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Zwei Geschichten, die beide stimmen könnten

VonThomas BeigangEine 48-jährige Frau aus der Müritzregion erhebt einen schweren Vorwurf: Sie ist vergewaltigt worden. Eine Tat, für die im Falle eines ...

VonThomas Beigang

Eine 48-jährige Frau aus der Müritzregion erhebt einen schweren Vorwurf: Sie ist vergewaltigt worden. Eine Tat, für die im Falle eines Schuldspruches nur eine Freiheitsstrafe in Betracht kommt.

Waren.Etwa die Hälfte aller Prozesse, in denen der Vorwurf der Vergewaltigung erhoben wird, enden mit Freisprüchen. Nicht, weil Richter und Schöffen in jedem dieser Fälle von der Unschuld der Angeklagten hundertprozentig überzeugt sind. Aber weil sie eben zum Ende der Verhandlungen auch nicht hundertprozentig von deren Schuld ausgehen wollen.
Am Amtsgericht in Waren haben der Vorsitzende Richter Michael Kasberg und seine beiden Schöffen die schwierige Frage zu klären, ob ein angeklagter Mann in der Nacht vom 9. zum 10. Oktober irgendwo im Wald zwischen Waren und Silz seine 48-jährige Begleiterin im Auto zum Oralsex zwang oder nicht. Sie sagt ja, er habe sie geohrfeigt, als sie sich weigerte und sie hätte schreckliche Angst vor dem Mann gehabt. „Ich dachte, der holt einen Knüppel aus dem Wald und schlägt mich auf den Kopf. Heute wünschte ich mir, er hätte das auch getan.“
Seine Version klingt ganz anders. Die Frau wäre bei seinem Cousin, der bei ihm wohnt, zu Besuch gewesen, beide hätten Sex miteinander gehabt und er sollte die Bekannte wieder nach Hause in ihr kleines Dorf fahren. Dies habe er, wenn auch nach anfänglichem Sträuben, dann doch getan. Passiert wäre gar nichts, absolut nichts. Warum die das behauptet, sei ihm das ganz große Rätsel. Vielmehr habe sie ihn zum Verkehr aufgefordert, dazu habe er aber keine Lust verspürt.
Ach was, sagt sie, schon in der Wohnung habe er was von ihr gewollt und dies auch mehrfach kundgetan. Warum aber, fragt der Richter die Frau, habe sie diese wichtige Sache in der polizeilichen Vernehmung ausgelassen? Keine Antwort.
Erst drei Wochen nach der mutmaßlichen Tat ist die bei der Polizei angezeigt worden. Nicht von ihr, sondern vom damaligen Freund, der, wie es hieß, nicht mehr mit ihr klar kam, weil sie mit dem Geschehen nicht mehr klar kommen wollte oder konnte. Mit männlichen Polizisten wollte sie nicht über die Sache sprechen, eine erfahrene Kriminalistin musste die Angelegenheit übernehmen. Aber – schon einen Tag später bat sie darum, die Anzeige wieder zurückzunehmen. Geht aber nicht. Bei einem so schwerwiegenden Verdacht ist die Staatsanwaltschaft verpflichtet zu ermitteln.
Der Leumund der Dame ist nicht der beste. Viele Männerbekanntschaften, die von ihr auch dort gepflegt werden, wo sie arbeitet: in einer Spielothek. Aber das muss egal sein. Auch wenn Tausend Mal Ja gesagt wird, schwächt das ein einziges Nein nicht ab.
Das Gericht und selbst die Staatsanwaltschaft hegen dennoch Zweifel. Richter Kasberg bringt das auf den Punkt. „Wir sagen nicht, dass Sie lügen. Auf keinen Fall. Aber beide Geschichten, die hier und heute erzählt wurden, können wahr sein. Und weil die Vergewaltigung nicht bewiesen werden kann, muss der Angeklagte frei gesprochen werden.“ Kaum gesagt, bricht der Mann vor Erleichterung in Tränen aus.

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