Auf Wanderschaft
Von Frauen enttäuscht immer unterwegs

Auf geht`s wieder. Hermann Eichner schnallt sich sein Mörder-Gepäck über und zieht weiter.
Auf geht`s wieder. Hermann Eichner schnallt sich sein Mörder-Gepäck über und zieht weiter.
Thomas Beigang

Von Berlin über Mecklenburg und wieder runter bis nach Südtirol. Ein 64-jähriger Wanderer will bis zum Herbst 5000 Kilometer schaffen. Eigentlich ist seine Hüfte kaputt, aber das ist egal. Überhaupt ist vieles nicht mehr so wichtig für Hermann Eichner.

Da steht ein Tisch. Gott sei Dank. Hermann Eichner tritt an das hölzerne Möbel vor dem Dorfkonsum in Jabel, dreht sich um, geht langsam in die Knie und setzt seinen Rucksack auf. Dann löst er die Schultergurte und streift das Gepäck ab. Endlich. Hermann Eichner streckt sich, fast schwerelos. Immerhin – gute 25 Kilogramm wiegen Rucksack und Inhalt. Eine Mörder-Last.

Jetzt in Jabel sind schon wieder zwei Stunden rum, die Hermann Eichner unterwegs ist. Irgendwo bei Waren hat er kurz nach Sonnenaufgang sein Zelt abgebaut, die Iso-Matte zusammengerollt und den Schlafsack ausgeschüttelt. Dann ging‘s wieder los. Wie jeden Morgen seit dem 4. März. Vor zehn Tagen brach der 64-Jährige in Berlin auf und will irgendwann im Herbst in Südtirol ankommen. Aber – ist das nicht die falsche Richtung? Der kürzeste Weg sei nicht immer der beste, philosophiert Hermann Eichner.

Rund 5000 Kilometer zu Fuß

Außerdem – den Nordosten kannte er bislang noch gar nicht, er wandere jetzt westwärts durch Mecklenburg weiter bis nach Hamburg, von dort Richtung Emden und dann ab nach Süden.Durchs Ruhrgebiet, über den Rhein, dann biegt er wieder nach Osten ab, schreitet den Rennsteig ab, besucht Dresden und über Tschechien und Österreich winkt schon bald das Ziel Südtirol. Summa summarum rund 5000 Kilometer. Alles zu Fuß.

Was treibt jemanden an, solche Strapazen auf sich zu nehmen? „Strapazen?“, schüttelt Eichner mit dem Kopf und grinst. „Ich genieße das.“ Allein mit der Natur, den Eindrücken und den schmerzenden Füßen. Außerdem: Wenn er unterwegs ist, kann ihn niemand enttäuschen. So wie früher, damals noch als selbstständiger Elektromeister, als ihn Freunde abservierten, weil er kein Geld mehr hatte. Oder die Frauen. Die aus Berlin verließ ihn nach 20 Jahren und die Saarländerin, wegen der Eichner an die französische Grenze zog, sei auch verschwunden.

„Die Natur enttäuscht dich nie“, philosophiert der Wanderer weiter. Und er muss es wissen. Seit 30 Jahren wandert der 64-Jährige durch die Gegenden, früher ganz sortiert in einer Berliner Wandergruppe, später immer auf eigene Faust. Das war schon die Zeit, als Eichner sich noch als „Erster Weltbürger“ bezeichnete. 1987, zum 750. Jubiläum, machte er es dem „Eisernen Gustav“ nach und brach auf nach Paris. Allerdings nicht mit Ross und Wagen, sondern auf Schusters Rappen. Eine Tour sozusagen zum Warmmachen.

Auf zu den Olympischen Spielen

1988 ging er nach Brüssel, 1990, mit Unterstützung der Russischen Orthodoxen Kirche, von Berlin nach Moskau, ein Jahr später bis nach Ankara. Der Marsch in die Türkei war dem Fernsehen seinerzeit sogar eine Dokumentation wert. 1992 wanderte Eichner von Berlin nach Barcelona, um dort die Eröffnung der Olympischen Spiele zu erleben. Dann verließ ihn seine erste Frau und mit dem Wandern war es vorerst vorbei.

Jetzt läuft er wieder. Zeit hat er, sagt er, ohnehin. Schon vor 20 Jahren wegen verschiedener Leiden („die Hüfte“) erwerbsunfähig geschrieben, lebt Hermann Eichner von der Grundsicherung. Viel Geld braucht er nicht. Unterwegs schläft er im Zelt, Lebensmittel kauft er im Discounter und ab und zu gibt ihm eine mitleidige Seele einen aus. Besonders genossen hat er die Gastfreundschaft auf seinen Touren durch Osteuropa. „Überall wurde ich ins Haus gebeten.“ In Deutschland sei eine Tasse Kaffee, durchs Fenster gereicht, schon die Ausnahme.

Weiter geht‘s. Eichner schnallt sich sein Mörder-Gepäck wieder über. Erst am Mittwoch machte dem Mann wieder eine Blase am linken Fuß zu schaffen. Damit geht er mittlerweile ganz pragmatisch um. Einstechen, Pflaster rauf, fertig. „Sonst“, sagte der erfahrene Wandersmann, „macht dich die Blase fertig“.