In Waren an der Müritz (Foto von 1999) ging es beim ersten Weihnachten nach Kriegsende 1945 sehr karg zu.
In Waren an der Müritz (Foto von 1999) ging es beim ersten Weihnachten nach Kriegsende 1945 sehr karg zu. Bernd Wüstneck (dpa-Archiv)
Nachkriegs-Jahr 1945

Weihnachten ersungen – in der Kälte, ohne Geschenke

Waren 1945: Das erste Weihnachtsfest nach dem Krieg wurde karg begangen. Und doch erlebte Nordkurier-Leserin Eva Marie Gurske dort eine erfüllende Feier, die ihr Hoffnung schenkte.
Waren

Diese Geschichte stammt aus der Weihnachtsbeilage des Nordkurier, die am 24. Dezember 2021 der Druckauflage und dem E-Paper beliegt. Sie enthält zahlreiche Geschichten, in denen Nordkurier-Leser über ihre Weihnachts-Erlebnisse berichten. 

Eigentlich sollte dies eine Weihnachtsgeschichte werden, besinnlich und herzerwärmend. Aber die Notzeit, in der wir uns jetzt befinden, lenkt meine Gedanken immer wieder in eine andere Zeit großer Not in meinem Leben, in die auch ein Weihnachtsfest fiel. Ich muss davon erzählen.

Es gab nicht genug zu essen und zu heizen

Im Winter 1945 war meine Heimatstadt Waren total überfüllt. Viele Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten hatten dort Zuflucht gesucht und eine große Menge sowjetischer Soldaten hielt die Stadt besetzt.

Einen Stadtteil mit überwiegend kleinen Einfamilienhäusern, darunter auch unseres, hatten sie ganz in Beschlag genommen und die Bewohner daraus vertrieben. Die Bürger im Stadtinneren mussten ihre Wohnungen mit uns wie auch den Hinzugekommenen teilen. Wir wurden bei einer älteren Witwe am Markt ganz nahe dem Rathaus einquartiert.

Eine Typhusepidemie im Sommer hatte zahlreiche Todesopfer gefordert, nachdem schon viele Warener bei Kriegsende den Selbstmord als einzigen Ausweg für sich gesehen hatten.

Hunger, Kälte, Hoffnungslosigkeit

Nun, im beginnenden Winter, lagen Hunger, Kälte und Hoffnungslosigkeit wie eine dunkle Wolke über der Stadt. Deutsche Antifaschisten bemühten sich, wieder eine Verwaltung in Waren einzurichten. Mein Vater, gerade aus Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, war einer von ihnen.

Wir hatten Lebensmittelkarten erhalten, aber es war einfach nicht genug vorhanden. Einige Lebensmittelgeschäfte waren geöffnet und hatten sporadisch mal dies und jenes zu verteilen. Das sprach sich schnell herum, und nur die Ersten bekamen Mehl, Haferflocken oder Grütze. Eine Brotration war meistens zu haben, doch reichte sie nicht zum satt werden.

Im Herbst öffneten die Schulen wieder, allerdings nur zwei, die übrigen waren von Russen besetzt. In drei Schichten wurde unterrichtet. Wir Älteren kamen in die letzte und mussten nach Schulschluss schnell nach Hause laufen, denn ab 19 Uhr gab es kein elektrisches Licht mehr. Leider schlossen dann die Schulen von Januar bis ins Frühjahr wieder.

Ab und zu Briketts am Rathaus geklaut

Es fehlte das Heizmaterial und es wurde ein sehr kalter Winter. Das Rathaus hatte an einer Seite so etwas wie Arkaden. Unter ihrem Dach lagerte ein großer Berg Briketts. Ein Scheinwerfer umrundete mit einem breiten Lichtstrahl im Dunkeln ständig den Marktplatz.

Wenn er auf der anderen Seite war und auch kein Mensch in Sicht, rannten mein Bruder und ich an etlichen Abenden zu dem Briketthaufen, ergriffen schnell ein oder zwei Briketts und flitzten zurück ins Haus. So konnten wir doch ab und zu den Kachelofen im Zimmer heizen, das wir zu viert bewohnten. Die Dunkelheit vom frühen Abend an war oft schwer zu ertragen. Fernsehen gab es noch nicht, die Radios mussten abgeliefert werden. Es gab keine Kerzen zu kaufen, Taschenlampen und Batterien auch nicht.

