Bundespräsident besucht Polen
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht Polen seinen Dank und Respekt für die Aufnahme vieler Flüchtlinge aus der Ukraine aus. Jens Büttner/dpa
Besuch in Polen

Besuch Steinmeiers in Kiew geplatzt – „nicht gewünscht”

Eigentlich wollte Bundespräsident Steinmeier die erste Auslandsreise seiner zweiten Amtszeit nach Polen unternehmen. Das verhinderte seine Corona-Infektion. Nun ist er in Warschau.
dpa
Warschau

Eine geplante Reise von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Kiew ist geplatzt, weil er dort offensichtlich nicht willkommen ist.

Der polnische Präsident Andrzej Duda habe in den vergangenen Tagen angeregt, dass sie beide zusammen mit den Staatschefs der baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland in die ukrainische Hauptstadt reisen, „um dort ein starkes Zeichen gemeinsamer europäischer Solidarität mit der Ukraine zu senden und zu setzen”, sagte Steinmeier am Dienstag bei seinem Besuch in Warschau. „Ich war dazu bereit. Aber offenbar – und ich muss zur Kenntnis nehmen – war das in Kiew nicht gewünscht.”

Steinmeier: „Tiefer Respekt” für Flüchtlingsaufnahme

Steinmeier hat Polen für die Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge aus der Ukraine gedankt und dem EU-Partner dafür weitere deutsche Unterstützung zugesagt.

„Ich empfinde wirklich tiefen Respekt und auch große Dankbarkeit für die großzügige und gut organisierte Aufnahme der Geflüchteten hier in Polen”, sagte er am Dienstag in Warschau nach einem Gespräch mit dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda. „Ich weiß, dass das nicht einfach ist.”

Es handele sich um einen „enormen Kraftakt”, an dem sich Deutschland weiter solidarisch beteiligen werde, sagte Steinmeier. „Das ist eine gemeinsame Aufgabe für die gesamte Europäische Union und ihre Partner. Wir lassen, das verspreche ich, Polen und die anderen Nachbarn der Ukraine damit nicht alleine.”

Duda, der Steinmeier einen „erprobten Freund Polens” nannte, bat um Hilfe für die Errichtung eines Finanzfonds für diese Aufgabe. Es gehe um Mittel etwa für Sprachkurse, die gesundheitliche Versorgung oder für Schule und Ausbildung für die Geflüchteten. Steinmeier sagte Polen deutsche Unterstützung dafür zu, weitere EU-Mittel zu bekommen.

Duda verlangte auch eine weitere militärische Unterstützung. „Wir wollen eine stärkere Präsenz der Nato an der Ostflanke haben”, sagte er. Russland habe die Nato-Russland-Grundakte von 1997 völlig zunichte gemacht, diese sei nicht mehr verbindlich. „Die Nato hat keine Verpflichtungen mehr gegenüber Russland. Russland hat gezeigt, dass es keine Pakte und keine Verträge respektiert, die es schließt.”

Nötig seien auch „weitere schmerzhafte Sanktionen gegen das Putin-Regime”, die das Prestige Russlands träfen. Duda nannte zum Beispiel den Boykott russischer Sportvereine und den Ausschluss von Sportveranstaltungen sowie den Entzug der Stimme Russlands in internationalen Gremien.

Duda lehnte eine „Zwangsverteilung” der aus der Ukraine kommenden Flüchtlinge in der Europäischen Union strikt ab. „Das sind unsere Freunde”, betonte er. Sie müssten die Freiheit haben, dort zu leben, wo sie es wollten. Steinmeier appellierte aber an andere EU-Staaten, noch mehr Engagement bei der Aufnahme von Flüchtlingen zu zeigen.

Deutliche Unterschiede sichtbar

Bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Steinmeier und Duda wurden hinsichtlich der militärischen Unterstützung der Ukraine und der Befreiung von der Energieabhängigkeit von Russland deutliche Unterschiede sichtbar. Duda schilderte, dass Polen Waffenkäufe für die polnischen Streitkräfte plane, um diese zu modernisieren.

Steinmeier wies darauf hin, dass die Bundesregierung bereits Entscheidungen wie das Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr getroffen habe, die von Deutschland nicht erwartet worden seien. Zudem liefere man jetzt Waffen nicht nur in ein Spannungs- sondern ein Kriegsgebiet. Auf die Frage, ob dazu künftig auch schwere Waffen wie Panzer gehörten, antwortete Steinmeier ausweichend.

Den Bezug von Öl und Gas wolle Deutschland so schnell wie möglich reduzieren, sagte Steinmeier. „Wir sagen aber auch mit Blick auf unsere Wirtschaftsstruktur, zu der eine starke Chemieindustrie gehört, geht es nicht ganz so rasch wie manche sich das gegenwärtig wünschen.” Derjenige, der die Sanktionen ausspreche, dürfe sich nicht stärker schädigen als den Sanktionierten.

Duda machte deutlich, dass Polen schon vor Jahren angefangen habe, seinen Energiebezug zu diversifizieren. Er hoffe, dass Polen schon im kommenden Herbst von Gasimporten aus Russland unabhängig sein werde.

© dpa-infocom, dpa:220412-99-895617/4

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