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Was macht der Messerstecher von Silz?

Egon T. in Freiheit. Acht Monate schmorte der 66-Jährige hinter Gittern in der Neubrandenburger Justizvollzugsanstalt.
Egon T. in Freiheit. Acht Monate schmorte der 66-Jährige hinter Gittern in der Neubrandenburger Justizvollzugsanstalt.
Thomas Beigang

Seit sechs Tagen ist Egon T. wieder auf freiem Fuß. Acht Monate Untersuchungshaft liegen hinter dem 66-Jährigen, der auf Bewährung wieder draußen ist. Was der verurteilte Messerstecher mit seiner Zukunft anfangen will, weiß er allerdings noch nicht.

„Bitte noch einen Kaffee.“ Egon T. hält seine leere Tasse in die Höhe und erhält prompt nach geschenkt. Sein Gastgeber ist aufmerksam. Höflich bedankt sich der Durstige.

Umgangsformen wie diese hat der 66 Jahre alte Mann lange Zeit vermissen müssen. Acht Monate lang saß der Rentner hinter Gittern. Am 29. März hat er den Sohn seiner im gleichen Haus lebenden Nachbarin mit einem Küchenmesser in den Bauch gestochen, eine Notoperation rettete dem 31-Jährigen das Leben. In Tötungsabsicht, so die Staatsanwaltschaft, in Notwehr, so die Verteidiger. Am Mittwoch hat das Landgericht in Neubrandenburg das Urteil über Egon T. gefällt und verhängte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Über das Gerichtsverfahren will der Ex-Angeklagte nichts sagen, seine Anwälte, lässt er wissen, hätten ihm das verboten. Auch das Urteil bleibt unkommentiert. Nur soviel: Nicht alles in der Begründung sei richtig gewesen.

Egon T. ist wieder draußen. Allerdings nicht in seiner Wohnung in Silz, in die er einige Monate vor der blutigen Tat einzog und wo es ganz schnell zu Streitereien mit der Nachbarin gekommen ist. Er darf dort nicht mehr erscheinen, hat das Gericht angeordnet. Also muss sich der ältere Herr woanders einrichten. Ein Freund, derselbe, der ihn im vergangenen Jahr aus Rostock nach Silz lotste, gewährt Gastfreundschaft.

„Würden Sie Ihren Kopf in eine Mikrowelle stecken?“

Irgendwann jetzt, so planen die beiden Männer, müssten die Besitztümer des Verurteilten aus der alten Wohnung umziehen. Nur wohin? Konkrete Pläne hat der Rentner noch nicht geschmiedet. „Verschiedene Optionen“ gebe es, lässt er wissen. In den Süden Deutschlands vielleicht oder möglicherweise weiter weg in die Türkei. Auch dort, wie überall auf der Welt, gebe es Freunde, die ihn mit offenen Armen empfangen würden. Schließlich sei er nicht irgendwer, besitze mehrere Patente und forsche seit vielen Jahren unter anderem auf dem Gebiet der Mikrowellenstrahlung. „Würden Sie Ihren Kopf in eine Mikrowelle stecken?“, fragt er. Natürlich nicht! Egon T. lächelt wissend und nickt. Er aber habe dergleichen in der Haft erdulden müssen. In dem ehemaligen Stasi-Knast in der Viertorestadt sei er „auf Zelle“ eben bestrahlt worden. Nur weil er Bescheid weiß, habe er das einigermaßen unbeschadet überstehen können. Hilfreich seien ihm auch seine Kenntnisse über Stressursachen und Stressbewältigung gewesen, sich das harte Leben im Vollzug erträglich zu gestalten. Schnell habe er die Mechanismen in den unterschiedlichen Gruppen der Gefangenen durchschaut und sich zunutze gemacht. Am Ende sei er sogar ein „Regulator“ gewesen.

„Warum nur will man mich vernichten?“

Chancenlos hingegen musste er mitansehen und lesen, wie er in den Medien „nieder gemacht“ wurde. Alles sei dem Ziel untergeordnet gewesen, ihn zwangsweise in die Psychiatrie zu schicken. Was für ein Ansinnen! Er, ein Bekannter Putins und vieler anderer Mächtiger, der stets gegen die Manipulation des Geistes gekämpft habe. Ein „Wanderer zwischen den Welten“ sei er, dessen Vorbild schon immer der DDR-Forscher Manfred von Ardenne gewesen ist. „Warum nur will man mich vernichten?“, fragt er. Ganze sieben Mal habe er schon mit heimtückischen Krebserkrankungen kämpfen müssen und alle überstanden. „Weil ich weiß, wie Zellen aktiviert werden müssen.“

Sein Gastgeber im Nachbardorf, der dem Mann Obdach und Freundschaft gewährt, will beileibe keine Fristen setzen. Egon T., lässt er wissen, sei ein väterlicher Freund, der bleiben könne, so lange es ihm gefällt. Der Angesprochene lächelt. Er sei sehr dankbar, aber – natürlich – will er nicht länger bleiben als notwendig. Doch wohin? Auf keinen Fall zurück nach Rostock, dies wäre die letzte aller schlechten Varianten. Dort hätte er, der ehemalige Veterinäringenieur, dereinst Haus und Familie besessen, alles sei ihm von seinen Gegnern aber vernichtet worden.