HEIMATGESCHICHTE

Vor 85 Jahren loderten an der Müritz die Wälder

Rasend schnell breitete sich im Juli 1934 östlich der Müritz ein Feuer aus, das sich durch ein achtlos weggeworfenes Streichholz entzündet hatte. 1500 Hektar Wald standen damals zwischen Speck und Granzin in Flammen. Die Berichte der Augenzeugen klingen erschreckend.
Von Heike Sommer Von Heike Sommer
Die Schlagzeile des "Niederdeutschen Beobachters" vom 10. Juli 1934.
8a4fafc8bc87bbc599f581d906342770.jpg Repro: Heike Sommer
Auf dem ehemaligen Schießplatz bei Granzin schlagen nach und nach Bäume Wurzeln. Vor 85 Jahren vernichtete eine Feuerw
Auf dem ehemaligen Schießplatz bei Granzin schlagen nach und nach Bäume Wurzeln. Vor 85 Jahren vernichtete eine Feuerwalze hier den Kiefernwald, der nur zum Teil wieder aufgeforstet wurde. Foto: Heike Sommer Heike Sommer
Joachim Kobel vom Nationalparkamt
Joachim Kobel vom Nationalparkamt Heike Sommer
Die "telegraphische Meldung vom 8. Juli 1934 befasst sich vor allem mit dem Täter.
Die "telegraphische Meldung vom 8. Juli 1934 befasst sich vor allem mit dem Täter. Repro: Heike Sommer
So erinnerte unsere Zeitung am 25. Juni 1999 an den riesigen Waldbrand von 1934.
So erinnerte unsere Zeitung am 25. Juni 1999 an den riesigen Waldbrand von 1934.
Granzin.

Der jüngste Waldbrand auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen gilt laut Umweltminister Till Backhaus als einer der schlimmsten in der Geschichte des Landes. Doch fast auf den Tag genau vor 85 Jahren brauste eine gewaltige Feuerwalze durch die Wälder nordöstlich der Müritz. Auf dieses Ereignis machten nun einige Nordkurier-Leser aufmerksam und erinnerten an einen ausführlichen Bericht, der vor 20 Jahren in der Strelitzer Zeitung des Nordkurier erschienen war (siehe unten).

Darin hatte der pensionierte Forstbeamte Eduard Gorynia detailliert beschrieben, was damals geschehen war. Der heute 87-Jährige hatte zahlreiche Notizen von Förstern und Grundbesitzern sowie alte Zeitungsberichte zusammengetragen. „Ich war damals durch die Lokalredaktion dazu ermutigt worden, die in einer Serie Mecklenburg-Strelitz im 20.Jahrhundert beleuchtete“, erinnert sich Gorynia. Viele Jahre lag ein großer Teil der Akten zum Brand von 1934 – der in der Fachliteratur als „Großer Waldbrand an der Müritz“ bezeichnet wird – in der Oberförsterei Langhagen bei Prälank.

In dem Unglücksjahr hatte Oberförster Ludwig Dörbandt die Verantwortung für das Forstamt Langhagen. Der Mann hatte nicht nur ein Faible für den Wald sondern auch für das Wort, denn er wurde unter dem Namen Goede Gendrich als Schriftsteller bekannt. Ihm sind die ausführlichen Notizen zu dem Großbrand zu verdanken, die er selbst auch in literarischen Texten verarbeitet hatte.

Einer davon beginnt wie folgt: „Zwei Monate hatte es nicht geregnet. Auf den Feldern verdorrt das Getreide, auf den Kulturen vertrockneten die Fichten, Stangen- und Althölzer, von Spannern und Forleulen heimgesucht, litten unter der sengenden Dürre und schütteten ihre Nadeln auf den ausgedörrten Böden. Tag für Tag zog die Sonne ihre Bahn durch einen wolkenlosen Himmel, versengte die Erde, auf die einzig die Sorge noch ihren Schatten, einen bedrückenden Schatten warf.“ Das liest sich als würde er den Frühsommer 2019 schildern.

Beräumung und Aufforstung des zerstörten Waldes dauerte Jahre

Tatsächlich ähneln sich die Umstände, wie der Neustrelitzer Hobbymeteorologe Peter Stüve bestätigt. Laut ihm vorliegenden Wetterdaten lagen damals die Temperaturen von April bis Juli 1,5 bis 3 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel – allerdings war es lange nicht so heiß wie im Dürresommer 2018, als das Thermometer im gleichen Zeitraum bis 4,5 Grad Celsius über den Durchschnittswert kletterte und die Trockenheit bis Oktober anhielt.

