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Ärger über Alleingang - Dänemark lässt Flüchtlinge ziehen

Ärger über Alleingang - Dänemark lässt Flüchtlinge ziehen
Ärger über Alleingang - Dänemark lässt Flüchtlinge ziehen
Christian Charisius

Es wirkt wie die Ruhe nach dem Sturm. Am Morgen danach herrscht am Bahnhof von Padborg im Süden Dänemarks eine fast gespenstische Stille.

Zahlreiche Transporter der dänischen Polizei stehen rund um das Gebäude, Dutzende Beamte in dunkelblauen Uniformen haben sich an den Gleisen postiert. Doch Flüchtlinge? Fehlanzeige. Als am frühen Donnerstagmorgen ein erster Zug aus Flensburg mit Flüchtlingen an Bord ankommt, lassen die Polizisten ihn Richtung Norden passieren.

Weil die Züge wieder rollen, ist im Grenzort Padborg Ruhe eingekehrt. Am Mittwoch war die Situation kurzzeitig außer Kontrolle geraten: Die Polizei stoppte den Zugverkehr zwischen Deutschland und Dänemark angesichts Hunderter ankommender Flüchtlinge, die Grenzen für Züge waren dicht. Mehrere hundert der Ankömmlinge liefen von Padborg aus über die Autobahn E45 Richtung Norden. Ihr Ziel: Schweden. Bis in den Abend war die Autobahn voll gesperrt.

Am Donnerstag ist von alldem nichts mehr zu bemerken: Die Autobahn Richtung Norden ist wieder frei, der Verkehr fließt. Auch der Flensburger Bahnhof - dort waren viele Flüchtlinge gestrandet - leert sich am Vormittag. War also alles nur ein kurzer Spuk?

Politische Auswirkungen jedenfalls hat die dänische Entscheidung zum Zwangsstopp des Reiseverkehrs - denn sie fällt mitten in eine entscheidende Phase der Meinungsbildung: An diesem Montag treffen sich die EU-Innenminister, es geht um die Verteilung von Flüchtlingen. Scheitert das Treffen, dürfte es einen Sondergipfel geben.

Politiker aus Schleswig-Holstein kritisieren das Verhalten ihres Nachbarn Dänemark - umgekehrt kommt von dort auch Kritik an Deutschland. Der Chef der dänischen Rechtspopulisten, Kristian Thulesen Dahl, erklärt: «Das war Deutschlands Entscheidung, seine Grenzen für Tausende von Flüchtlingen und Migranten zu öffnen. Deshalb muss Deutschland sie auch entgegennehmen, wenn Dänemark sie zurückschickt.»

Die Rechtspopulisten treibt die freie Weiterreise der Flüchtlinge zur Weißglut. Er habe schon vor Tagen gewarnt, dass es in Dänemark keine «Wild-West-Zustände» geben dürfe - mit Menschen, die auf Autobahnen herumliefen, sagt Dahl. «Wenn Menschen nach Dänemark kommen, können sie entweder Asyl beantragen, wenn sie das wollen. Wenn sie das nicht wollen, müssen sie zurück in das Land, aus dem sie kommen.» Die populäre Dansk Folkeparti (DF) ist nach den Sozialdemokraten stärkste Partei im Parlament und Architektin der strengen dänischen Ausländerpolitik.

Dänemark hatte die Hilfen für anerkannte Flüchtlinge zum 1. September zum Teil um die Hälfte gekürzt - mit dem Ziel, Asylbewerber fernzuhalten. Dennoch zeigt sich der dänische Regierungschef Lars Løkke Rasmussen überrascht, dass nicht mehr Flüchtlinge in Dänemark bleiben wollen. «Wenn man vor Krieg und Auseinandersetzung geflohen ist und nach Dänemark kommt, glaubt man doch, dass man hier ein Land findet, dass sicher und ein gutes Land zum Leben ist.»

Von den rund 3200 Menschen, die seit Sonntag in Dänemark angekommen seien, hätten rund 670 Asyl in Dänemark gesucht, sagt Løkke Rasmussen. Die meisten wollten weiter nach Schweden, weil sie dort auf bessere Bedingungen für Asylbewerber hoffen. Weil sie sich in Dänemark nicht registrieren lassen wollten, hatten sich viele tagelang geweigert, aus den Zügen auszusteigen, mit denen sie aus Deutschland gekommen waren.

Kritik daran, dass die Regierung nur zusehe und keinen richtigen Plan habe, gibt es auch von der dänischen Polizeigewerkschaft. Die Polizei hatte am späten Mittwochabend auf eigene Faust beschlossen, die Flüchtlinge weiterreisen zu lassen.

Auf der Fährverbindung nach Dänemark über Puttgarden dagegen sind auch am Donnerstag zunächst keine verschifften Züge unterwegs. Am Fähranleger in der dänischen Hafenstadt Rødby warten viele Menschen vergeblich auf die Ankunft neuer Flüchtlinge. Dutzende Freiwillige stehen stundenlang in der Sonne, unter ihnen sind Dänen, aber auch Schweden und Norweger. Sie haben in ihren Autos in den vergangenen Tagen mehrere hundert Migranten zur Grenze nach Schweden mitgenommen.

«Wir wissen immer noch nicht genau, ob wir uns damit jetzt strafbar gemacht haben», sagt einer von ihnen, ein fülliger Kerl mit kurz geschorenen Haaren. «Wir wollen ja nur helfen. Manchmal kann man sich schon für sein Land schämen.» Ein junger Mann mit einer Baseballkappe meint: «Dänemark ist in vielen Sachen gut, aber nicht, wenn es darum geht, wie man Menschen behandelt, die hier ankommen.»

Hunderte Migranten sind unterdessen über Kopenhagen im schwedischen Malmö angekommen. Am Hauptbahnhof kümmert sich das Rote Kreuz um die Ankömmlinge, Freiwillige verteilen Plastiktüten mit Essen und Wasserflaschen. Viele kommen aus Afghanistan oder dem Irak, sie wollen weiter nach Stockholm oder Finnland. Aber sie sind erleichtert, es nach Schweden geschafft zu haben.

«Wir sind seit zwei Monaten unterwegs», erzählt Mehrad Udin, der mit seinem Freund Whaid Nazary vor dem Krieg in Afghanistan geflohen ist. Ihr Ziel ist die schwedische Hauptstadt. Dort wollen sie einen Job finden und irgendwann ihre Familie nachholen. «Wir haben Freunde dort» - dieses Argument zieht in diesen Tagen viele der Flüchtlinge in den Norden.

Dafür haben auch Udin und Nazary die lange Reise durch den Iran, die Türkei, Griechenland, Serbien, Ungarn, Österreich und Deutschland auf sich genommen. Gegen Mittag waren die beiden 27-Jährigen mit dem Zug durch Padborg gerollt. Als Polizisten bei der Grenzkontrolle auf sie zukamen, hatte sie das kurz unruhig gemacht. «Aber wir hatten totales Glück - wir haben ihnen gesagt, dass wir nicht bleiben wollen, und konnten weiterfahren.»