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Analyse: Aufschwung ohne Ende?

Die deutsche Wirtschaft scheint derzeit nicht zu bremsen. Grexit-Debatte? Ukraine-Krise? Deflations-Sorgen? Europas größte Volkswirtschaft zeigt sich unbeeindruckt. Das Schlussquartal 2014 fiel mit 0,7 Prozent Wachstum so stark aus, dass gestandene Volkswirte sich zu Jubelstürmen hinreißen lassen.

Sie sehen ein weiteres Jahr mit kräftigem Konjunkturplus vor Deutschland. Auch an der Börse ist die Stimmung prächtig: Der Dax knackte erstmals in seiner 27-jährigen Geschichte die Marke von 11 000 Punkten. Doch die Feierlaune ist nicht ungetrübt.

«Unsere konjunkturellen Bauchschmerzen halten an», schreibt Alexander Krüger, Chefvolkswirt des Bankhauses Lampe. Die jüngsten Signale zu einer Befriedung des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine beruhigten nicht. «Die geopolitische Unsicherheit bleibt damit deutlich höher als sonst, das Konjunkturumfeld ist nicht normal», meint Krüger. «Dies gilt auch mit Blick auf das Konjunktur-Doping durch Niedrigzinsen, Rohölpreisrückgang und Euro-Abschwächung, ohne das die Wirtschaftsaktivität schwächer ausfiele.»

In der Tat: Die extrem niedrigen Zinsen heizen die Konsumlust der Verbraucher zusätzlich an, schließlich lohnt es sich kaum noch, Geld auf Sparbüchern oder Tagesgeldkonten zu horten. Die Nürnberger GfK sieht die Konsumlaune hierzulande auf 13-Jahres-Hoch.

Verbraucher wie Unternehmen profitieren zudem vom Absturz der Rohölpreise: Billiges Öl drückt die Preise fürs Tanken und Heizen, die Industrie kann sich günstiger mit dem wichtigen Schmierstoff eindecken. Gepaart mit dem schwachen Euro, der deutsche Autos oder Maschinen in wichtigen Absatzmärkten wie Amerika und China tendenziell günstiger macht, wirkt das wie ein Konjunkturprogramm.

Dennoch warnen Experten wie Simon Junker vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): «Die Absatzrisiken für die Wirtschaft sind beträchtlich.» Die Erholung im Euroraum bleibe fragil, die politische Unsicherheit habe im Zuge der Debatte um den Verbleib Griechenlands im Währungsraum wieder erheblich zugenommen. «Das alles beeinträchtigt die Investitionsfreude der Unternehmen», sagt Junker.

Im Inland hadert die Wirtschaft zudem mit dem Mindestlohn, den die große Koalition aus Union und SPD zum 1. Januar 2015 eingeführt hat. Nach Ansicht des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) bringen die gesetzlich vorgeschriebenen 8,50 Euro pro Stunde gerade im Osten das Lohngefüge durcheinander. Dies führe dazu, dass trotz höheren Wirtschaftswachstums weniger neue Stellen entstünden: «Hier entsteht so etwas wie eine Job-Bremse», sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben diese Woche in Berlin.

Insgesamt bleibt der Ausblick für die deutsche Wirtschaft aber positiv, reihenweise erhöhten Volkswirte ihre Prognosen für 2015. Nach der Stagnation im Sommer hat Deutschland seine Rolle als Konjunkturlokomotive Europas wieder eingenommen. Und weil die hiesige Wirtschaft Fahrt aufnimmt und die Verbraucher kauflustig sind wie lange nicht, steigen auch die Importe. Und davon profitieren vor allem die EU-Partnerländer, die fast zwei Drittel aller Wareneinfuhren nach Deutschland liefern.

Kritikern, die Deutschland vorwerfen, mit Außenhandelsüberschüssen zulasten der Partnerländer zu leben, widerspricht Unicredit-Ökonom Andreas Rees: «Glaubt irgendjemand wirklich noch, dass die deutsche Konjunkturerholung auf Kosten der anderen Länder der Eurozone geht? Das Gegenteil ist der Fall.» Die deutschen Exporte zogen auch dank des schwächeren Euro zuletzt zwar kräftig an, dennoch war der Wachstumseffekt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gering: Denn die Importe erhöhten sich in ähnlicher Größenordnung.

«Für die schuldengeplagten Länder des Euroraumes ist die gute Botschaft, dass Deutschland auch wesentlich mehr importierte», erklärt Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank Gruppe: «Die deutsche Volkswirtschaft kommt also gewissermaßen ihrer europäischen Pflicht nach und schiebt auch das Wachstum in den benachbarten Ländern mit an.» Unicredit-Ökonom Rees ist überzeugt, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Denn es sei nur schwer vorstellbar, dass die anderen Euroländer in den kommenden Monaten nicht immer stärker von der deutschen Konjunkturerholung profitieren werden.