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Analyse: Alle denken an den Tag danach

Wer wird diesmal die Wahl in Griechenland gewinnen? Der Linke Alexis Tsipras oder der Konservative Evangelos Meimarakis? Die griechische Presse beschäftigte sich schon am Wochenende mit dem «Tag danach»:

«Das schwierige Puzzle der Kooperationen (nach den Wahlen)», titelte in ihrer Wochenendausgabe die konservative Zeitung «Kathimerini». Viele Wähler sehen das ähnlich: «Mir ist egal, welcher der beiden (Tsipras oder Meimarakis) rankommt. Wichtig ist, wir kriegen endlich eine Regierung, die regiert und nicht nur taktiert», sagt Foivos Fanartzis in der Athener Vorstadt Neon Iraklion kurz vor der Stimmabgabe am Sonntag.

Die neue Regierung - egal welche - muss schon im Oktober die Sparmaßnahmen und Privatisierungen durchsetzen, denen das letzte Parlament zugestimmt hatte. Anderenfalls wird bald wieder kein Geld nach Athen fließen. Tsipras Partei Syriza und die Konservativen hatten im August zusammen mit anderen kleineren Parteien das neue Hilfsprogramm gebilligt.

Alexis Tsipras hat bislang viel taktiert. Am 25. Januar gewann er die vorgezogenen Wahlen und bildete eine «unheilige» Koalitionsregierung mit den Rechtspopulisten der Unabhängigen Griechen. Er verhandelte monatelang; zögerte alle Entscheidungen hinaus in der Hoffnung, die Gläubiger würden ihm entgegenkommen. Das Ziel: Ein entschärftes Sparprogramm, damit sein an der strategischen Nahtstelle zwischen dem Westen Europas und dem Nahen Osten liegendes Land nicht weiter destabilisiert wird.

Als die Gläubiger auf ihren harten Sparanforderungen beharrten, setzte Tsipras ein Referendum an. Die Griechen sagten «Nein», sie wollen kein Sparprogramm mehr. Kehrtwende Tsipras': Er stimmte einem noch härteren Sparprogramm zu. Damit das Land nicht eine Katastrophe erlebt, begründete er seine Entscheidung. Als der linke Syriza-Flügel rebellierte und sich abspaltete, taktierte Tsipras wieder. Er trat zurück und provozierte damit die vorgezogene Wahl.

Nun wird in Athen gerätselt, wie eine neue Koalition aussehen könnte. Tsipras selbst möchte gern weiter mit den Rechtspopulisten arbeiten. Möglich wäre auch eine Koalition mit den Sozialisten oder der Partei der politischen Mitte To Potami. Sollten die Konservativen gewinnen, gilt eine Kooperation mit diesen beiden kleineren Parteien als fast sicher. Meimarakis plädiert sogar für eine breitere Koalition - auch mit Syriza. Dem Land stehen schwierige Zeiten bevor.    

Die 55 Jahre alte Bäckerin Lily Sarafi machte sich am Sonntag Sorgen um die rechtsextremistische Partei Goldene Morgenröte. Sie wollte eine der kleineren Parteien wählen, damit die rassistische Partei nicht dritte Kraft im Parlament wird, wie es einige Umfragen vorhergesagt haben. «Ich will die Migranten hier nicht haben», wirft dagegen ein Wähler ein, der in einer Schule im Athener Stadtteil Kato Patissia seine Stimme abgibt.

Die Auszählung der Stimmen wurde allerorten mit Spannung erwartet. Schon am Montag solle der Chef der stärksten Partei ein Sondierungsmandat vom Staatspräsidenten Prokopis Pavlopoulos bekommen. Gesucht wird ein Partner für eine stabile Regierung. Scheitert dies, bekommt der Chef der zweitstärksten Partei das Mandat. Gibt es auch dann kein Ergebnis, wäre die drittstärkste Kraft dran.

Scheitern diese Bemühungen, muss laut Verfassung binnen 30 Tagen erneut gewählt werden - «das schlimmste Szenario», wie alle griechischen Zeitungen am Sonntag kommentierten.