500 Seiten Islamkritik von Sarrazin

500 Seiten Islamkritik von Sarrazin
500 Seiten Islamkritik von Sarrazin
Michael Kappeler

Das Datum ist kein Zufall: Thilo Sarrazins neues Buch erscheint am 30. August. Auf den Tag genau acht Jahre nach seinem ersten und politisch höchst umstrittenen Bestseller „Deutschland schafft sich ab”.

Der Termin soll wohl auch ein Hinweis sein nach dem Motto: Seht her, ich habe schon damals Recht gehabt. Nun präsentiert der frühere Berliner SPD-Finanzsenator und Bundesbanker Sarrazin erneut Thesen, die zum Teil für heftige Kontroversen sorgen dürften. „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht”, lautet der aktuelle provokante Titel.

Darin schreibt Sarrazin, der Anteil der Muslime in Deutschland werde in den nächsten Jahrzehnten deutlich zunehmen. Gleichzeitig sorge der rückständige Islam, den die Mehrheit der Muslime praktiziere, dafür, dass es kaum gelungene Integration und zu wenig Deutschkenntnisse gebe. Die nachfolgenden Generationen der Muslime hätten im Durchschnitt eine schlechtere Schulbildung, wenig wirtschaftliche Erfolge und eine erhöhte Kriminalität. Zudem seien sie wenig aufgeschlossen für Demokratie und Gleichberechtigung.

Sarrazins Fazit: Die „religiös gefärbte kulturelle Andersartigkeit der Mehrheit der Muslime” und deren steigende Geburtenzahlen gefährdeten die offene Gesellschaft, Demokratie und den Wohlstand. Er fordert, die Einwanderung von Muslimen streng zu regulieren. Flüchtlinge müssten möglichst in der Nähe ihrer ursprünglichen Lebensgebiete versorgt werden. Die Ankunft von Flüchtlingen in Europa müsse verhindert werden, um Asylmissbrauch zu unterbinden. Boote im Mittelmeer sollten aus seiner Sicht an ihren Ausgangspunkt zurückgebracht werden. Illegale Einwanderer und in Deutschland abgelehnte Asylbewerber will Sarrazin „unverzüglich und ausnahmslos” abschieben.

Unabhängig von politischen Bewertungen fallen in dem umfangreichen Text mit zahllosen Zitaten und Quellenangaben immer wieder Verallgemeinerungen, Übertreibungen und Unstimmigkeiten auf. So heißt es: „In großen Teilen der muslimischen Welt werden die jungen Mädchen beschnitten” und «Überall in der islamischen Welt können Frauen ihr Kopftuch nicht ablegen, ohne in höchste Gefahr zu geraten”. Experten widersprechen da vehement, weil Beschneidungen vor allem in bestimmten afrikanischen Ländern ein großes Problem sind und Kopftücher keineswegs überall die Regel.

Über Berlin-Neukölln schreibt Sarrazin, „die achtjährigen Mädchen in der Schule” wüssten bereits oft, welchen Vetter sie einmal heiraten werden. Freibäder würden „immer wieder (...) von Jugendlichen und jungen Männern türkischer und arabischer Herkunft terrorisiert”. Die Probleme in den Freibädern sind tatsächlich eher Einzelfälle, und auch nicht alle achtjährigen Mädchen in Neukölln sind von Zwangs- und Verwandtenehen bedroht. Schulessen ohne Schweinefleisch setzt Sarrazin mit dem im Islam vorgeschriebenen Essen nach den „halal”-Vorschriften gleich. Deckungsgleich ist das allerdings nicht.

Insgesamt wählt Sarrazin bei seinen Prognosen vor allem die schlimmstmögliche Variante. Wie weit das Leben in westlichen Gesellschaften Einwanderer verändert und zur Anpassung an die Moderne bringt, weiß niemand genau und lässt sich für die nächsten Jahrzehnte schwer vorhersagen. Schon vor dem Erscheinen des Buches meldeten sich Kritiker, die Sarrazin heftig widersprachen.

Sarrazins Ex-Verleger Thomas Rathnow (Verlagsgruppe Random House) begründete in der „Zeit”, warum er das Buch nicht herausbringt: Der Autor argumentiere „schwach” und entwerfe ein Bild des Islams, das „einer Geißel der Menschheit gleichkommt”. Auch werde „jemandem mit einer korangeprägten Mentalität (...) kaum eine individuelle Entfaltung zugestanden”. Rathnow sagte, er habe zudem in der politisch aufgeladenen Stimmung die Gefahr gesehen, dass „antimuslimische Ressentiments verstärkt werden”.

Die Berliner Grünen warfen Sarrazin vor, die Gesellschaft zu spalten und Gewaltausbrüche anzuheizen. „Wer pauschal gegen einzelne Religionen hetzt, legt damit den Grundstein für rechtsextreme Gewalt und ist damit Teil des Problems.” Der Landesvorsitzende Werner Graf erklärte: „Für Thilo Sarrazin ist der Islam an allem schuld. Das ist nicht nur diskriminierend, sondern völlig ignorant.” Sarrazin liefere „einen Brandbeschleuniger für Hass und Gewalt”.

Einige SPD-Politiker hatten bereits angekündigt, nach Erscheinen des Buches erneut Sarrazins Parteimitgliedschaft zu prüfen. Zwei frühere Versuche waren trotz diskriminierender Bemerkungen Sarrazins über „Kopftuchmädchen” gescheitert.

Die wichtigsten Behauptungen aus Sarrazins 496 Seiten Text und Anhang lauten im Detail:

- Der Islam behindere in seiner bei der Mehrheit der Muslime praktizierten konservativen Ausrichtung freiheitliches Denken, Gleichberechtigung, Geburtenkontrolle, wirtschaftlichen Erfolg und Integration. Liberale Muslime seien eine „winzige, hoffnungslose Minderheit”. Daher seien die islamischen Staaten im Durchschnitt rückständig im Vergleich mit der westlichen Welt in Bezug auf Wirtschaft, Bildung, Kultur und Demokratie.

- Gleichzeitig wiesen sowohl muslimische Staaten als auch die muslimischen Gruppen in Europa ein überdurchschnittliches Bevölkerungswachstum auf. Muslime stellten zudem einen Großteil der aktuellen Einwanderer nach Europa.

- Der Anteil der muslimischen Bevölkerung in Europa und Deutschland werde daher in den nächsten Jahrzehnten weiter deutlich steigen, argumentiert Sarrazin. Er greift dafür auf aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes zurück: Rund 8 Prozent der 83 Millionen Menschen in Deutschland stammen demnach aus vorwiegend islamischen Ländern. Tendenz steigend: Bei den Kindern unter fünf Jahren ist der Anteil demzufolge bereits bei knapp 15 Prozent. „Im Durchschnitt werden 2050 14 Prozent aller Europäer Muslime sein, in Deutschland wird der Anteil bei knapp 20 Prozent liegen”, schreibt Sarrazin.

- Wegen der Größe muslimischer Gruppen, der Abschottungstendenzen, der Rückständigkeit und der Intoleranz des konservativen Islams gelinge die Integration schlechter als bei anderen Gruppen wie Osteuropäern und Asiaten.