro. „Die Arbeit macht viel Spaß“, meint sie. „Die Kollegen und die Chefin sind nett.“ Mit ihrem Uni-Abschluss in Soziologie hat der Job als Bedienung wenig zu tun.Kulturprojekte mit Jugendlichen, das wäre was. Aber in Waren? Es könnte Lilian Sorogos letzter Sommer an der Müritz werden. „Mein Kind ist groß genug zum Reisen“, sagt sie. Im Herbst schon könnte die Familie Waren verlassen. Was danach kommt, ist ungewiss.

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