Scheibe aus Flugzeugfrack spendete Licht

Mit Ratespielen und Geschichtenerzählen vertrieben wir uns die Zeit. Meistens gingen wir aber früh schlafen. Manchmal kam mein Klassenkamerad Hartmut. Er brachte ein Schachspiel mit, holte eine handtellergroße Plexiglasscherbe aus der Tasche und zündete sie in einer Schüssel auf dem Tisch an. Sie brannte ruhig und rauchlos vor sich hin und gab uns etwa eine Stunde lang so viel Licht, dass Hartmut mir das Schachspielen beibringen konnte.

An so manchen Abenden war das Spielen eine gute Beschäftigung, bis Hartmuts Plexiglasscherben aufgebraucht waren, die von einem Flugzeugwrack stammten. Nach dem Kalender weihnachtete es schon, aber nirgendwo war auch nur eine Spur oder ein Hinweis darauf zu entdecken. In jener Weihnachtszeit habe ich nicht einen einzigen Tannenzweig gesehen. In den Hauptstraßen prangten große Stalin-Bilder an Häusern und Stellagen. Quer über die Straßen waren rote Transparente mit kyrillischen Inschriften gespannt, oder sie hingen wie Fahnen von Häuserfronten herab und trugen auch Losungen auf Deutsch.

Dazu ertönten aus Lautsprechern russische Männerchöre und Marschmusik oder dröhnende Darbietungen mit Pauken und Trompeten. Das hörte oft bis in den späten Abend hinein nicht auf. -

Keine Geschenke, keine Kerzen, kein Tannenbaum

Auch in dieser Weihnachtszeit hatte kaum ein Geschäft geöffnet. Es gab nichts zu kaufen und zu verkaufen, dabei war der Mangel an warmer Kleidung und Schuhwerk riesig. So hatten ein Tauschgeschäft für Schuhe und eines für Bekleidung großen Zulauf. Meine Mutter ging, als es so kalt war, wochenlang nicht aus dem Haus, weil sie weder einen Mantel noch festes Schuhwerk hatte.

Unsere Wirtin, die früher Schneiderin gewesen war, nähte mir eine warme Jacke aus einem alten Mantel ihres verstorbenen Mannes. Die machte es mir möglich, vormittags in der Stadt auf die Jagd nach Essbarem zu gehen, was vielleicht irgendwo verkauft wurde, eine Wrucke, einen Kohlkopf oder gar Kartoffeln. Am 24. Dezember hatte ich das Glück, nach Anstehen beim Fleischer meine kleine blecherne Milchkanne mit Wurstbrühe vollzubekommen. Zu Hause wurden Kartoffeln hineingerieben und wir hatten ein Festessen zu Weihnachten.

Vater: Es geht euch besser als in Kriegs-Zeiten

Es wurde früh dunkel. Mein Vater hatte den Ofen geheizt und wir setzten uns in seine Nähe. Wir erzählten von früheren Weihnachtsfesten, von unseren Lieben, über deren Verbleib wir nichts wussten oder die im Krieg gefallen waren.

Mein Vater duldete aber nicht, dass wir uns über unsere jetzige Situation beklagten. Er meinte, wir hätten mehr Grund, dankbar zu sein. Dafür, dass der schreckliche Krieg, den Deutschland begonnen hatte, nun zu Ende war und wir überlebt hatten. Es gehe uns besser, als wir im Krieg andere Völker behandelt hätten. Wir hätten ein Dach über dem Kopf, es leidlich warm und zu essen. Sogar zur Schule könnten wir Kinder gehen. Man würde anfangen, ein besseres Deutschland aufzubauen, nachdem wir eine verbrecherische Herrschaft losgeworden waren. Ja, unser Vater hatte in allem Recht!

Ein kleines Weihnachtswunder im Herzen

Meine Mutter ging und bat unsere Wirtin zu uns herein. Es war dunkel, nur der um den Markt kreisende Scheinwerfer warf immer kurz einen warmen Lichtstrahl zu uns herein. Wir waren alle still geworden. Mein Vater begann leise: „Es begab sich aber zu der Zeit ...“ Und jeder von uns steuerte einen Satz, eine Zeile, ein paar Worte dazu bei, und gemeinsam vollendeten wir das Weihnachtsevangelium. Meine Mutter, die fein singen konnte, begann halblaut „Es ist ein Ros‘ entsprungen“. Wir anderen fielen ein, und es folgte ein Weihnachtslied nach dem andern.

Wir hatten keinerlei Süßigkeiten, Pfeffernüsse oder Stollen, weder Kerzen, Tannenbaum noch Geschenke. Es gab nichts dergleichen. Aber wir hatten uns Weihnachten ersungen. Unsere Herzen waren leicht geworden und voller Hoffnung. Und das nächste Weihnachten war wirklich schon viel besser .

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