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Allein in den Katakomben des Cuvilliés-Theaters

Allein in den Katakomben des Cuvilliés-Theaters
Allein in den Katakomben des Cuvilliés-Theaters
Thomas Dashuber

Das Licht ist schwach und flackert. Wem die Stimme gehört, die aus dem Kopfhörer schallt, ist unbekannt. Unter den Schuhen knirscht das graue Geröll. Plötzlich, am Ende des Gewölbes, taucht eine dunkle Gestalt auf, die sich nähert - ganz langsam.

Ein mehr als ungewöhnliches Theaterprojekt entführt die Zuschauer in die dunklen Katakomben des Münchner Cuvilliés-Theaters: «Eurydice :: Noir Désir - Eine tödliche Liebe», das am Donnerstagabend uraufgeführt wurde, erzählt die Geschichte der französischen Schauspielerin Marie Trintignant. Sie wurde vor zehn Jahren von ihrem Geliebten Bertrand Cantat, dem Frontmann der Band Noir Désir (daher der Titel des Stücks), aus Eifersucht so schwer verletzt, dass sie später im Krankenhaus starb. Das Ende des schillernden Traumpaares, das der damalige Präsident Jacques Chirac als «Ungerechtigkeit eines brutalen Schicksalsschlages» bezeichnete, versetzte dem Land einen Schock.

Doch es ist nicht (nur) diese Geschichte, die die Inszenierung in München spektakulär macht. Es ist vor allem die Art des Erzählens, die dafür sorgen dürfte, dass der Zuschauer diesen Theaterabend nicht so schnell vergisst. Der in München geborene Theatermacher Bernhard Mikeska inszeniert die Tragödie als ganz besondere Variante des Mythos' von Orpheus und Eurydike. Und wie Orpheus steigt auch der Zuschauer hinab in die Unterwelt, in die Gemäuer unter der Münchner Residenz. Immer wieder sagt eine Stimme: «Sieh dich nicht um.»

Mikeska bricht in seiner Produktion für das Residenztheater mit allen herkömmlichen Rezeptionsgewohnheiten und löst das Publikum auf. Jeden Zuschauer schleust er einzeln und im 12-Minuten-Takt durch die Szenen. Der Theaterbesucher, der es sich sonst auf seinem Sitz gemütlich machen und in der Menge untergehen kann, hat keine Chance, sich zu verstecken.

Mit einem Köpfhörer, aus dem die Anweisungen kommen, ausgestattet, bewegt sich jeder Zuschauer ganz allein durch das Stationendrama. In einem Badezimmer trifft er auf die derangierte Marie (Hanna Scheibe), die sich auf dem Boden wälzt und von ihrer Nacht erzählt, in der sie mit einem Fremden tanzte. Dann geht es in die gotischen Gewölbe mit schwachem, flackerndem Licht. In einem zweiten Bad wartet Cantat (Guntram Brattia) - eifersüchtig und aggressiv.

Der Zuschauer ist es, der dabei zur Zielscheibe wird für die einseitigen Dialoge, die zusammen so etwas wie ein Ganzes ergeben. Ob er noch Zuschauer ist, wenn er den Schauspielern (neben Scheibe und Brattia sind das noch Sibylle Canonica und Valery Tscheplanowa) ganz allein, hautnah und Aug in Aug gegenübersteht, oder schon Teil der Inszenierung, das verwischt. «Man weiß echt nicht, ob man nun mitmachen soll», schrieb ein Besucher ins Gästebuch, das den Schauspielern, die bei diesem Stück auf Publikumsapplaus verzichten müssen, Reaktionen übermitteln soll.

Bemerkenswert, wie wenig sich die durchweg hervorragenden Akteure von der ungewöhnlichen Spielart, von der ungewohnten Nähe zum Zuschauer, aus dem Konzept bringen lassen - weniger vermutlich als der Zuschauer, dem Mikeskas Projekt einiges abverlangt. «Teilweise beängstigend intensiv», schrieb ein anderer Besucher ins Gästebuch. «Das ist der Hammer!», schrieb ein anderer. Oder: «Es ist ein Erlebnis wie in Trance.»