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Wo vergessene Orte wieder lebendig werden

Vom einstigen Ort Ahrensfelde ist nicht mehr viel zu sehen, nur ein Schild kündet davon. Gespannt lauschen die Kinder um Klassenlehrerin Anke Quaschning den Ausführungen von Friedhart von Maltzahn (Zweiter von links), der viel über die alten Glashütten zu erzählen weiß; links Hartmut Lehmann, Bürgermeister der Gemeinde Lärz, der die Exkursion organisiert hat. Enders
Vom einstigen Ort Ahrensfelde ist nicht mehr viel zu sehen, nur ein Schild kündet davon. Gespannt lauschen die Kinder um Klassenlehrerin Anke Quaschning den Ausführungen von Friedhart von Maltzahn (Zweiter von links), der viel über die alten Glashütten zu erzählen weiß; links Hartmut Lehmann, Bürgermeister der Gemeinde Lärz, der die Exkursion organisiert hat. Enders
Elke Enders

Ahrensfelde ist nicht nur eine S-Bahn-Station in Berlin. Auch im Altkreis Müritz gibt es eine solche Siedlung. Zumindest gab es sie mal, wie die Spuren der Vergangenheit verraten.

Verwunschene Orte? Nicht ganz. Aber vergessen sind sie, jene Siedlungen am Südzipfel der Müritzregion, die in alten Kirchen-Schriften Erwähnung finden. Und manche scheinen wie vom Erdboden verschluckt, so wie Ahrensfelde am Ichlim (Gemeinde Lärz), unmittelbar an der Landesgrenze zu Brandenburg gelegen.  Hervorgegangen aus einer Glashütte, hatten sich hier vor rund 250 Jahren um die 150 Menschen angesiedelt. Eine Rechliner Grundschulklasse mit Lehrerin Anke Quaschning und Waltraud Burk als Begleitung begab sich jetzt auf Spurensuche.

Die Reise in die Vergangenheit beginnt am „Seehotel Ichlim“. Hier geht es hinein in den Wald, immer den Wanderpfad am Ufer des Langhagensees entlang. Eine idyllische Waldlandschaft mit hochgewachsenen Buchen, alten  Eichen, Holunderbüschen breitet sich vor einem aus. Knorriges Astwerk säumt den Weg. Die Kinder finden kleine Kröten, entdecken seltsame Pickel an Blättern, die den Gallwespen als Brutstätte dienen. Einer, der fachkundig ist und kindgerecht erzählen kann, ist Friedhart von Maltzahn vom „Forsthof Krümmel“, der die Drittklässler an diesem Tag begleitet – gemeinsam mit dem Lärzer Bürgermeister Hartmut Lehmann (CDU), der die Exkursion angeregt und organisiert hat.

Und die Kinder sind voller Erwartungsdrang. Schon Tage vorher hatten sie im Sachkundeunterricht von den vergessenen Orten gehört und auch erfahren, was es mit den Glashütten auf sich hat.  Ihre Hoffnung ist nun, dass sie noch Schlacke finden.  Im Wald, dort wo der Ofen stand, sollen derartige Steine noch zu Hauf liegen.  Friedhart von Maltzahn nutzt den Fußmarsch, den Mädchen und Jungen viel über die Bäume zu erzählen. „Bis eine kleine Eiche so groß ist, hunderte Jahre müssen vergehen“, zeigt er auf einen dicken Stamm und hält zum Vergleich ein zartes Pflänzchen.

­­­­Dann endlich ist der Ort erreicht, den eine neue Informationstafel der Gemeinde ziert. Darauf ist sie beschrieben, die Siedlung Ahrensfelde. Ganz in der Nähe hat die Glashütte gestanden.  Friedhart von Maltzahn holt weit aus: Vor 250 Jahren, „als es noch keine Zahnbürsten gab, kein Telefon, kein Auto...“. Auch damals sei an dieser Stelle schon Wald gewesen. Der Landbesitzer, die Familie von Ahrenstorff, erwog, eine Glashütte anzusiedeln.

Mit der Arbeit kamen die Menschen. In einem großen Behältnis wurde ein Baum nach dem anderen verheizt. Mit den Zutaten Quarzsand, Kalk  und Pottasche entstand schließlich eine Schmelzmasse, die zu Glas wurde. Die Bewohner der Siedlung mussten zur rechten Zeit – egal ob am Tage oder in der Nacht – herbeieilen und in die Röhrchen pusten,  auf dass sich die heiße Masse aufblähte und Flaschen daraus wurden. Mit Pferd und Wagen, aber auch mit dem Kahn auf dem Nebelsee, dem Langhagensee  oder Thralow verließen die hergestellten Glaskörper, verpackt in Stroh, die „Glashütte Kürmmel“.

Übrigens, sogar in Australien und Südamerika wurden Flaschen aus Mecklenburger Glashütten gefunden, wusste Friedhart von Maltzahn zu erzählen. Ein Stempel ins noch halbwegs flüssige Glas, der damals üblich war, lässt den Ursprungsort bei Funden nachweisen.  Nach gut 15 Jahren, die solche Glashütten in der Regel existierten, wurde der Standort gewechselt. Alle Bäume ringsum waren verheizt. Um 1746 wurde die Siedlung an der „Glashütte Krümmel“ in Ahrensfelde umbenannt – in Anlehnung an den Namen der Familie von Ahrenstorff und zu Ehren der hier geborenen beiden Töchter, wie es überliefert ist. Und noch heute werden bei der Waldbewirtschaftung Steine hochgepflügt, die von der Glasherstellung künden.

Die Drittklässler jedenfalls suchten fleißig nach solchen Zeugnissen der Vergangenheit. Ob das, was sie fanden und stolz in Händen hielten, tatsächlich Schlacke war, blieb offen. Die Zeit drängte: Das „Seehotel Ichlim“ hatte zum Bratwurstessen eingeladen. Und bald ging es mit dem „Kleinen Rechliner“-Bus zurück - satt, schlapp und voller Informationen.