Am 7. Juli 1934 reichte ein abgebranntes Streichholz, um eine riesige Feuersbrunst auszulösen. Am Tag der Katastrophe wehte ein starker bis steifer Nordwest-Wind, heißt es in den Darlegungen von Eduard Gorynia. „Das Feuer entstand auf einem Schafschwingelschlag des Gutes Kargow etwa 900 Meter nördlich der Waldgrenze. Etwa um 10.30 Uhr hatte ein Schäfer das zum Anstecken seiner Pfeife benutzte Streichholz achtlos weggeworfen. Die Grasstoppel fing sofort Feuer. Seine Versuche, das Feuer mit der Jacke auszudrücken, blieben erfolglos. Der Wind trieb die Flammen unheimlich schnell in einer Breite von 500 Metern in den Wald. Die verdorrte Bodenvegetation brannte sofort. An einem tiefbeasteten Waldmantel emporlodernd, entwickelte sich ein Kronenfeuer.“

In beängstigender Geschwindigkeit breitete sich das Feuer aus. Nach einer Stunde hatte es sich auf eine Seitenlänge von 2,5 Kilometern und eine Frontlänge von einem Kilometer ausgedehnt. Die alarmierten Wehren und Rettungskräfte aus Waren und Neustrelitz sowie vom Flugplatz Rechlin, der Reichswehr und dem Arbeitsdienst konnten wenig ausrichten und wegen der ungeheuren Hitze nur an den Flanken löschen. Nur dem Einsatz einer Motorspritze des Landkreises Stargard und der Neustrelitzer Feuerwehr war es zu verdanken, dass der Ort Speck nicht in Schutt und Asche versank. Um 15 Uhr hatte das Feuer die Grenze des Forstamtes Langhagen erreicht und bedrohte die Ortschaften Granzin, Granziner Mühle und Krienke. Die Feuerwalze war auf eine Breite von drei Kilometern angewachsen.

Flächen gehören seit der Wende zum Müritz-Nationalpark

Doch so rasch wie das Feuer, so rasch war auch die Rettungskette. Die Berliner Berufsfeuerwehr war mit Löschzügen per Eisenbahn nach Kratzeburg befördert worden und konnte die Orte vor dem Schlimmsten bewahren. „Heute wäre das per Bahn gar nicht mehr möglich“, vermutet Eduard Gorynia. Auch ein Artillerie-Regiment der Reichswehr aus Güstrow eilte zur Hilfe. Gegen 21 Uhr kam die Feuerwalze nördlich des Pagelsee zum Halten – auch dank des abflauenden Windes. Bis zum 24. Juli dauerten die Löscharbeiten. Allein durch die Reichsbahn wurden 13.000 Rettungskräfte in 43 Sonderzügen und 14 fahrplanmäßigen Zügen an den Unglücksort befördert. Auch Flugzeuge kamen damals zum Einsatz.

Das Feuer hatte 1500 Hektar Wald vernichtet. Die Beräumung und Aufforstung dauerten Jahre. Der Krieg unterbrach die Arbeiten. Danach übernahm die Rote Armee die verwüstete Fläche als Truppenübungsplatz. Seit der Wende gehören die nunmehr munitionsbelasteten Flächen zum Müritz-Nationalpark. Im Jahr 2013 wurde für das Gebiet ein Sondereinsatzplan für den Brandschutz und die Brandbekämpfung erarbeitet, fünf Jahre später wurde der Wald aus der Forstbewirtschaftung genommen und einer natürlichen Entwicklung überlassen.

„Das und der Umstand, dass hier viel Munition lagert, bringt besondere Herausforderungen mit sich“, sagt Joachim Kobel vom Nationalparkamt. Unter anderem wurden zusätzliche Löschwasserstellen in Speck und Schwarzenhof geschaffen, Waldwundstreifen angelegt. Das Konzept schreibt die Alarmierungskette vor, legt die Sammelplätze für die Rettungskräfte fest, beschreibt die Wasserzufuhr. „Das Hauptaugenmerk liegt darauf, dass kein Feuer von außerhalb auf den Wald überspringt und umgekehrt genauso“, sagt Kobel. Aus Sicht des Nationalparks sei es zudem wichtig, die Munitionsbelastung in Ortsnähe zu sondieren. „Dann könnte gegebenenfalls der Sicherheitsabstand von 1000 auf 500 Meter reduziert werden“, sagt Kobel.

 

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