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Analyse: Merkel und Steinbrück im Duell der Abgrenzung

Peer Steinbrück weiß, dass er keine Zeit zu verlieren hat, soll es noch was werden mit seiner Kanzlerschaft. Also fordert er gleich zum Anfang des Fernsehduells mit Blick auf die Dame neben ihm die Bürger auf: «Lassen Sie sich nicht einlullen.»

Er sieht Deutschland im Stillstand, Kanzlerin Angela Merkel hangele sich von einem ergebnislosen Gipfel zum anderen.

Um 20.34 Uhr kommt es zu einem Novum in diesem Wahlkampf: Erstmals nimmt die CDU-Chefin Merkel (59) den Namen ihres SPD-Herausforderers (66) in den Mund. Ob Sie Mitleid habe mit ihrem früheren Finanzminister angesichts seines bisherigen Wahlkampfes, wird Merkel von RTL-Moderator Peter Kloeppel gefragt: «Nein, das hat Peer Steinbrück doch wirklich nicht nötig, dass er mir leidtut.»

Es entwickelt sich eine Auseinandersetzung, in der gerade Steinbrück versucht klarzumachen, dass es sehr wohl Unterschiede gebe zwischen Union und SPD. Er preist sich als Politiker mit «Kompassweisung», Merkel wirft er eine Politik des «Ungefähren» und «vier Jahre schwarz-gelben Kreisverkehr» vor. Er will ein Reformpaket mit einem gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde. Ferner will er mit höherer Besteuerung von Spitzenverdienern mehr Geld in Kitas und Schulen zu pumpen.

Merkel will dagegen regional- und branchenspezifische Lohnuntergrenzen - verhandelt von den Tarifpartnern und nicht vom Gesetzgeber bundesweit verordnet. Steuererhöhungen lehnt sie ab. Sie verweist auf die gute wirtschaftliche Lage Deutschlands und die niedrige Arbeitslosigkeit. Auch deshalb sehen Demoskopen bisher kaum Wechselstimmung. Immer wieder weicht Merkel Festlegungen aus, etwa bei der Pkw-Maut. Als Steinbrück auf «Klartext» hierzu pocht, macht sie schließlich klar: «Mit mir wird es eine Maut für Autofahrer nicht geben.» Das dürfte CSU-Chef Horst Seehofer nicht gerne hören.

Als ProSieben-Moderator Stefan Raab, Merkel fragt, ob bei ihr im «Wahl-o-Mat» wegen ihrer vielen Richtungswechsel nicht womöglich die SPD als Ergebnis herauskommen könne, betont Merkel: «Ich glaube, dass da gut CDU rauskommen kann.» Raab agiert recht forsch und fällt Merkel immer wieder ins Wort, worauf sie ihn ermahnt: «Darf ich noch zu Ende reden.»» Der Entertainer durfte erstmals das Duell mitmoderieren, neben Kloeppel, Maybrit Illner (ZDF) und Anne Will(ARD).

Rund 200 Merkel-Anhänger hatten Steinbrück bei seiner Ankunft um 19.21 Uhr mit «Du kannst nach Hause gehen»-Sprechchören zu demotivieren versucht - während sie Merkel mit «Angie»-Rufen begrüßten. Einige Jusos versuchten mit «Klartext gewinnt»-Schildern dagegenzuhalten. Schon zwei Stunden vor dem Duell waren viele Promis und Politiker in Berlin-Adlershof eingetroffen - in einer großen Halle neben dem TV-Aufnahmestudio loteten sie die Chancen aus und versuchten, für ihre Kandidaten Überzeugungsarbeit zu leisten.

So ein Ereignis ist immer auch der Moment der «Spindoktoren». Im SPD-Lager wird auf Steinbrücks rhetorisches Talent verwiesen. Er sei im Angriffsmodus, heißt es. Das Duell wurde im Vorfeld zu seiner letzten Chance aufgeladen. Schließlich dümpelt die SPD in Umfragen bei 22 bis 25 Prozent, während die Union auf rund 40 Prozent kommt. Bei der CDU setzen die Anhänger alles darauf, dass Merkel in der ihr bekannten Weise Steinbrücks Attacken an sich abperlen lässt.

Steinbrücks Ansatz war es, Merkels Politikstil zu demaskieren - aber nicht zu offensiv, um nicht arrogant rüberzukommen. Bloß keine Pannen vor einem Millionenpublikum, lautete die Devise. Seit Wochen haben die Christdemokratin und der Sozialdemokrat fast täglich mehrere Wahlkampfauftritte. Ein Duell im Fernsehen ist aber mit keinem Marktplatz zu vergleichen. Sie stehen nicht vor ein paar Tausend Leuten - sie sprechen zu vielen Millionen Menschen. Da kommt es auf jedes Wort und jede Geste an.

Was bringt so ein Duell? 2005 hätten sich nach dem Duell zwischen der damaligen CDU-Herausforderin Merkel und Kanzler Gerhard Schröder (SPD) 2,9 Millionen bis dahin Unentschlossene entschieden, doch SPD zu wählen, sagt der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner. «Das entsprach einem Plus von 3,7 Prozent für die SPD.» Schröder führte angesichts desaströser Umfragewerte für seine rot-grüne Koalition damals einen knallharten Wahlkampf. Er gewann das Duell klar. Allerdings: Er verlor die Wahl - wenn auch knapp. Deutschland bekam mit Angela Merkel die erste Kanzlerin.

Vor der Bundestagswahl 2009 ging das TV-Rennen zwischen Merkel und ihrem SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier ohne klaren Sieger aus. Laut Demoskopen gab es kaum einen Effekt. Merkel blieb Kanzlerin und konnte ihre Wunschkoalition mit der FDP bilden. 2013 sind bisher viele Wähler unentschlossen, ob und wen sie wählen. Daher kann dieses Duell durchaus eine Entscheidungshilfe gewesen sein.