Die coole Wundertüte – Das Bauhaus wird 100

Bauhaus Weimar
Im Zentrum des Weimarer Bauhaus-Museums steht eine Sammlung von Werkstattarbeiten des Bauhauses, die Gropius in den 1920er Jahren anlegte. Foto: Michael Reichel

– Wenn jemand sagt, er sei gerade eher so „Bauhaus-mäßig” drauf, dann meinen Leute damit meist einen eher minimalistischen Stil. Kantige Möbel, viel Weiß, vielleicht mit etwas Blau oder Rot.

Dabei ist Bauhaus auch eine Wundertüte, mancher Inhalt wird zur Überraschung. «Walter Gropius war so geschickt, so ziemlich alle Strömungen der Moderne in diese Schule zu holen», sagt Marion von Osten, Kuratorin der Berliner «Bauhaus Imaginista». Vor einem Jahrhundert, am 1. April 1919, gründete der Architekt Gropius die Kunst- und Design- und Architekturschule.

Zum Jubiläumsjahr wird entsprechend geklotzt. Drei neue Museen in den drei Bauhaus-Städten Weimar, Dessau und Berlin entstehen oder werden saniert - 52 Millionen Euro gibt es dafür vom Bund.

Nah am Jubiläumstag eröffnet am 5. April das Haus in Weimar. Ausgestellt werden dort etwa Kinderzimmermöbel aus dem «Haus am Horn», dem weißen Kastenbau, der wie viele andere Bauhausstätten zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. «Wir haben jetzt Platz für größere Stücke aus unserem Bestand, die wir aber selten oder auch noch nie gezeigt haben», heißt es bei der Klassik Stiftung Weimar.

Zuvor war das Bauhaus-Museum seit 1995 in einer viel zu kleinen ehemaligen Kunsthalle untergebracht. Nun können mehr als 1000 der etwa 13.000 Sammlungsobjekte gezeigt werden.

Das Gebäude - ein grauer Kubus - kommt ohne Schnörkel aus. Gestritten wurde über eine Glasfassade, auf die nun verzichtet wurde. Zum beliebten Fotomotiv dürfte sich die Außenwand mit Leuchtstreifen dennoch entwickeln. Auch über den Standort wurde diskutiert: Das Gebäude steht an einem sensiblen Ort mitten in der Stadt - an der Schnittstelle zwischen dem klassischen Weimar und dem einstigen NS-Gauforum. Die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora plant dort eine Ausstellung über die NS-Zwangsarbeit.

«Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!», beginnt Gropius das Manifest, von dem alles ausgeht. Der manuelle Entstehungsprozess wird zur Erlösung stilisiert. «Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk», fordert Gropius. Herzstück der neuen Schule sind folglich die Werkstätten, für die ein drei Seiten umfassender Lehrplan entsteht.

Als Gropius das «Staatliche Bauhaus» gründet, haben die Menschen gerade den Ersten Weltkrieg hinter sich. Und Deutschland schafft seine erste Demokratie, die nur kurz währen soll. Die neue Kunsthochschule soll Handwerk, Architektur, Kunst und Leben verbinden - ein Versuchslabor für eine humanere Gestaltung der Gesellschaft.

Gropius setzt schon mit der Wahl der als «Meister» fungierenden Lehrenden auf internationale Ausrichtung: der Deutsch-Amerikaner Lyonel Feininger, die Schweizer Johannes Itten und Paul Klee, der Russe Wassily Kandinsky, der Ungar Lázló Moholy-Nagy. So werden früh globale Netzwerke geknüpft, noch bevor das Bauhaus unter politischem Druck erst nach Dessau (1925), dann nach Berlin (1932) umzieht. Dort ist ein Jahr später Schluss. Die Nazis stufen Werke einiger Bauhäusler als «entartete Kunst» ein. Viele Künstler gehen ins Ausland.

Die früh angelegte und nach dem Ende forcierte Wechselwirkung mit der Welt steht für die Vielschichtigkeit. Das Bauhaus gibt es zwar nur 14 Jahre. «Aber die Entwicklung ist sehr dynamisch gewesen», analysiert der Architekt Philipp Oswalt, der an der Universität Kassel unterrichtet. Zudem gibt es die Idee, Alltag und Gesellschaft zu verändern. «Das ist etwas, was man mit dem Bauhaus sehr stark verbindet: Die Erwartung, dass der Gestalter in die Gesellschaft hineinwirkt und zur Verbesserung der Alltagswelt beiträgt.» Auch Architekten denken in der Zeit Wohnen neu, etwa mit der Siedlung Dessau-Törten.

Im Lauf der Jahrzehnte findet sich Bauhaus in Chicago oder in der «Weißen Stadt» von Tel Aviv. Manche Kuratoren und Forscher warnen aber auch, dass eben nicht alle Gebäude, die weiß sind und ein Flachdach haben, Bauhaus sind.

Wer heute ein Stück Bauhaus will, stellt sich die Kugellampe ins Wohnzimmer. Oben rundes Glas und unten ein Metallfuß. Die Wagenfeld-Leuchte ist eines der Designbeispiele für das Bauhaus, ebenso der Stahlrohrstuhl Freischwinger. Manche Experten finden es schwierig, von «dem Bauhaus» zu sprechen. Und der eine oder andere Laie wundert sich, wenn - ausgehend von einer Zeichnung Paul Klees - im Museum heute Knüpftechniken analysiert werden.

In Deutschland gibt es zum Jubiläum viel Programm, das Besucher in Städte und Regionen ziehen soll. Unter dem Motto «Die Welt neu denken» erinnern mehr als 500 Veranstaltungen an die Gründung der einflussreichen Talentschmiede. Elf Länder, der Bund und die drei Bauhaus-Institutionen in Weimar, Dessau und Berlin haben sich für das Jubiläumsjahr zusammengeschlossen

Dazu zählen unter anderem:

«bauhaus imaginista» - Abschluss eines internationalen Ausstellungs- und Forschungsprojekts noch bis 10. Juni im Haus der Kulturen der Welt, Berlin.

«Das Bauhaus kommt aus Weimar» - Jubiläumsausstellung der Klassik Stiftung Weimar vom 6. April an.

«Original Bauhaus» - Jubiläumsausstellung des Berliner Bauhaus-Archivs vom 6. September bis 27. Januar 2020, in der Berlinischen Galerie.

«Versuchsstätte Bauhaus» - Jubiläumsausstellung der Stiftung Bauhaus Dessau, vom 8. September an.

«Triennale der Moderne» - Drei Architektur-Wochenenden in Weimar (26.9.-29.9.), Dessau (4.10.-6.10.) und Berlin (11.10.-13.10.).

«Grand Tour der Moderne» - Ganzjährig und deutschlandweit führt eine eigens konzipierte Route Besucher durch 100 Jahre Geschichte zu 100 ausgewählten Orten quer durch die Republik.