Mitteilungen in Sozialen Netzwerken sollten mit Skepsis gelesen werden, mahnt die Polizei. Es könnte sich immerhin um fal
Mitteilungen in Sozialen Netzwerken sollten mit Skepsis gelesen werden, mahnt die Polizei. Es könnte sich immerhin um falsche Aussagen handeln. Und eine öffentliche Vorverurteilung könne als Straftat gewertet werden. Christin Klose
Polizei warnt

Verdächtigungen im Netz sind kein Kavaliersdelikt

Kratzer am Auto? Handy weg? Eine Betroffene an der Müritz ging in Sozialen Netzwerken auf die Suche nach dem möglichen Täter. Doch das ist keine gute Idee.
Waren

Plötzlich angeprangert: So erging es unter anderem einer Frau in den 40ern, die auf dem Warener Papenberg wohnt.Ihre Wohnanschrift sorgte im sozialen Netzwerk „Facebook“ für Aufmerksamkeit. Denn in ihrem Haus soll ein Handydieb leben – oder war es die Frau gar selbst? Von dem, was eine Facebook-Nutzerin am Abend zuvor im Internet veröffentlichte, bekam die Frau an jenem Abend zunächst nichts mit. „Anderntags wurde ich angesprochen, ob die Polizei schon bei uns im Haus war“, erzählte Eva A. (Name geändert) dem Nordkurier. Eva A., die ihren richtigen Namen nicht öffentlich nennen möchte, erfuhr von Bekannten, dass alle Bewohner in ihrem Mehrfamilienhaus im Internet sozusagen über Nacht pauschal einer Straftat bezichtigt worden waren.

Adresse im Internet angegeben

Eva A. geht das zu weit. Und nicht nur ihr. Auch der Seenplatte-Polizei. „Wer Hinweise zu Straftaten hat, sollte diese an die Polizei weitergeben. Dort sind sie am besten aufgehoben“, betonte der Pressesprecher der Neubrandenburger Polizeiinspektion Alexander Gombert.

Die Geschichte nahm ihren Anfang, als sich eine Facebook-Nutzerin an die Öffentlichkeit wandte, weil sie ihr Handy in einem Ladengeschäft verloren habe. Ein Offline-Tracking hatte dann angeblich „ausgespuckt“, wo sich ihr Telefon befinden soll. Die Adresse mit Straßennamen, Hausnummer und Google-Standort veröffentlichte sie im Internet – theoretisch für jeden lesbar. Die vermeintliche Täter-Adresse: die Karl-Bartels-Straße. Die Nutzerin verband ihre detektivischen Ergebnisse mit der Forderung, dass derjenige, der ihr Handy mitgenommen habe, dieses am nächsten Tag bei der Polizei abgeben soll. Ansonsten stünde an derAdresse ein Polizeibesuch ins Haus.

Zahl der Anzeigen gesunken

Die Warener Polizei wusste nichts von dem mutmaßlichen Diebstahl – muss sie auch nicht, denn ein Handydiebstahl gehört zu den sogenannten Antragsdelikten. Das heißt, die Behörden ermitteln nur, wenn der Anzeigenerstatter das auch wünscht. Handydiebstähle wurden seit 2018 immer weniger gemeldet. Gab es 2018 noch 128 der Polizei gemeldete Handydiebstähle, sank die Zahl 2020 auf 70. Das könnte auch an Maßnahmen wie im geschilderten Fall liegen, bei denen Besitzer selbst Initiative ergreifen.

Üble Nachredegilt als Straftat

Polizeisprecher Gombert hält es dennoch für bedenklich, dass Leute im Internet zunehmend pauschal verdächtigt werden. Theoretisch „wurde dadurch jeder Bewohner des Hauses in den Verdacht gerückt, eine Straftat begangen zu haben“, so der Polizeisprecher, der das angeprangerte Haus – ein fünfstöckiges Wohnhaus – aus seinem eigenen Polizeidienst gut kennt.

Einen offiziell bekannten Polizeibesuch wegen eines vermissten Handys hat es in diesem Haus in den letzten Tagen nachweislich nicht gegeben. Die zu Unrecht Beschuldigten könnten nun aber selbst die Ermittlungsbehörden bemühen. Der Polizeisprecher sieht nämlich mit Blick auf den Fall einen Anfangsverdacht für üble Nachrede gegeben. Das gilt als Straftat. Auch, „weil in der Meldung ein konkreter Personenkreis benannt wurde“, so Gombert, der auf die konkrete Anschrift samt Hausnummer verweist. Derartige Fälle können vermeintlich Geschädigte selbst auf die Anklagebank bringen. Das Gesetz sieht bei bestätigten Fällen Strafen von Geldbußen bis hin zu zwei Jahren Freiheitsstrafe vor.

Im Fundbüro abgegeben

Eva A. ist zwar wütend über die „Online-Hetze“, wird aber keine Anzeige erstatten. Stunden später war der Online-Post auch nicht mehr in seiner Ursprungsform zu finden. Die Nutzerin überschrieb ihn. Ihr Handy sei am Folgetag beim Fundbüro abgegeben worden. Von einem „ehrlichen Finder“. Das, was bis zum Redaktionsschluss am Dienstag noch im Internet stehen blieb, war eine Ansicht vom vermeintlichen Tracking-Standort.Nordkurier-Nachfragen zu dem Vorfall bei der Nutzerin blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Über die Stränge geschlagen

Auch Rechtsanwälte wie etwa Mark Lupschitz sehen in diesem Beispiel eine Grenzüberschreitung: „Mit so einer Veröffentlichung hat derjenige eindeutig über die Stränge geschlagen. Hier wäre der Weg frei für eine Unterlassungsklage“, bilanzierte der Berliner Anwalt, der beruflich des Öfteren an der Müritz zu tun hat.

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